Bloß nicht ohne Kamera

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Beschwerlich war für manche Besucher der Ex-Deponie Grix der Weg hinauf zum Gipfel. Belohnt wurde das aber mit fantastischem Ausblick. Foto: Georg

Offenbach - Im Flachland zu wohnen bietet ja eine Menge Vorteile, die von bequem in die Radpedalen treten bis maximaler Sonnenscheindauer reichen. Aber auf einem Berggipfel stehen und den Fernblick genießen - das ist einfach unschlagbar. Von Silke Gelhausen

Zahlreiche Bürger nutzten dieses einmalige Erlebnis auf dem 179 Meter hohen Schneckenberg, der zum zweiten Mal während des Sommerfestes der ESO (Eigenbetrieb der Stadt Offenbach) der Öffentlichkeit zugänglich war.

So ist die ehemalige Deponie Grix am Samstag wieder fest in der Hand von Gipfelstürmern und Gipfelschiebern, die per (Elektro-)Fahrrad oder zu Fuß den Berg erklimmen. Nicht jeder Radler kommt dabei nämlich auf dem Sattel sitzend ans Ziel. Robert Rott, Dietzenbacher Auszubildender bei der GOABike, flucht keuchend auf sein Batterie-Vehikel: „Mitten drin hat der Schub aufgehört! Der Akku ist nicht leer, mit dem Schub stimmt was nicht!“ Eine Foto-Georg-Postkarte der Frankfurter und Offenbacher Skyline bei Dämmerung mit dem Stempel „Über den Dächern Offenbachs – Grix Gipfelstürmer 2011“ bekommt er natürlich trotzdem. Und Mineralwasser gegen den Durst hält der ESO auch bereit.

Der Ausblick ist fantastisch, der Wind allerdings frisch, nach dem Temperatursturz der vorangegangenen Nacht ist etwas zum Überziehen dringend angeraten. Radler im T-Shirt treten deshalb auch schnell wieder die Abfahrt an, so wie Familie Schug aus der Buchhügelallee. Vater Peter kommt gerade leicht verschwitzt mit seinen Kindern und den muskelkraftbetriebenen Rädern unten an: „Ich ärgere mich, keinen Fotoapparat dabei gehabt zu haben. Das holen wir aber nach. Wir fahren jetzt nach Hause und bewaffnen uns mit Geocache, Jacken und Kamera. Dann fahren wir nochmal hoch.“

Ältere Dame stand plötzlich am Abgrund

Von den Söhnen Philip (8) und Alexander (14) kommt kein Wort des Protests. Dem kleineren hat das Runtersausen mehr Spaß gemacht, dem größeren das Raufkraxeln. Wunderbare Ergänzung also. Überhaupt soll sich das Hoch- und Runterlaufen in geordneten Bahnen abspielen. Beim letzten Deponiefest waren zahlreiche Querläufer dabei, die partout die Abkürzungen über die Wiesen nehmen wollten. Eine ältere Dame stand gar plötzlich vor einem Abgrund und wusste nicht mehr vor oder zurück. Damit das nicht mehr passiert, hat man in diesem Jahr Streckenposten der SKG Rumpenheim rund um den Hügel platziert. In der Vergangenheit tauchte immer wieder die Frage auf, warum denn der Berg nicht dauerhaft als Naherholungsgebiet geöffnet wird. Stadtrat Paul-Gerhard Weiß verweist dazu in seiner Eröffnungsrede an den Stand der EEG (Entwicklung, Erschließung, Gebäudemanagement GmbH), die große Schautafeln über Deponiekontrolle und -aufbau mitgebracht hat. EEG-Projektleiter Hartmut Krähling erklärt: „Als festgestellte Altlast ist die Deponie einzuzäunen und zu sichern.“

Die r.m.n. (Rhein-Main-Deponienachsorge GmbH) kümmert sich um Entgasung, Grundwasser und deren Kontrollen. Theoretisch könnte der Hügel irgendwann freigegeben werden, wenn die Gasproduktion keine gefährlichen Werte mehr erzeugt. Wann das sein wird, weiß niemand. Kein Grund für die r.m.n, nicht aus der Not eine Tugend zu machen und die günstige Hanglage zumindest als Standort für 2,9 Hektar Photovoltaik-Anlagen zu nutzen. Ende des Jahres soll Baubeginn sein. 1,4 Millionen Kilowattstunden könnten dann nach sechs Monaten Bauzeit 560 Haushalte mit Strom versorgen.

Bilder vom Sommerfest

ESO-Sommerfest auf Schneckenberg

Energie ist am Fuße des Schneckenbergs ohnehin ein großes Thema. Zusammen mit Klima- und Artenschutz. Das Forstamt etwa hat einen Holzklotz mit einer Seitenlänge von 14,5 Zentimetern und 3050 Kubikzentimeter Volumen mitgebracht. Die Masse entspricht dem Holz-Zuwachs pro Sekunde in Stadt und Kreis Offenbach. Und das Kulturzentrum am Schneckenberg hat ein Modell des Deponieberges aufgebaut. Vorsitzender Klaus Keller ist Optimist: „Hier kann man schon die Photovoltaikanlage und unseren geplanten Kultur- und Naturlehrpfad sehen.“ Wann letzterer Wirklichkeit wird, steht noch in den Sternen.

Sehr schade: Die Besucherzahl reichte nicht an die des Jahres 2009 heran, was wohl am Wetterumschwung gelegen hat. Gummistiefel, wie sie die Bürgermeisterin vorsorglich angezogen hat, brauchte man indes nicht. Eine dicke Hackschnitzelunterlage bewahrte die Besucher zuverlässig vor schlammigen Füßen.

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