Vom Bügeln und Beten

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„Hier scheint mir die Sonne ins Buch“: Im Sessel wird gelesen und gebetet - Michael Kunze stellt sein privates Lieblingsplätzchen vor.

Offenbach - Michael Kunze will der Kirche „ein Gesicht geben“. Das tut er mit einem fröhlichen Lachen und entwaffnender Offenheit. „So wie man auf die Menschen zugeht, bekommt man das meistens auch zurück“, ist seine Erfahrung. Von Simone Weil

Bis eben war der katholische Geistliche im Garten zugange: Die Arbeit hat Spuren auf der Hose hinterlassen und seine Wohnung im Pfarrhaus an der Brüder-Grimm-Straße „ist ziemlich unaufgeräumt“, wie er selbst ungeniert sagt.

Der 51-Jährige ist seit vier Jahren Pfarrer von St. Josef, mit etwa 4 400 Mitgliedern eine der größeren Gemeinden der Stadt. Offenbach ist für den gebürtigen Darmstädter die erste Großstadtanstellung. Bisher betreute er in Stockheim/Ortenberg, Echzell/Wölfersheim und Weiher/Mörlenbach immer zwei Gemeinden gleichzeitig.

Offenbach hält der Priester für „eine Großstadt mit dem Charme einer Kleinstadt und dem Gebabbel eines Dorfes“. Schon am zweiten Tag fühlte er sich hier wohl. Überhaupt macht der sympathische Brillenträger den Eindruck, als sei er ganz im Hier und Jetzt.

Seit zwei Jahren ist Michael Kunze auch Dekan:

Dessen Aufgabe ist es, einfach gesagt, den Bischof im Dekanat zu vertreten und das Dekanat gegenüber dem Bischof. Das führt dazu, dass der Geistliche neben den Aufgaben in seiner Pfarrei auch noch häufig im Dekanatsbüro an der Taunusstraße zu tun hat, und sich allerlei Sitzungen, Gespräche und Termine in seinem Kalender niederschlagen. Für einen Mann, der von sich sagt, dass er gern und eben deswegen sehr viel arbeitet, scheint das kein Problem zu sein.

Doch manchmal will er seine Ruhe und Zeit für sich selbst haben: „Um in Kontakt mit mir zu kommen“. Diese Mußestunden verbringt Kunze in seinem freundlichen Wohnzimmer mit dem großem Balkon. Der helle Sessel am Fenster ist einer seiner Lieblingsplätze: Dort wird gebetet und viel gelesen - was der kleine Bücherstapel auf dem Boden verrät.

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Gerne sitzt oder liegt er aber auch vor dem Fernseher, der jetzt hinter einem modernen Schiebevorhang an der Wand verborgen ist. Den „Tatort“ versäumt er selten, außerdem ist er Fan der Science-Fiction-Serie „Babylon 5“. Weil die amerikanische Reihe morgens gegen 4 Uhr läuft, wird sie aufgenommen. „Ich zappe aber auch viel durch die Programme, um festzustellen, dass es doch nichts Gescheites gibt, mache den Fernseher dann aus und lese“, gesteht der Spross einer sechsköpfigen Familie. Geschmökert wird querbeet: derzeit ist es „Vatikanistan - Eine Entdeckungsreise durch den kleinsten Staat der Welt“. Zu den Favoriten des Pfarrers zählen neben theologischen Werken, die er immer wieder mal studiert, um auf dem Laufenden zu bleiben, aber auch Biografien und historische Romane.

Beim Bügeln Zeit zum Nachdenken

Eine echte Leidenschaft ist für den Gottesmann das Bügeln: „Weil man dabei so gut nachdenken kann.“ Als die Jugendgruppen der Gemeinde aus dem Zeltlager zurückkehrten, brachten sie an die 100 Geschirrhandtücher mit, die nach dem Waschen alle von Kunze gebügelt wurden. Die Wäschepflege betreibt er übrigens gerne mit Headset, weil er dabei stundenlange Telefonate führen kann.

Sein Urlaub führt den 51-Jährigen seit einigen Jahren regelmäßig im Frühjahr nach Ägypten. In Kairo lebt ein Freund, der dort für die deutschsprachigen Christen zuständig ist. „Dort haben wir endlich mal wieder  Zeit, um zu schwätzen.“

In seiner Arbeit ist dem Katholik die Ökumene wichtig, er sucht den Kontakt zu den muslimischen Gemeinden: „Dabei kommt es nicht nur auf die dienstliche Ebene an, sondern auch auf die menschliche“, findet er.

Plötzlich ist die Zeit für das Gespräch vorbei: Jetzt muss der Pfarrer los, um den Gottesdienst zu halten. Ob er sich denn gar nicht vorbereiten muss? „Das mache ich aus dem Herzen“, sagt Michael Kunze und strahlt dabei übers ganze Gesicht. 

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