Literatur auf Rädern

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Offenbach - Konzentriert lenkt Ali Ganjali den Zwölf-Tonnen-Koloss durch die Innenstadt. Säulen, Tore, Brücken – da ist Millimeterarbeit gefragt. Und das Rangierkönnen von Ganjali. „Die Route muss gut überlegt sein“, erklärt er. Von Jenny Bieniek

Manche Straßen seien zu schmal, „da kommen wir mit unseren 13 Metern nicht ums Eck“. Zweieinhalb Meter Breite misst sein XXL-Gefährt – ein Albtraum für jeden Straßenplaner. Vor der Feuerwehrzufahrt zur nächsten Grundschule hält Ganjali den Mercedes plötzlich an. Ein Warnschild beziffert die Höhe der Durchfahrt auf 3,60 Meter. Zu wenig für die rollende Bibliothek. Per Knopfdruck lässt Ganjali Luft aus der Luftfederung und schließt die noch geöffneten Dachluken. „Einmal sind wir oben hängengeblieben“, erinnert sich Beifahrerin Dina Herde. „Seither denken wir immer daran.“

Kurz darauf parkt die mobile Zweigstelle auf dem Schulhof. Ganjali öffnet die Türen, und die Meute stürmt hinein. Im Inneren ist es eng. Ein schmaler Gang, rechts und links blau angestrichene Regale. Auf 20 Quadratmetern finden Leseratten nicht nur Bücher und Zeitschriften, sondern auch Hörbücher, DVDs, Spielkonsolen- und Brettspiele. Pünktlich zur Buchmesse finden sich in den Reihen auch die Renner der Verlage. Passend zum diesjährigen Gastland wurden außerdem 90 Titel zum Thema Neuseeland angeschafft.

Innerhalb weniger Minuten drängeln sich 20 Schüler vor den prall gefüllten Regalen aneinander vorbei, vor den Ausleihtheken bilden sich lange Schlangen. Kein Wunder: Die Pause ist kurz, der Ansturm groß. Viel zu tun für Chefin Dina Herde und Kollege Ganjali. Der Lärmpegel steigt. Aus der Ruhe bringen lassen sich die beiden jedoch nicht. Mit routinierten Handgriffen schieben sie Medien über die Theke, scannen Strichcodes, kontrollieren Rückgabefristen.

Zwei Online-Buchungsplätze

Norman hat sich ein Buch über Schlagen unter den Arm geklemmt, die Schlange vor den zwei Online-Buchungsplätzen ist derweil noch länger geworden. „Wir müssen uns beeilen, es hat schon gegongt“, ruft ein Schüler nervös von hinten. „Wir beeilen uns ja schon. So ist es ja nicht“, entgegnet Herde, ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen.

Wenig später ist die Schar mitsamt neuen Leihgaben wieder in ihre Klassenräume entschwunden. Nur zwei Jungen sitzen noch immer auf den blauen Sitzwürfeln und blättern in Anime-Comics. „Habt ihr keinen Unterricht heute?“, fragt Ganjali die beiden, während er hinter der Theke hervorkommt. „Doch, aber wir dürfen noch zehn Minuten draußen bleiben.“

Die Ruhe vor dem nächsten Sturm am nächsten Standort nutzen Herde und Ganjali, um eilig ein- und aufzuräumen. Dann geht es weiter zur nächsten Schule. „Wir sind spät dran, die Pause fängt gleich an“, bemerkt Herde beim Blick auf die Uhr. Als Ganjali die Stützen einfährt, geht ein Ruck durch den Zwölftonner.

Beim nächsten Stop tritt neben etlichen Schülern auch Lehrerin Dagmar Winter ein. Auch sie nimmt den Service des Bücherbusses gern in Anspruch. Diesmal bestellt sie einen Klassensatz Lesehefte. „Die Eltern vieler unserer Schüler sind finanziell schwach. Ständige Buch-Neuanschaffungen sind für viele nicht möglich“, erzählt die Pädagogin. „Da lasse ich lieber ein Arbeitsheft für’s ganze Schuljahr kaufen und besorge die Literatur hier.“

Bücher auf Bestellung

200 verschiedene Klassensätze hat die Stadtbücherei permanent vorrätig. Auf Bestellung bringt das Bücherbusteam das Gewünschte mit oder stellt Themenkisten für den Sachkundeunterricht zusammen. Auch kleine Wehwehchen werden im Bücherbus verarztet. Als ein Steppke mit aufgeschlagenem Knie die Stufen hocheilt, zückt Ganjali den Erste-Hilfe-Kasten und kramt Pflaster hervor. „Wie ist das denn passiert?“, fragt er den leicht Verletzten. „Ich bin gerannt und hingefallen“, lautet die Antwort. Der Weg ins Sekretariat hätte ihn mehr kostbare Pausenzeit gekostet.

Seit mehr als zehn Jahren touren die beiden Bücherei-Mitarbeiter mit dem städtischen Bus durch die Lederstadt. Ihr Arbeitsalltag ist genau durchgetaktet. Vormittags geben die Pausenzeiten der Grundschulen den Fahrplan vor, nachmittags steuern Herde und Ganjali Ortsteile an.

Die Intervalle sind stets die gleichen: Bevor sie an der Herrnstraße starten, packen sie den Bus. Georderte Themenkisten und Klässensätze an Schulliteratur kommen ebenso mit wie Bestellungen aus dem Gesamtbestand des städtischen Lesetempels. Erst danach geht’s auf die Straße. Am Nachmittag steuert Ganjali Richtung Bieber.

Familiäre Atmosphäre

Am Ostendplatz macht das überdimensionale Gefährt neben überquellenden Altglascontainern Halt. Es wird bereits erwartet. Wieder füllt sich der Innenraum mit Leben. Herde kennt ihre Pappenheimer. Die Dame, die in der Stadtverwaltung arbeitet, genauso wie die Köchin, die neuerdings Hörbücher beim Löffelschwingen hört. Zwei Mütter mit Babytragetüchern halten im Gang ein Schwätzchen, Kinder durchforsten gemeinsam die Bodenschübe. Es geht beinahe familiär zu, man kennt sich.

„Unser ältester Leser ist heute gar nicht gekommen – da macht man sich schon Sorgen“, bemerkt Herde nach einem kurzen Blick auf die Uhr. Zu tun ist trotzdem genug. „Entschuldigung, ich suche was über Römer für die siebte Klasse.“ „Ich habe letzte Woche ,Harry Potter und der Halbblutprinz’ bestellt, haben sie das dabei?“ „Wo finde ich die Bände von Nele Neuhaus?“ Während an der Theke die Scanner in Dauerschleife piepen, kümmert sich die 48-Jährige um die Wünsche der Besucher.

Kurz vor Feierabend schneit der „Leser-Oldie“ doch noch herein. „Fast hätte ich den Halt verschlafen. Wenn man nachts liest, muss ich eben am Tag schlafen“, lacht der rüstige Rentner. 81 Jahre ist er alt, die volle Sehkraft ist ihm schon lange abhanden gekommen. Vom Schmökern lässt er sich trotzdem nicht abhalten. „Ich lese alles, sogar Frauenromane“, erklärt die betagte Leseratte, „ich will ja schließlich auch wissen, was die Frauen so denken.“

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