Offenbacher Aushängeschild der Jugendarbeit ausgebremst/ Nur Leistungssportler dürfen ran

Boxclub im Knockdown

„Momentan läuft gar nichts“: Boxclub-Chef Bernd Hackfort hofft, dass der Betrieb des Vorzeigeprojekts an der Hafenallee ab Mitte März wieder hochgefahren werden kann.
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„Momentan läuft gar nichts“: Boxclub-Chef Bernd Hackfort hofft, dass der Betrieb des Vorzeigeprojekts an der Hafenallee ab Mitte März wieder hochgefahren werden kann.

Der Boxclub Nordend genießt als Gewaltpräventions- und Integrationsprojekt bundesweite Anerkennung. Doch dieses Aushängeschild der Jugendarbeit wird seit fast einem Jahr ordentlich ausgebremst – die Pandemie schränkt das Angebot und die Möglichkeiten des Vereins enorm ein und bringt vor allem die sozialarbeiterische Komponente zeitweise zum völligen Stillstand.

Offenbach - Die Pfeiler, auf denen das Projekt vor gut 18 Jahren errichtet wurde, waren die Idee, sozial auffällige oder gewaltbereite Jugendliche, aber auch sozial benachteiligte Heranwachsende zu unterstützen und sie durch den Boxsport in der Spur zu halten. Dabei stand von Anfang an die Nachhaltigkeit ausdrücklich mit im Mittelpunkt, berichtet Geschäftsführer Bernd Hackfort, der das Projekt 2003 gemeinsam mit Sozialarbeiter Wolfgang Malik im Jugendzentrum Nordend aus der Taufe hob. Die auffälligen Jugendlichen werden in ihren Entwicklungsprozessen unterstützt und bekommen Fertigkeiten vermittelt, zukünftig auf Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung zu verzichten. Faktoren wie Pünktlichkeit, Respekt und gegenseitige Wertschätzung bilden eine wichtige Grundlage für die oft mit Gewalt und Gesetz in Konflikt geratenen Jugendlichen, sich in die funktionierende Gesellschaft zu integrieren. Die sportliche Betätigung beim Boxsport dient außerdem als Ventil, Wut auf eine andere Weise als durch Gewalt zu kanalisieren.

Der Verein, der heute etwa 180 Mitglieder zählt, zeichnet sich aber auch durch seine Vernetzung des Boxsports mit professioneller Sozialarbeit aus, um auf die unterschiedlichen Problemlagen der Jugendlichen einzugehen. Dazu zählt aktuell die Bewerbungs- und Berufsorientierungshilfe, die über die Mainarbeit finanziert werden. Außerdem kooperiert der Boxclub mit dem Staatlichen Schulamt und den Offenbacher Schulen in der Schulabbrecherprojektgruppe: In Halbtagsbetreuung sollen Schulabbrecher oder Jugendliche, die der Schule verwiesen wurden, wieder auf Kurs gebracht werden, um ihnen den Rückweg auf die Schulbank zu ermöglichen.

Darüber hinaus wird seit fast 15 Jahren mehrfach pro Woche eine Hausaufgabenhilfe angeboten, deren Finanzierung aus eigenen Mitteln, aber auch aus Sponsorenbeiträgen der Stadtwerke besteht. Hier geht es darum, Jugendliche zu fördern, deren schulische Leistungen auf der Kippe stehen. Nach Einsicht der Zeugnisse wird an den Fächern, in denen es eine schlechtere Note als ein „Befriedigend“ gibt, gefeilt. Das übernehmen Honorarkräfte - von denen übrigens auch einige selbst aus dem Boxsport kommen. „Bei dem Klientel, mit dem wir arbeiten, muss man authentische Kräfte haben“, lobt Bernd Hackfort diesen Vorteil und fügt hinzu: „Und die müssen vielleicht auch mal auf den Tisch hauen können.“

Viele Jugendliche finden im Boxclub Nordend eine feste Größe für ihren Alltag - und das führt wesentlich weiter als „nur“ zum Rauslassen angestauter Wut und Aggression: Mittlerweile spielt der Verein auch in den oberen Ligen mit - „die Leistungsgruppe der Mädchen ist ein absolutes Aushängeschild“, erzählt Hackfort.

Vor einem Jahr war noch alles in Ordnung, noch im Januar waren vier Boxerinnen auf einem Turnier in Serbien, direkt danach in Schweden – und eine Woche später ging es los mit der Gerüchteküche über Covid. Beim ersten Lockdown im letzten Frühjahr wurde „erstmal dicht gemacht“. Um die Jugendlichen physisch fit zu halten, wurden Trainingspläne verteilt.

So wurde vorwiegend zu Hause und alleine trainiert, ab und zu auch in der Halle an der Hafenallee. Das galt allerdings nur für die Leistungsboxer: Die Gruppen, in denen der soziale Aspekt überwiegt, durften von Februar bis Ende Mai gar nicht trainieren. Hausaufgabenhilfe und Unterstützung für Schulabbrecher gab es nur „vereinzelt für Härtefälle“: So wurden einige Kandidaten, die den Hauptschulabschluss für den Übergang auf die Realschule packen mussten, „durchgeschleift“.

Im aktuellen Lockdown sieht es noch ernüchternder aus: „Momentan läuft gar nichts“, seufzt Bernd Hackfort, „außer bei unseren Leistungssportlern“. Ohne Lockerungen mache es keinen Sinn, aufzumachen, aber er baue darauf, dass „so ab Mitte März wieder hochgefahren wird“. Bis dahin bleibt der Boxclub aber nicht untätig: So ist etwa diesen Monat eine Unterstützung für die Schulabbrecher und für die, die Vorbereitung auf den Realschulabschluss benötigen, „eine Art Homeschooling“ vorgesehen.

Etwa 70 bis 80 Jugendliche müssen derzeit auf das Angebot des Boxclubs verzichten. „Da bin ich aber guter Dinge, dass da so viele wie möglich wieder kommen“, gibt sich Bernd Hackfort zuversichtlich. Von den Leistungssportlern, die weiter trainieren dürfen, ist er beeindruckt: „Ich hätte nicht gedacht, dass die so diszipliniert sein können - da muss ich echt sagen: Respekt“. Denn zum täglichen Training treten immer noch 14 Boxer an.

Von Jan Schuba

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