Bombenfund und Entschärfung

Bange Stunden im Nordend

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Dieser Sprengkörper aus dem 2. Weltkrieg sorgte in Offenbach für Aufregung.

Offenbach - Offenbach ist vieles: Kreativstadt. Großstadt. Seit gestern irgendwie auch ein bisschen Bombenstadt. Bereits zum zweiten Mal innerhalb von vier Monaten sorgte ein Sprengkörper aus dem 2. Weltkrieg für Aufregung. Von Eva-Maria Lill

„Nur diesmal eben nicht in der Nähe der Autobahn“, seufzt Rudi Neu, Pressesprecher der Polizei. Ansonsten klingt der Vorfall schon nach Déjà-vu: Der Kampfmittelräumdienst entdeckt bei routinemäßigen Überprüfungen eine 500 Kilogramm schwere Fliegerbombe. Allerdings nicht wie im August unter der Autobahn 3, sondern an der westlichen Spitze der Hafeninsel.

Vorsichtshalber werden die Straßen im Umkreis von 500 Metern gesperrt und rund 400 Anwohner evakuiert. Betroffen sind die erste Häuserreihe am Nordring und die gegenüberliegende Mainseite. Auch der Flugverkehr über dem Gebiet ruht, Schiffe dürfen nicht mehr fahren. Erster angepeilter Entschärfungstermin ist 16.30 Uhr. Doch es kommt zu Verzögerungen. Auf Frankfurter Seite muss erst ein Betrieb stillgelegt werden, der mit Propangas arbeitet. Auch ein Tanker ankert vor Ort und wird vorsorglich leer gepumpt. Durch die Sperrung der Carl-Ulrich-Brücke ist ein Verkehrschaos abzusehen. Faktoren, die für Unruhe sorgen.

Rund 100 Helfer des Deutschen Roten Kreuzes und des Arbeiter-Samariter-Bundes halfen den Einwohnern bei der Evakuierung. Letztendlich fanden nur etwa 40 Betroffene ihren Weg in die Stadthalle – der Rest suchte wegen der Bombe anderweitig Zuflucht.

Gegen 18 Uhr dann Entwarnung: Der amerikanische Sprengkörper wurde erfolgreich entschärft, die Anwohner dürfen zurück in ihre Häuser. Im Vergleich zur A3-Bombe im August also ein mehr als glimpflicher Ausgang. Damals musste kontrolliert gesprengt werden, die Folge war ein metertiefer Krater in der Fahrbahndecke. „Das Projektil unter der Autobahn hatte einen chemischen Zünder, der am Hafen zwei mechanische“, erklärt Gerhard Gossen, Chef des hessischen Kampfmittelräumdienstes. Diese seien weniger gefährlich und einfacher in der Handhabung. Trotz der Ausgangslage gehen die Experten kein Risiko ein: „Bomben werden prinzipiell immer an Ort und Stelle entschärft“, erklärt Dieter Schwetzler vom Regierungspräsidium Darmstadt, „Schneller als man denkt, kommt es beim Transport zur Detonation. Am wichtigsten ist vor allem die Sicherheit der Bevölkerung.“

Am Vormittag war noch unklar, ob die Entschärfung gelingt ...

Nach dem Katastrophenschutzplan ist die Stadthalle erste Anlaufstelle für Evakuierte. Dort bereiten sich mehr als 60 Einsatzkräfte des Deutschen Roten Kreuzes und des Arbeiter-Samariter-Bundes auf die Anwohner vor. „Die Erfahrung zeigt, das nur etwa zehn Prozent der Betroffenen in städtischen Hilfsstationen aufschlagen. Je nachdem, wie schnell es gehen muss. Der Rest kommt bei Bekannten unter oder vertreibt sich den Abend anderweitig“, verrät Feuerwehr-Chef Uwe Sauer. Von den 400 Betroffenen werden rund 40 mit Bussen in die Stadthalle gefahren. Die Stimmung ist gemischt. Zwischen zwei Stühlen spielen Kinder Seilhüpfen und lachen. An der Wand streichelt ein sichtlich schockierter Junge eine ängstliche Katze, sein Blick ist leer.

500-Kilo-Bombe im Hafen gefunden

500-Kilo-Bombe im Hafen gefunden

... aus diesem Grund wurde vorsorglich der Nordring gesperrt ...

Auch am Tisch von Ellen Carouge und Hannelore Elstner gehen die Meinungen auseinander. „Da wird schon nichts passieren“, lautet der Tenor. Aber: „auf der A3 hat’s ja auch nicht geklappt.“ Der Bombenfund vom August steckt noch in den Köpfen, nur schwer will sich Optimismus ausbreiten. Die Feuerwehr ist darauf vorbereitet, die Menschen notfalls auch über Nacht zu versorgen. Ein Szenario, dass sich niemand so richtig ausmalen mag.

... und etwa 400 Anwohner evakuiert.

„Das war schon ein Schock“, berichtet Rentnerin Carouge, „Als ich aus dem Fenster gesehen habe, standen da plötzlich zwölf, dreizehn Polizeiwagen. Ich hatte gerade noch Zeit, meine Lockenwickler wegzupacken.“ Ungläubigkeit auch bei ihrer Freundin Elstner: „Eine Nachbarin hat mich angerufen. Erstmal dachte ich, dass sie sich einen Spaß mit mir erlaubt. Als es dann zehn Minuten später an der Tür klingelte, wollte ich es erst gar nicht wahr haben.“ Zum Ernstfall kommt es nicht. Die Erleichterung ist groß, als die Bombe entschärft und die Gefahr vorüber ist. Ende gut, alles gut? Wohl eher nicht, wie Gerhard Gossen verdeutlicht: „Wir werden bei Bauarbeiten vor allem im Rhein-Main-Gebiet immer wieder auf solche Fliegerbomben stoßen.“

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