Enthüllungsjournalist Günter Wallraff zu Verdi-Ausstellung in Stadtbücherei

Kämpferischer Kopf

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Günter Wallraffs engagierter Vortrag über moderne Ausbeutermethoden füllte den Bücherturm bis zur zweiten Galerie.

Offenbach - Günter Wallraff kam als er selbst. Der Mann, der bei „Bild“ Hans Esser war und der als Türke Ali Deutschland von „Ganz unten“ erlebte, berichtete im bestens besetzten Bücherturm über spektakuläre Enthüllungen. Von Markus Terharn 

Anlass war die aktuelle Verdi-Fotoausstellung zum Thema „Prekäre Arbeit“.

Prekäre Arbeit war schon Wallraffs Thema, als sie noch gar nicht so hieß. Sie ist Gegenstand einer von Manfred Semmler organisierten Ausstellung in der Stadtbücherei, die bis Ende Mai Arbeiten des Verdi-Fototeams zeigt. Gewerkschaftsmitglieder bildeten etwa die Hälfte des Auditoriums, darunter Bezirksgeschäftsführerin Rosi Haus. Beatrix Müller moderierte.

Seine Undercover-Reportagen haben den Journalisten und Schriftsteller berühmt gemacht. Doch Wallraff stellte unmissverständlich klar: „Verdeckte Methode und versteckte Kamera rechtfertigen sich nur, wenn sie gravierende Missstände aufdecken.“

Wallraff erwies sich nicht nur als begabter Schauspieler in stetig wechselnden Rollen, sondern auch als guter Darsteller in eigener Sache. „Soll ich aus dem Buch lesen, das jeder für zehn Euro kaufen kann, oder lieber einen Film zeigen?“ Er tat beides – nachdem er begründet hatte, warum seine Reihe „Team Wallraff“ beim Privatsender RTL läuft: „Weil ich die jungen Menschen übers öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht mehr erreiche.“

Wallraff nimmt kein Blatt vor den Mund

Ob im TV-Ausschnitt als moderner Paketdienstsklave oder im Print-Auszug über die Schulung fürs Callcenter: Wallraff machte weiter, wo er in frühen Texten über die Industriearbeit bei Thyssen und Siemens anfing. Seine zwei Jahre bei der Satirezeitschrift „Pardon“ (mit Wohnsitz in Steinheim) kamen ihm zugute: Politisch-wirtschaftlicher Erkenntnisgewinn verband sich mit beträchtlichem Unterhaltungswert.

Dabei nahm der Aufklärer kein Blatt vor den Mund. Unerschrocken nannte er Ross und Reiter. Wetterte über Psychoterror gegen unliebsame Beschäftigte und Betriebsräte. Schimpfte über unhaltbare Zustände in einer Großbäckerei. Oder prangerte unwürdige Zustände in einem Alten- und Pflegeheim an.

Wer meinte, Wallraff habe resigniert, weil er auch nach jahrzehntelanger Arbeit immer wieder fündig wird, sah sich getäuscht. Eindringlich appellierte Wallraff an die Macht der Verbraucher und rief dazu auf, nie aufzugeben. Sein Fazit: „Wir können viel erreichen. Es gibt Hoffnung.“

Autohändler erkennt ihn an der Stimme

Ob er trotz Maske und Verkleidung schon mal aufgeflogen sei, wollte ein Gast wissen. Wallraff berichtete von zwei erheiternden Erlebnissen: Ein Ausspionierter, bei dem er sich als Vertreter des Unternehmerlagers ausgab, wollte wissen, wieso er die Seite gewechselt habe. Und ein Autohändler habe ihn unter schwarzer Schminke erkannt – an der Stimme...

Die markante Stimme dieses nimmermüden 71-Jährigen dürfte nicht so bald verstummen. Und sei es, dass er wie sein US-Vorbild Upton Sinclair „die Leute ins Herz treffen wollte und sie in den Magen traf“, wie Wallraff seine Erfolge beim Fastfoodbräter Burger King selbstkritisch resümierte. Er meisterte auch eine Nachfrage zu seinem in den Medien umstrittenen Engagement für McDonald’s: Das Honorar habe er einer gekündigten Mitarbeiterin des Konzerns gespendet.

Die Offenbacher erreichte Wallraff auch im Kopf. „Ich bewundere Ihre Arbeit“, attestierte ihm ein Zuhörer. Und ein Mann in der langen Schlange am Signiertisch bat: „Könnten Sie bitte so etwas wie ,Der Kampf geht weiter’ hineinschreiben?“ Das Buch sei für seinen Sohn. Besagten Sebastian wird’s freuen!

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