Ein junger Offenbacher in Fängen der Gestapo

Briefe aus Auschwitz

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Der Original-Ausweis von Walter Schirokauer, der im KZ Buchenwald ums Leben kam.

Offenbach - Von den Beteiligten ist keiner mehr am Leben. Was von ihnen blieb, sind ein paar Briefe, die in diesen Tagen auf dem Dachboden einer weitläufig mit ihnen verwandten Familie gefunden wurden. Sie berichten von einem Offenbacher Schicksal in der Zeit des Hakenkreuzes. Von Lothar R. Braun

Seinen Anfang nahm das alles vor 70 Jahren. Walter Schirokauer aus der Bismarckstraße 175 war der Sohn einer katholischen Mutter und eines jüdischen Vaters. Er war fünf Jahre alt, als seine Eltern sich 1929 scheiden ließen. 1939 rettete sich der Vater, ein Offenbacher Bankkaufmann, nach Shanghai, wo deutsche Juden noch am ehesten ein Einreisevisum erlangen konnten. Die Mutter arbeitete unterdessen als Prokuristin in einer Lederwarenfirma.

Ihr katholisch getaufter Sohn war 18 Jahre alt und hatte gerade das Abitur an der heutigen Leibnizschule bestanden, als sie ihn am 15. Dezember 1942 zum erstenmal zur Gestapo begleitete. Er war vorgeladen worden. Heimkehren musste sie ohne ihn. Man brachte ihn nach Darmstadt und ließ ihn erst am 15. Januar 1943 wieder frei. Einige Wochen danach musste sie ihren Sohn abermals zur Offenbacher Gestapo-Außenstelle an der Ludwigstraße begleiten. Danach sollte sie ihn nie wieder sehen.

Walter, nach den nationalsozialistischen Rassegesetzen ein „Mischling 1. Grades“, verschwand zunächst wieder in einer Darmstädter Gefängniszelle. Es wurde beschuldigt, einen anonymen Brief verfasst zu haben, über dessen Inhalt und Empfänger nichts mehr bekannt ist. Die Vernehmung, so berichtete die Mutter, habe nach zwei Minuten geendet. Der Gestapobeamte Stendal habe gefordert: „Sagen Sie, dass Sie diesen Brief geschrieben haben!“ Walter habe das bestritten. Worauf der Beamte den Aktendeckel schloss.

„Wenn ich freikomme, will ich Priester werden“

In Darmstadt erfuhr der Junge, was ihm bevorstand. In einem Brief an seine Mutter schrieb er: „Da ich erkannt habe, dass ich lediglich hier bin, weil Papa Jude war und außerdem die anderen Gefangenen alle sagen, nach der zweiten Verhaftung kommt man auf jeden Fall ins Lager, ist meine Zuversicht geschwunden.“ Und an anderer Stelle: „Wenn ich freikomme, will ich Priester werden. Wenn ich nicht loskomme, bin ich bald beim allmächtigen Gott.“

Der Original-Ausweise von Mutter Maria Schirokauer, die vergeblich um ihren Sohn kämpfte. 

Er rechnete mit der Einlieferung entweder ins Konzentrationslager Dachau oder ins Lager Buchenwald. Von Auschwitz wusste er nichts. Aber eben dorthin brachten sie ihn. Vergebens versuchte die Mutter, um ihren Sohn zu kämpfen. Zweimal reiste sie nach Berlin ins Reichsicherheits-Hauptamt der SS. Viermal sprach sie bei der Gestapo in Darmstadt vor, und viermal reichte sie schriftliche Gesuche ein. Sie blieben ohne Ergebnis. Ein Jahr lang blieb der Sohn in Auschwitz der Häftling mit der Nummer 122702, möglicherweise als Funktionshäftling oder im Rüstungsbetrieb. Er genoss das Privileg, Lebensmittelpakete zu empfangen und zweimal im Monat mit der Mutter zu korrespondieren. Einige seiner Briefe mit verblassender Handschrift sind erhalten. Sie haben eine Zensur durchlaufen und geben keinen Hinweis auf das Leben im Lager. Manche Zeilen hat der Zensor geschwärzt. Geduldet waren Bekundungen von Heimweh und Zuneigung. Einmal zum Beispiel schreibt der Häftling Schirokauer seiner Mutter: „Wie schön war es doch zu Hause, und wenn ich wiederkomme, soll es noch viel, viel schöner werden.“

Ein Priviligierter

Geschrieben werden durfte nur einseitig auf den Linien eines vorgegebenen Formulars. Aufgedruckt sind die Anweisungen des Lagerkommandanten für den Schriftverkehr mit Gefangenen. Punkt 6 zeigt an: „Entlassungsgesuche aus der Schutzhaft an die Lagerleitung sind zwecklos.“ Punkt 5 lässt erkennen, dass Walter Schirokauer offenbar zu den Privilegierten gehörte: „Pakete dürfen nicht geschickt werden, da die Gefangenen im Lager alles kaufen können.“ Man wird nicht erläutern müssen, dass dies eine zynische Lüge enthielt.

Schlechter scheint es dem jungen Offenbacher im KZ Buchenwald bei Weimar gegangenen zu sein, wohin er im Mai 1944 verlegt wurde. Dann durfte nur noch monatlich einmal korrespondiert werden. Von dort traf am 4. September 1944 bei Maria Schirokauer an der Bismarckstrae 175 die Nachricht des Lagerkommandanten ein: „Der Häftling Schirokauer ist am 30. 8 1944 an den Folgen von tödlichen Verletzungen beim feindlichen Fliegerangriff verstorben. Die Leiche wird im staatlichen Krematorium eingeäschert.“

Den Vater Hans Schirokauer konnte die Mutter erst 1947 über das Schicksal ihres Sohnes unterrichten. Sie hatte ihn in den Vereinigten Staaten gewähnt und ständig erwartet, dass er in einer amerikanischen Offiziersuniform bei ihr auftauchen werde. Doch er saß noch immer im chinesischen Shanghai fest, tagtäglich bemüht um Nachrichten aus dem fernen Deutschland.

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