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Vollendung der Thora-Rolle im Rathaus

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Während ein Schreiber die neue Thora-Rolle vervollständigt, unterhält sich Jubilar Rabbi Mendel Gurewitz (hinten 2. v. l.) mit Frankfurts Rabbiner Avichai Apel (l.) und Dr. Jacob Gutmark, dem Vorsitzenden des Landesverbands Jüdischer Gemeinden. -  Foto: Schuba
Während ein Schreiber die neue Thora-Rolle vervollständigt, unterhält sich Jubilar Rabbi Mendel Gurewitz (hinten 2. v. l.) mit Frankfurts Rabbiner Avichai Apel (l.) und Dr. Jacob Gutmark, dem Vorsitzenden des Landesverbands Jüdischer Gemeinden. © Schuba

Offenbach - Ein ganz besonderes Geschenk haben Mitglieder der jüdischen Gemeinde anlässlich des Dienstjubiläums von Mendel Gurewitz gemacht: Über eine neue Thora-Rolle darf sich der Rabbiner freuen, der die Offenbacher Gemeinde seit nunmehr 20 Jahren leitet. Von Jan Schuba

Die Übergabe gestaltete sich als besonderer Akt. Die Gesetzesrolle mit 55 Abschnitten und mehr als 600.000 handgeschriebenen Buchstaben wurde erst kurz vor der Überführung in die Synagoge gemäß jüdischer Tradition mit Feder und Tinte zu Ende geschrieben. Dieses ebenso feierliche wie fröhliche und gesellige Ereignis fand im Foyer des Rathauses statt, bevor die Rolle in die Neue Synagoge an der Kaiserstraße gebracht wurde.

Natürlich sind zahlreiche Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Offenbach und weitere Mitglieder und Vorsitzende von Gemeinden in ganz Hessen in Offenbach zugegen, um das Jubiläum von Rabbi Gurewitz samt Thora-Fertigstellung zu feiern. Neben Offenbacher Stadtprominenz aus dem Rathaus ist Hessens Sozialminister Stefan Grüttner zu Gast. Aber auch Rabbiner und Thora-Gelehrte aus ganz Deutschland sind zum Mitfeiern gekommen. „Wir sind alle daran beteiligt, denn es ist uns wichtig, dass das jüdische Leben hier in Offenbach wieder präsent ist“, sagt Avichai Apel, Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Mendel Gurewitz ist täglich aktiv in der Stadt, nicht nur, um sich um seine Gemeinde zu kümmern und sie zu stärken, sondern auch, um das Verständnis zwischen den Religionen und Kulturen zu fördern.

Die Thora-Rolle ist der heiligste und somit wichtigste Gegenstand, der in einer Synagoge zu finden ist: „Die Thora entspricht den fünf Büchern Moses im Alten Testament“, erläutert Avichai Apel, „es ist das Buch, das die Juden von Gott am Berg Sinai erhalten haben und das das Judentum als Eckstein genommen hat.“ Seitdem habe sich die Schrift bis heute nicht verändert. Den Juden bedeutet die Thora Lehre und Tradition: „Dort sammeln sich die Gebote und die Geschichte über unsere Geschichte.“

Mit der Hand werden die Abschnitte der Thora auf eine Pergamentrolle geschrieben. Kurz vor dem Ende wird zunächst auf etwa 500 Zeichen verzichtet. Dann gibt man Menschen bei einer Zeremonie die Ehre, das Dokument zusammen zu vollenden. Nur durch das gemeinsame Beenden der Schrift gewinne die Thora sozusagen ihr volles Herz: „Wir haben eine ganz wichtige Regel“, erzählt Apel, „eine Thora-Rolle, in der auch nur ein Buchstabe fehlt, ist nicht koscher.“

Die Verse, die an diesem Sonntag vervollständigt werden, erzählen von der letzten Lebenssituation Mose und der Lage nach seinem Tod: Das Volk verabschiedet sich von seinem Anführer, dessen Stärke nicht nur für seine gegenwärtigen Anhänger von Bedeutung ist, sondern auch für die vielen nachkommenden Generationen.

Ein professioneller Schreiber trägt die Schriftzeichen mit dem Federkiel auf das Pergament auf: Jeder Besucher, der möchte, darf den Schreiber beauftragen, in seinem Namen Buchstaben zur Vollendung der Thora-Rolle hinzuzufügen. Nachdem das Schriftstück vollendet ist, wird es in die Synagoge gebracht, wo es sein endgültiges Zuhause findet.

Dreimal in der Woche wird die Thora hervorgeholt, um daraus zu lesen: montags, donnerstags und, am wichtigsten, am Sabbath – das ist im Judentum der siebte Wochentag, an dem keinerlei Arbeit verrichtet werden darf. „Dann interpretiert man, man lernt daraus und lässt sich davon inspirieren“, erzählt Avichai Apel über die Lesungen am Sabbath, der am Abend eines Freitags beginnt und bis zum Sonnenuntergang des Samstags dauert.

Die neue Thora ist jetzt ein besonderer Schatz in der Neuen Offenbacher Synagoge an der Kaiserstraße. Sie war die erste Synagoge, die nach dem zweiten Weltkrieg in Hessen entstand. Erbaut wurde sie 1956, nachdem die alte Synagoge, das heutige Capitol-Theater, 1938 von den Nazis geschändet wurde und nach Rückübergabe an die jüdische Gemeinde nicht mehr zu ihrem ursprünglichen Zweck zu nutzen war.

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