Brücke zwischen Kulturen

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Fühlt sich in Offenbach heimisch: Marketing-Expertin Seval Kardas.

Offenbach - Regelmäßig führt Oberbürgermeister Horst Schneider frisch Zugezogene durch Offenbach. „Neubürgerfahrten“ nennen sich die Touren im Bus und per pedes. Von Stefan Mangold

An denen nehmen meist solche teil, von denen die Stadt nicht fürchten muss, sie könnten die leere Kasse durch Inanspruchnahme von Transferleistungen zusätzlich belasten.

Als Seval Kardas vor fünf Jahren in Offenbach die Koffer auspackte, ließ sie die Rundfahrt ausfallen. Sie ist eine, die der OB sicher freudig begrüßt hätte. Die frühere Dillenburgerin entschied sich für Offenbach, weil sie beim türkischen Medienkonzern World Media Group für dessen Sender Ebru-TV als Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit anfing. Kardas organisierte etwa die Reihe „Main Deutschland“ mit Referenten wie FDP-Minister Jörg-Uwe Hahn oder dem hessischen Datenschutzbeauftragten Michael Ronellenfitsch.

Zur Welt kam Kardas in Ankara

Zur Welt kam Kardas in Ankara. „Mein Vater musste zum Militär, meine Mutter zog mit.“ Der Vater war als Jugendlicher im Schlepptau seiner Eltern von Ankara nach Dillenburg umgesiedelt. Anfang der 70er Jahre war es im Ausland lebenden türkischen Männern noch verwehrt, den Militärdienst mittels Freikauf auf einen Monat zu kürzen.

Die Einberufung zu ignorieren, „das traute sich keiner“, gibt die 39-jährige Einblick in die Mentalität. Das türkische Militär gelte noch heute als „Schmiede der Männlichkeit“. Wer nicht auf dem Amboss der Armee gelegen habe, dem fehle ein Mosaik im geschlechtlichen Selbstverständnis.

„Meine Großeltern waren klassische Gastarbeiter,“ sagt die Frau mit dem sympathischen Lachen und dem aufmerksamen Blick, die in Bremen Wirtschaftsenglisch und Wirtschaftsarabisch mit Schwerpunkt Marketing studiert hat. Wie ihre Eltern die Tochter erzogen, entsprach mitnichten bekannten Klischees: „Meine Eltern wollten, dass ich studiere.“ Im Gegensatz zu anderen Mädchen habe sie im Haushalt eigentlich kaum helfen müssen, „stattdessen sollte ich die Hausaufgaben erledigen“. Im Kindergarten und der Schule „war ich immer die einzige Türkin“.

Starkes soziokulturelles Gefälle

In der Türkei herrsche ein starkes soziokulturelles Gefälle zwischen Stadt und Land. Ihre Mutter wuchs in Istanbul auf, „meine Eltern sind wohl auch deshalb keine Konservativen“. Kardas, selbst verheiratete Mutter eines zweijährigen Sohnes, unterscheidet sich nicht nur von der Mehrheit der türkischen Frauen, sondern auch von vielen Deutschen, die trotz emanzipatorischer Attitüde mit der Familiengründung ihre Bestimmung im Haushalt finden.

Das Jahr ihrer Elternzeit sei nicht leicht gewesen, erzählt Kardas. Die Gespräche mit anderen Müttern auf dem Spielplatz hätten „monothematischen Charakter“ gehabt. Wenn sie Türkinnen von sich erzähle, die in traditionellen Bahnen ihr Leben gestalten, „reagieren die keineswegs abweisend, sondern eher bewundernd“. Das Verhältnis zur Bildung ändere sich bei vielen Deutschtürken ohnehin. Anders als heute „gab es früher keine türkischen Vorbilder, die als gebildete Menschen hierzulande medial auftraten“.

„Ich fühle mich als Brücke zwischen den Kulturen“

Bevor Seval Kardas in Offenbach landete, war sie im Ausland tätig. In Syrien arbeitete sie für die Vertretung von Daimler, in Kairo für das Sinfonieorchester. In Istanbul pflegte die 39-Jährige, die fünf Sprachen spricht, für die Deutsche Messe AG Geschäftskontakte mit Firmen in Nahost. „Ich fühle mich als Brücke zwischen den Kulturen“, sagt sie, die irgendwann das Heimweh nach Deutschland eingeholt hat.

Die Arbeit für Messekunden sieht Seval Kardas als Fundament für den nächsten beruflichen Schritt. Bei Ebru TV beendet sie ein Projekt, „dann mache ich mich selbstständig“. Mit eigener Agentur organisiert sie für arabische Kunden Messeauftritte in Deutschland.

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