Rau, szenig, vielseitig

Buch „Offenbach Überleben“: Rein in die Klischeekiste!

Unterwegs im Kiez: Fotograf Jaewon Chung hat sich für das Buch „Offenbach überleben“ unter anderem in Hinterhöfen rumgetrieben und dabei Offenbacher getroffen, wie hier „Bonnie und Clyde“. -  Foto: Chung
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Unterwegs im Kiez: Fotograf Jaewon Chung hat sich für das Buch „Offenbach überleben“ unter anderem in Hinterhöfen rumgetrieben und dabei Offenbacher getroffen, wie hier „Bonnie und Clyde“.

Offenbach - Ghettokids und Nageldesigner, Technoklubs und Dönerbuden, Bürgertum und Multikulti. Das Buch „Offenbach Überleben – Über Leben in Offenbach “ wirft einen ungeschönten Blick auf die Stadt. Innerhalb weniger Wochen war das Buch vergriffen. Jetzt erscheint es in zweiter Auflage. Von Lisa Berins

Dass Offenbach cool ist, wissen mittlerweile sogar die Frankfurter – spätestens seit Sommer 2016. Da war eine Schar internationaler Journalisten in Offenbach unterwegs, um zu sehen, wie eine optimale Ankunftsstadt für Migranten aussehen kann. Als „Arrival City“ hatte das Deutsche Architekturmuseum Frankfurts Schwesterstadt auf der Architekturbiennale in Venedig in Szene gesetzt. Und so wurde Offenbach von den Medien als lässiger Underdog erkannt, der neben sozialer Unterschicht und Kriminalität eben auch Szene und Kultur zu bieten hat. Braucht es jetzt also ein Buch, das noch mal am Image der Stadt poliert?

Loimi Brautmann arbeitet am Image Offenbachs.

Nein, findet Loimi Brautmann, der mit seiner Agentur Urban Media Project das Buch gestaltet hat. „Wenn wir noch ein Buch gemacht hätten nach dem Motto Friede, Freude, Offenbach, hätten wir uns selbst gelangweilt.“ Es war Zeit für etwas Neues: Zu sehen sei deshalb auch die raue Seite der Stadt. Fotograf Jaewon Chung hat seine Kamera in Hinterhöfe, in Traditionsgeschäfte und asiatische Nagelstudios gehalten, in einen Gewölbekeller unterm Bieberer Berg, in dem edle Pilze gezüchtet werden, durch die Eingangstür des Technoklubs Robert Johnson, in appetitlich aussehende Auslagen von Wurst, Käse und Fisch.

Auf einem Bild hängen ein paar Jungs auf der Motorhaube eines teuren Autos rum, auf einem anderen posen Jugendliche wie Gangsta-Rapper vor der Kamera. Eine Sammlung von Knarren, Gewehren und Handgranaten ist in Nahaufnahme zu sehen: Sie seien in Offenbach beschlagnahmt worden. Wo sich diese Waffenkammer befindet, verrät das Buch allerdings nicht.

Erklärt wird ohnehin nicht allzu viel, die Texte von Daniel Brettschneider sind eher emotional und amüsant. Das Buch lebt vor allem von den glänzenden, aus ungewöhnlichen Winkeln aufgenommenen Bildern, von großen Überschriften und einem schönen Look. Ein Offenbach-Lifestyle-Buch, das auf Effekte zielt – und den Zeitgeist trifft. „Es war zehn Jahre lang notwendig, die Leute von Offenbach zu überzeugen, ihnen Orte, Menschen und Sachen zu zeigen, die man hier nicht erwartet und die sogar Alteingesessene nicht kennen“, sagt Loimi Brautmann. „Aber jetzt war die Zeit reif, eine andere Schiene zu fahren. Eine etwas härtere, die auch ein Stück weit das Klischee bestätigt, vor allem nach dem Offenbach-Hype in den letzten Jahren.“

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Die Macher des Buchs wollen gewissermaßen von dem Trittbrett springen, das sie selbst mit ins Rollen gebracht haben: Seit einigen Jahren betreibt die Agentur Urban Media Project die Webseite „Offenbach Loves You“ und bietet Stadtführungen im Kiez an, die sehr beliebt und meist innerhalb weniger Stunden ausverkauft sind. Die Idee zu „Offenbach Überleben“ sei von Hochschulprofessor Heiner Blum gekommen. Umgesetzt werden konnte sie mit finanzieller Unterstützung der Stiftungsprofessur „Kreativität im urbanen Kontext“ von der Hochschule für Gestaltung in Offenbach.

Sicherlich, Offenbach zu überleben ist eigentlich keine so große Kunst – aber das behauptet das Buch auch gar nicht. Vielmehr leuchten die Macher mit ebenso liebevollem wie selbstironischem Blick in die Ecken der schnoddrigen Stadt. „Am Ende kommen Touristen“ steht in fetten Lettern auf der letzten Buchseite. Eine Hoffnung, eine Verheißung – oder vielleicht doch ein Fluch?

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„Offenbach Überleben – Über Leben in Offenbach“, 96 Seiten, 10,69 Euro, im Buchhandel erhältlich

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