Bürgeler verspielten Burgrecht leichtfertig

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Peter Blänkle berichtet aus der Bürgeler Geschichte.

Bürgel ‐ 15 Stadtspazierer schlottern trotz Regenjacke und Kapuze. Sie sind besorgt: „Ist ihnen nicht kalt?“ Peter Blänkle, mit kurzärmligen Hemd bekleidet, verneint entschieden. Von Claus Wolfschlag

Er lobt das Wetter und redet sich zunehmend warm. „Geschichte und Geschichten aus Alt-Bürgel“ sind das Thema des Humanbiologen mit mütterlichen Wurzeln in Bürgel. Und mit dem Aktenordner in der Hand präsentiert er, unterlegt mit Grafiken und Karten, Anekdoten rund um den Dalles.

Der Rundgang startet an der evangelischen Kirche. Blänkle erläutert die geschichtlichen Anfänge des heutigen Stadtteils. Wahrscheinlich schon seit der Steinzeit von Menschen belebt, finden sich erste konkrete Siedlungshinweise aus der Epoche der Römer. Es wird von kleinen Gutshöfen und einer hölzernen Mainbrücke in Höhe des Rudervereins ausgegangen. Germanische Ansiedlungen dürften im Frühmittelalter bestanden haben. Die ersten greifbaren Urkunden mit Namensnennung finden sich in zwei Schenkungen an das Kloster Lorsch aus den Jahren 790 und 793.

Industrialisierung verändert das Ortsbild

Blänkle erläutert die zersplitterten Landesherrschaften des Mittelalters. In Offenbach regierten Falkensteiner und Isenburger, Rumpenheim war die Sommerresidenz der Landgrafen von Hessen-Kassel, Bieber und Bürgel gehörten zum Erzbistum Mainz. Erst Napoleon schlug den Ort als Besatzer den mit ihm kooperierenden Isenburgern zu, die dann wiederum dafür 1816 im Wiener Kongress enteignet wurden. Nun hatten Offenbach und Bürgel erstmals gemeinsame Landesherren - die Großherzöge von Hessen-Darmstadt, wenngleich es bis zum Gemeindezusammenschluss von 1908 noch gut hundert Jahre dauern sollte.

Blänkle führt facettenreich durch die verschiedenen Aspekte der Ortsgeschichte. Er berichtet von den Beschwerlichkeiten der bis ins 19. Jahrhundert das Gebiet prägenden Landwirtschaft. Der Lauf der Jahreszeiten prägt das Leben der Bürgeler. Mit der Industrialisierung verändert sich das Ortsbild deutlich. Lederindustrien, wie die Firma Becker, Ziegeleien, eine Stockfabrik siedeln sich an. Betrug die Einwohnerzahl 1826 etwa 1000 Menschen, so war sie bis 1899 auf etwa 4200 angewachsen.

Kettenschifffahrt nach Aschaffenburg

Das ebenfalls durch die Industrialisierung angewachsene Offenbach zeigt Begehrlichkeiten zu einer Vereinigung mit  Bürgel. Grund: Die Gemarkungsgrenze reichte einst bis in den Bereich von Karlstraße/Austraße, die Expansion des Offenbacher Wohnungsbaus wurde dadurch nach Osten gebremst.

Nächste Station: der Dalles. Der Namen sei abgeleitet aus dem süddeutschen Wort „Dalle“; in etwa: „feuchte Kuhle“. Am Reichstag, der nach einer legendären Versammlung Kaiser Heinrichs II. im Jahr 1018 benannt ist, berichtet er von der Kettenschifffahrt nach Aschaffenburg im 19. Jahrhundert.

Auch von den Kriegen, die den Ort stärker oder schwächer erschütterten, erzählt Blänkle. Das Burgrecht in Frankfurt, also die Möglichkeit einer Zuflucht in die Reichsstadt, hatten die Bürgeler schon 1552 verspielt, weil sie ihrer Pflicht zur Mitpflege der Frankfurter Stadtmauer nicht nachgekommen waren.

Häufig zogen Soldaten durch Bürgel

Zwar leitet sich der Name „Bürgel“ wohl von einer schlichten Burg in der Nähe der katholischen Kirche ab, doch diese währte wahrscheinlich nur kurz. So schützte den Ort lange Zeit also nur eine niedrige Stadtmauer, die auch heute noch, wenngleich versteckt, in Teilen erhalten ist. Zwei Tortürme, am Bürgerplatz und der katholischen Kirche, gehörten zu ihr.

Häufig waren Soldaten durch Bürgel gezogen. Im 30-jährigen Krieg wurde der Ort offenbar weitgehend zerstört. 1800 zog sich die Frontlinie zwischen Kurmainzer Truppen und jenen Napoleon Bonapartes durch den Ort. Die siegreichen französischen Truppen erpressten große Mengen an Viehfutter für ihre Kavallerie von den wehrlosen Bürgelern. Als 1866 die Preußen Frankfurt besetzten, lagerte ein Teil des Truppenstromes auch in Bürgel. Daraufhin plünderten Bewohner einen schlecht bewachten Proviantwagen. Die preußischen Truppen waren deshalb gezwungen, den gesamten Ort zu durchsuchen und einen Großteil des gestohlenen Schinkens zurückzuholen.

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