Brach liegende Kapazitäten

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Bluten sollen die Mitarbeiter des Klinikums vorerst nur, wenn am Starkenburgring, wie am vergangenen Freitag, Blutspendetag ist.

Offenbach ‐ Die Mitarbeiter müssen ihre Chefin in spe mit ihrer konstruktiven Grundhaltung förmlich gerührt haben. „Wenn sich der Optimismus der Leute in Taten ausdrückt, dann sind wir konkurrenzlos“, schwärmt Franziska Mecke-Bilz gestern nach einer Betriebsversammlung. Von Thomas Kirstein

Auf dieser hat sie gemeinsam mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden, Stadtkämmerer Michael Beseler, und Oberbürgermeister Horst Schneider präsentiert, wie die Sanierung der desaströsen Krankenhausfinanzen gelingen soll. Wohl weiter mit ihr an der Spitze: Die Stadt bietet der bislang befristet abgeordneten Angestellten des kommunalen Berliner Klinikverbunds Vivantes einen Vertrag als Geschäftsführerin an.

Den Optimismus der Mitarbeiterschaft muss nun aber auch die Landesregierung teilen. Was als Rettungskonzept erarbeitet wurde, stellt für die Offenbacher die Erledigung der Hausaufgaben dar, die besonders Hessens Sozialminister Stefan Grüttner als Voraussetzung für Landeshilfe verlangt hat.

275 Millionen Euro Altschulden

Was das Land konkret tun sollte, mögen Kämmerer Beseler und OB Schneider vor ihrer Wiesbaden-Reise in der nächsten Woche nicht öffentlich fordern. In erster Linie wird es darum gehen, wer die auf 275 Millionen Euro bezifferten Altschulden samt der jedes Jahr hinzukommenden 17 Millionen Euro für Neubau-Zins- und -Tilgung künftig trägt. In der Diskussion ist die Trennung von Besitz und Betrieb: Die Stadt übernimmt Immobilie und Schulden und hat dann insgesamt fast eine Milliarde Miese mit entsprechenden Zinslasten zu bewältigen. Der Offenbacher Anteil am Landes-Rettungsschirm (etwa 200 Millionen) wäre kaum Entlastung.

Ein optimal betriebenes Krankenhaus hingegen ist dank schwarzer Zahlen nicht nur begehrter Partner für kommunale Fusionen. Es wird, sozusagen auf Steuerzahlers Kosten, auch ein Übernahmekandidat für private Interessenten.

Vorerst greift in Offenbach niemand zu

Vorerst aber greift in Offenbach niemand zu. Das Defizit allein dieses Jahres wird sich (einschließlich Neubau-Raten) nicht auf 42, sondern auf 46 Millionen Euro belaufen. Optimismus erlaubt Chefin und Belegschaft indes Hoffnung auf rosigere Zeiten: 2015 könnte (die Neubau-Raten ausgeklammert) ein Gewinn herausspringen.

Zu diesem Zweck will Mecke-Bilz den im Vergleich zu anderen Häusern krass unproduktiven Klinikbetrieb umkrempeln. Ohne Sanierungsmaßnahmen, sagt sie, fehlen 2012 im operativen Geschäft 27 Millionen Euro, mit Maßnahmen nur 16,4 Millionen. Tendenz: 2015 bleiben sogar 1,7 Millionen Euro übrig. Geschätzt.

In den vergangenen Jahren gingen die Erlöse des Klinikums nur schwach, die Kosten dagegen immens hoch. Mecke-Bilz macht deutlich, dass Offenbach wegen mangelhafter Strukturen mehr ausgibt als notwendig. Vergleiche mit anderen Kliniken belegen das.

Material wird zu teuer eingekauft

Material wird zu teuer eingekauft. Die Personalproduktivität liege „deutlich unterhalb eines wettbewerbsfähigen Niveaus“. Die Auslagerung mancher Aufgaben, etwa die Zentralsterilisation, rechnet sich nicht. Als aufgebläht und ineffektiv organisiert gilt die Verwaltung. Elektronische Datenverarbeitung sei ein Stiefkind. Die Mecke-Bilzsche Liste der Optimierungsfälle ist lang.

Sie liest sich stellenweise auch wie ein Sündenregister, weil manche Verbesserung überfällig ist oder so wirkt, als sei die Absicht schon früher bekundet, aber nie umgesetzt worden. Etwa hatte die inzwischen entlassene Geschäftsführung noch 60 Leih-Kräfte eingestellt, anstatt den als notwendig erkannten Personalabbau einzuleiten. Jetzt fallen, wie angekündigt, 300 der rund 1700 Vollzeitstellen weg - ohne betriebsbedingte Kündigung. 90 sind es bereits weniger. Auf der Streichliste stehen auch 20 Arztstellen - wobei einige Abteilungen mehr Medizinern erhalten.

Mehr Patienten in Offenbach 

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Aus Fehlern lernen

Entscheidend für Mecke-Bilz ist, dass mehr Patienten in Offenbach behandelt werden. Die Chefärzte haben sich, wie der Ärztliche Direktor Prof. Norbert Rilinger bestätigt, mit unterschiedlicher Begeisterung auch schriftlich verpflichtet, die sogenannten Fallzahlen in einem realistischen Rahmen zu erhöhen. Das soll unter anderem ein „Einweiserbindungsprogramm“ bewirken. Unter anderem bemüht man sich jetzt um das Wohlwollen niedergelassener Ärzte, auch solcher, die früher mal verprellt wurden. Außerdem wird ein wirtschaftlicher Betrieb des offenbar unzureichend ausgelasteten OP-Bereichs angepeilt. Ein Manager in der Geschäftsleitung soll die Ausschöpfung der vorhandenen Kapazitäten organisieren, die bisher oft an einem Gegeneinander scheiterte.

Franziska Mecke-Bilz und Chefarzt-Sprecher Rilinger beschwören jetzt - „Alle machen mit“ - ein Miteinander: „Die Sanierung auf den Weg zu bringen, ist die letzte Chance.“

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