Buch über Offenbacher Widerstandskämpfer Otmar Hammerstein

Buch von Notker Hammerstein: Mein Bruder, der Deserteur

Offenbach - „Am Waldpark“ heißt eine beschauliche Straße auf dem Bieberer Berg. August Hammerstein, dem Rektor der Volksschule in Bieber, gehörte dort ein Eigenheim, das den Bombenkrieg heil überstanden hatte. Von Lothar R. Braun 

Im November 1945 erreichte den Rektor dort ein Brief aus den Niederlanden, der wochenlang von Hand zu Hand weitergereicht worden war. Darin teilte der Hammerstein-Sohn Otmar den Eltern mit, dass er am Leben sei. Das Kriegsende habe er als Aktivist im holländischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung überstanden. Zuletzt hatte die Familie von Otmar gewusst, dass er in Nordfrankreich als Militärarzt der deutschen Luftwaffe diente. Auf den Bieberer Berg ist der Fahnenflüchtige allerdings später nur noch zu Familienbesuchen zurückgekehrt. Er starb 2003 im Alter von 86 Jahren in Amsterdam als angesehener Psychiater.

Davon erzählt ein soeben erschienenes Buch, das der auf dem Bieberer Berg aufgewachsene Historiker Prof. Notker Hammerstein seinem älteren Bruder Otmar gewidmet hat: „Aus dem Freundeskreis der Weißen Rose.“

Widerstandskämpfer mit den Geschwistern Scholl

Es ist ein politisches Buch. Otmar gehörte in München zum Umfeld der 1943 hingerichteten Widerstandsgruppe um die Geschwister Scholl, die „Weiße Rose“. Der Autor zeichnet nach, wie die von Gelehrten, Künstlern und einem ausgeprägtem Katholizismus inspirierten Mitglieder zur rebellischen Tat gelangten. Aber daraus entstand auch ein Offenbacher Buch. Noch einmal begegnet der Leser verstorbenen Persönlichkeiten aus dem Offenbacher Bildungsbürgertum. Etwa dem Pädagogen und Lokalpolitiker Dr. Friedrich Grünewald und dem Mediziner Dr. Hermann Frühauf, die im kultursatten Haus Hammerstein bei Musik über moralische Werte in der Politik diskutierten. Die Gründung der Offenbacher CDU hat in diesem Kreis eine Wurzel.

Gewürdigt wird August Hammersteins Beitrag zum Wiederaufbau des Offenbacher Schulwesens nach 1945. Er engagierte sich in der Betreuung der Verfolgten des Naziregimes, organisierte an der Volkshochschule Kurse zu literarischen und philosophischen Themen und half beim Beschaffen von Lebensmitteln aus amerikanischen Armee-Überschüssen für hungernde Offenbacher.

Vorsitzender des katholischen Lehrervereins

Der erst 1976 verstorbene August Hammerstein war noch ein junger Lehrer in Lämmerspiel, als er in der Zeit der Weimarer Republik für die katholische Zentrumspartei aktiv wurde. Jahrelang leitete er als Vorsitzender den katholischen Lehrerverein in Offenbach. Sein Netz der Gleichgesinnten umspannte das gesamte Offenbacher Umland, da werden viele Namen genannt. Wobei freilich Konflikte mit der Geistlichkeit nicht ausblieben. Denn kirchliche Einflüsse auf die Schule lehnte August Hammerstein energisch ab.

Biografisches mischt sich in dem schmalen Band mit Darstellungen des schon viel beschriebenen Widerstands der Gruppe um die Geschwister Scholl. Mit den Augen eines Nahestehenden beschreibt Notker Hammerstein die Weichenstellung von der Empörung zur Tat. Das ist stets verknüpft mit eigenen Überlegungen zur Berechtigung und zu Formen des Widerstands in der Diktatur.

Das Buch gewährt Einblicke in einen dramatischen Abschnitt der jüngeren Geschichte. Dabei erwartet den Leser keineswegs eine wissenschaftliche Untersuchung. Mit Gewinn dürfen Notker Hammersteins Erinnerungen an den Bruder auch als eine Offenbacher Familiengeschichte gelesen werden.

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