Als die Bücher ihr Zuhause verloren

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Gabriele Hauschke-Wicklaus strukturiert das Projekt.

Offenbach ‐ Bücher können nicht sprechen. Und dennoch verraten sie viel über ihre Herkunft und ihre Leser. Stempel, Initiale, handgeschriebene Vermerke. Das alles kann Aufschluss geben, wer ihr rechtmäßiger Besitzer ist. Von Katharina Skalli

Im dritten Reich kam es millionenfach zum Raub von Büchern und anderen Kulturgütern. Mit der Entrechtung ihrer Besitzer verlor auch die Literatur ihren Platz. Ganze Bände, Bibliotheken und Sammlungen fielen in die Hände der Nationalsozialisten. Als der Krieg beendet war, entschloss sich das amerikanische Militär, die Güter an die rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. Aus fast dem ganzen Land wurde das Beschlagnahmte gesammelt und in einem „Collecting Point“ sortiert. Hauptsitz war das damalige IG-Farben-Gebäude in Offenbach. Das „Archival Depot“.

Kaum ein Offenbacher weiß von dem monströsen Lager am Main, das die Schätze unzähliger Bibliotheken in ganz Europa beherbergte und das Ziel hatte, so viele Sammlungen wie möglich wieder zu vervollständigen. Bislang fehlt eine ausführliche Dokumentation dieser gewaltigen Restitutionsleistung, die vor 65 Jahren in Offenbach begann.

Das wollen vier Hobby-Historiker um Gabriele Hauschke-Wicklaus nun nachholen und planen für April 2011 eine Ausstellung in der Stadtbücherei. Seit einem dreiviertel Jahr befasst sich die Geschichtswerkstatt mit dem Projekt. „Es ist ein unheimlich mühseliges Geschäft“, sagt Gabriele Hauschke-Wicklaus. Um so größer ist die Freude, wenn die Lehrerin auf aussagefähige Dokumente oder spannende Belege stößt. Stück für Stück fügt sich ein Puzzle zusammen, das zum einen die Arbeitsweise der Nationalsozialisten dokumentiert und zum anderen die Leistung der Besatzungsmacht.

Iin ihrem Arbeitszimmer stapeln sich Kopien, Notizen, Listen, Briefe, Broschüren und Bücher. Das Thema hat die Offenbacherin gepackt und lässt sie nicht mehr los. Für die Ausstellung will sie das Projekt strukturieren. An Beispielen der Linken, der Freimaurern und der Juden sollen Auswirkungen der NS-Terroraktionen dargestellt werden.

Auch in Offenbach wurde geplündert. Die SPD-Zeitung „Offenbacher Abendblatt“ wird nach Machtergreifung der NSDAP verboten, die Partei aus ihrer Zentrale in der Herrnstraße geworfen und die Druckmaschinen und Büchersammlungen abtransportiert. „Wo die Offenbacher Bestände hingekommen sind, wissen wir nicht“, sagt die engagierte Lehrerin. Nach dem Krieg durften die Sozialdemokraten zurück in ihr ehemaliges Quartier und erhielten Regresszahlungen.

Auch die Offenbacher Synagoge wurde ausgeraubt und angezündet. Die Geschichtsdetektive stießen auf Listen von Büchern und religiösen Gütern, auf den Brief eines Gemeindemitglieds, das sich an den Raub erinnert.

„Wenn man solche passende und aufschlussreiche Dokumente findet, freut man sich sehr“, strahlt Hauschke-Wicklaus.

Die geplante Ausstellung profitiert von der sorgfältigen Dokumentation der Nationalsozialisten. Es wurden Akten ausfindig gemacht, die Fotografien von aufgestöberten Verstecken enthalten. Šie zeigen Bücher hinter Putz und Stein. Auf einigen Kopien prangt noch das Hakenkreuz.

Auch die Amerikaner, die von 1946 bis 1949 alle auffindbaren Kulturgüter nach Offenbach brachten und sie dort identifizierten, sortierten, verpackten und schließlich wegschickten, haben ihre Arbeit gründlich dokumentiert. Fotos verdeutlichen das Vorgehen, Grundrisse und Skizzen das Ausmaß der Funde.

Die Geschichtswerkstatt kann außerdem mit einem Zeitzeugen dienen. Adolf Hübner war in den Nachkriegsjahren einer der jüngsten, die den amerikanischen Militärs in der Mainstraße 169 halfen. Per Schiff und per Bahn wurden die Bücher zu ihren rechtmäßigen Eigentümern zurückgeschickt. Der Standort am Main war perfekt, denn damals hatten die Häuser am Fluss noch direkten Schienenanschluss. Schon 1946 konnte eine Bibliothek in Amsterdam wieder ihre Sammlung ausstellen, nachdem die Fracht aus Offenbach ankam.

Die Ausstellung wird eine ausführliche Broschüre begleiten. Sie sowie große Plakatwände sollen an Schulen und Organisationen ausgeliehen werden, damit die Geschichte der wahrscheinlich größten Rückgabeaktion wieder in Erinnerung gerufen wird. Die Geschichtswerkstatt sucht weitere Offenbacher, die sich ans Archival Depot erinnern, vielleicht sogar dort gearbeitet haben. Zeitzeugen können sich melden unter: 815266 (Ellen Katusic) oder 851274 (Gabriele Hauschke-Wicklaus). Die Geschichtswerkstatt finanziert ihre Arbeit mittels Spenden. Um ihr aufwendiges Projekt umsetzen zu können, bittet die Gruppe um Unterstützung: Spenden auf das Konto von Gabriele Hauschke-Wicklaus, bei der Sparkasse Offenbach, Kontonummer 107082034, BLZ 505 500 20.

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