Bloß kein Angstschweiß

Offenbach - Die schwarz-gelbe Attacke kommt aus der Tiefe des Raums. Sie kennt gleich mehrere Ziele: Herzhaften Bierschinken, saftigen Obstkuchen, schokoladige Creme. Wenn die Wespen anrücken, vergeht vielen die Lust aufs Frühstück im Freien. Von Martin Kuhn

Es folgen deftige Flüche, hektisches Wedeln und beleidigter Verzicht. Und nicht selten greifen die Offenbacher zum Telefon, wenn aus dem vereinzelten ein gebündelter Angriff wird, und rufen die Feuerwehr. Die kleinen Tiere werden gerade im Spätsommer als bedrohlich empfunden. „Erstens sind sie das nicht. Zweitens hilft die Feuerwehr nicht“, sagt Rolf Weyh, Diplom-Biologe im Umweltamt.

Keine Hektik

Der Mann hat gut reden. Mit seiner sonoren Stimme und seiner bedächtigen Art ist Weyh garantiert ein Wespen-Versteher und Hornissen-Flüsterer. Man kann ihm entgegen halten: „Aber diese Viecher sitzen auf meinem Brotbelag.“ Des Biologen erster Rat: Keine Hektik. Die Bürger informiert und berät er per Telefon, mitunter schaut er sich die Angelegenheit persönlich an. Aber Wespen- oder Hornissennester beseitigen – das war einmal: „Wir machen das nur in ganz wenigen, begründeten Fällen.“ Und eine solche Beseitigung erfordert unbedingt die Genehmigung durch die untere Naturschutzbehörde, sprich: das städtische Umweltamt. Wie oft kommt das vor? „Zwei, drei mal im Jahr.“ Handlungsbedarf besteht nur an neuralgischen Orten – etwa bei Kindertagesstätten.

Zwei Arten: die gemeine und die deutsche Wespe

Rolf Weyh lobt die Offenbacher: „Die Zeiten, als den Tieren mit Häme und Hass begegnet wurde, sind vorbei. Zum Glück. Es sind überwiegend friedfertige Wesen.“ Aber Wespe ist nicht gleich Wespe und erst recht nicht Hornisse. Plagegeister, erklärt Weyh, sind vor allem zwei Arten: die gemeine und die deutsche Wespe. Sie stürzen sich als einzige auf Lebensmittel, die andere Gattungen nicht interessieren. Kritisch kann’s nur werden, wenn die Insekten Gefahr für ihre Nester verspüren. Und die sind nach Ansicht des Biologen schnell zu erkunden: „Wo sie verstärkt ein- und ausfliegen; etwa unter Dachtraufen. Aber aufgepasst! Es gibt keine goldene Regel. Einige Völker bauen ihre Nester auch in alten Mäuselöchern.“

Wenn aus Wespennestern im Boden oder Gebäuden abfliegende Tiere Fußwege kreuzen, werden mit kleinen Mitteln Attacken minimiert: „Es genügt meist, in geringer Entfernung vor dem Flugloch, am besten nachts, ein breites Brett oder eine Pappe quer zur Flugrichtung anzubringen, um die Tiere in eine andere Richtung zu lenken. Wenn das ohne Hast oder Erschütterungen geschieht, sind Angriffe nicht zu erwarten.“ Und Rolf Weyh erinnert daran: Wespen, Hornissen und Hummeln stechen nur, wenn sie sich bedroht fühlen. Die einzeln lebenden Wildbienen wie die im Boden nistenden Sandbienen oder in kleinen Maueröffnungen, Bohrlöchern oder morschem Holz nistenden Mauerbienen versuchen meist nur zu stechen, wenn man sie festhält oder sie in der Kleidung gefangen sind.

Auffällig helle Kleidung auf gebräunter Haut kann Aggressionen auslösen

Bei vernünftigem Umgang mit den Insekten sei in aller Regel ein Miteinander ohne gegenseitige Beeinträchtigung möglich: In Nestnähe können sich Wespen durch dunkel gekleidete Personen bedroht fühlen. Das sei möglicherweise eine angeborene Reaktion auf natürliche Feinde wie Dachs oder Bär. Allerdings können sich Wespen schnell an Menschen in ihrem Umfeld gewöhnen, solange diese sich ruhig bewegen und nur langsam aufs Nest zugehen.

Auffällig helle Kleidung auf gebräunter Haut (hoher Kontrast) kann in Nestnähe bei Honigbienen und Wespen Aggression auf Hautpartien am Rand der Kleidung wie Hemdärmel, Rocksaum, Hosenbein auslösen, wenn ihre Träger sich hastig bewegen. Bei einer Begegnung mit Wespen sollte Ruhe bewahrt werden. In keinem Fall sollte nach anfliegenden Tieren geschlagen werden. Weyh: „Es ist übrigens kein Witz: Angstschweiß löst Angriffe aus.“

Zu guter Letzt erinnert der Biologe an die nützlichen Aspekte der Schwarz-Gelben: „Für Gartenbesitzer sind Wespen eher nützlich, weil sie außerordentlich fleißige Schädlingsbekämpfer sind. Ein Hornissenvolk benötigt beispielsweise zur Ernährung seiner Brut sieben bis zwölf Kilogramm Insekten in einem Sommer. Viele Blütenpflanzen werden von Wespen bestäubt. Die Bestäubung mancher Kulturpflanzen, wie die des als Viehfutter angebauten Rotklees, aber auch von Erbsen und Bohnen, erledigen überwiegend die Wildbienen und Hummeln.“

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