Der Bürger ist jetzt beteiligt

+
„Wir wollten immer die Stadt näher an den Main rücken. Jetzt rückt der Main näher an die Stadt und wir müssen uns versöhnen“. Was Bürgermeisterin Birgit Simon meinte, zeigen diese Bilder von „Offenbach am Meer“ mehr als deutlich.

Offenbach ‐ In Hanau verteilen sie am Spätnachmittag Sandsäcke, in Offenbach verteilen sie Papier. Neun Blatt auf jeden Stuhl. Neun von ein paar hundert, die es zur Maindammsanierung gibt. Von Marcus Reinsch

Der Bürger soll ja nun beteiligt werden an der Lösungssuche. Er soll aber nicht absaufen im reißenden Strom der Informationen und am Ende die Lust verlieren an diesem schönen neuen Gefühl, gefragt zu sein. Oder gleich am Anfang. Für ein paar Minuten ist diese Gefahr real. Dass die Offenbacher und ihre Meinungen zur Zukunft der Abschottung gegen den Fluss zusammenrücken müssen, das ist als Botschaft zwar beabsichtigt.

Lesen Sie außerdem:

Tod unter dem Eisdeckel

Doch dass sich dieses Zusammenrücken hier in der Volkshochschule statt als Herausforderung an die Kompromissfähigkeit erst mal als Zwang zur Leibesübung entpuppt, wird mit Kopfschütteln quittiert. Der Saal ist zu klein. 30 Leute haben sich angemeldet, für 90 sind Stühle da, mindestens 120 wollen sitzen.

Der Bürger fühlt sich unterschätzt. Schon rein zahlenmäßig.

Moderatorin Ursula Stein ermuntert, auf freie Stühle zu deuten; Stadtsprecher Matthias Müller registriert sorgenvoll, dass kein Stuhl mehr leer ist, der Vorraum aber immer noch voll. Aber was hätte man denn machen sollen? Der Parlamentssaal im Rathaus ist noch belegt mit dem Zubehör einer behördlichen Katastrophenschutzübung am Morgen. Der Ostpol-Saal ist vermietet. Und die Stadthalle ist seit dieser Woche zwar als prima Ort für eine Kickersstadionpräsentation etabliert, aber viel zu groß für die Flut. Also die Vhs, raumnotgedrungen, tut uns auch leid, die „Duplizität der Ereignisse“ und so…

Der Bürger rückt zusammen.

Stühleschleppen, Bauch ein-, Beine anziehen, Tasche unter den Stuhl, die Zusammenfassung der Zusammenfassung aller Dammbauunterlagen auf den eigenen Schoß, die Packung Kekse auf den des Nachbarn. Passt. Der Saal der Volkshochschule ist plötzlich Volks-Kammer.

Der Bürger sitzt und schwitzt. Aber er ist jetzt beteiligt.

Entscheiden wird der Bürger nichts. Will er zwar, darf er aber nicht, weil: Hat er ja schon, indem er sich bei der letzten Kommunalwahl pauschal mit allem einverstanden erklärte, was die Partei seines Vertrauens für das Beste hält. Dass im März wieder Kommunalwahl ist, führt nun allerdings zum interessanten Phänomen, dass sich Offenbachs sonst gar nicht meinungsarme Volksvertreter zum Thema Maindamm sehr zurückhalten mit öffentlichen Festlegungen auf eine von acht Varianten. Eine eindeutige Position zu vertreten hieße auch, die Stimmen eindeutig anders denkender Wähler zu riskieren.

Die Stunde der Wahrheit kommt am 24. Februar. Und sie wird nicht nur Folgen für den Maindamm haben. Traut sich das Parlament, die von der Bürgerbeteiligung erhoffte Beschlussempfehlung zu ignorieren, dürfte der Saal der Volkshochschule für künftige Bürgerbeteiligungen eher zu groß sein. Aber jetzt ist er ja proppevoll.

Der Bürger macht Fenster auf und gleich wieder zu.

Draußen kreischt sich eine Säge durchs neue Ärztehaus. Drinnen beginnen Brillen, von Nasen zu rutschen. Die Arbeitsmoral belastet das nicht. Der Bürger ist gut informiert. Und dass die Offenbacher Winterdeiche marode sind, ist ihm sowieso nicht neu. Die Zeitungen haben ständig berichtet, das Fernsehen auch. Und die Stadt füttert ihren Internetauftritt ohne Unterlass mit Gutachten, Lösungsvarianten, Beteiligungsterminen. Sie probiert sich aus in Sachen Offenheit. Wer will, könnte am Bildschirm tagelang nachlesen, was nicht stimmt mit dem Damm und wie es weitergehen soll. Aber lange nicht jeder würde alles verstehen. Die Fakten zum aufmüpfigen Nass sind staubtrocken. Der Auftakt zur Bürgerbeteiligung dient folgerichtig auch der Übersetzung vom Amts- ins Bürgerdeutsch.

Das Problem ist zweigeteilt: Zum einen ist der Damm nicht mehr so standfest, dass das Regierungspräsidium Darmstadt als obere Wasserschutzbehörde noch ein Auge zudrücken könnte. Die beiden Baumreihen auf der Deichkrone beispielsweise haben den mehr als 100-jährigen Deichkörper durchwurzelt und aufgelockert. Das ist gefährlich.

Zum anderen gilt das schwächelnde Bollwerk als zu niedrig, um das so genannte 200-jährliche Hochwasser in Zaum halten zu können. Ob die Riesenwelle jemals kommt, kann niemand mit Sicherheit sagen. Bisher war sie jedenfalls nicht da. Aber vom Klimawandel wird ja noch Böses erwartet. Falls er mit dem prophezeiten Anstieg massiver Regenfälle um 70 Prozent bis zum Ende des Jahrhunderts richtig zuschlägt, müsste der Deich einen Pegelstand von 6,60 Meter plus 80 Zentimeter „Freibord“ aushalten, damit die Innenstadt und das alte Rumpenheim nicht untergehen.

Dem Offenbacher Damm fehlen auf 1 866 Metern zwischen Carl-Ulrich-Brücke und dem Allessa-Gelände, 548 Metern zwischen Rumpenheims Kleinem Gässchen und dem Schlosspark und 170 Metern an der Grenze zu Mühlheim zwischen 12 Zentimetern und 1,35 Meter zum neuen Maß aller Dinge.

Der Bürger ist verunsichert, aber keinesfalls gewillt, wegen bloßer Eventualitäten in Panik zu verfallen.

In der Volkshochschule verlangt er klarere Prognosen von den geladenen Experten. Aber er muss zur Kenntnis nehmen, dass es um zu viel geht, um ein Vielleicht zu ignorieren. Das Land hat seine Abschnitte schon in den Jahren 2006 bis 2008 „ertüchtigt“, wie das so schön heißt. Und jetzt sei eben die Stadt an der Reihe, die „Unterhaltspflicht“ für ihre eigenen Strecken ernst zu nehmen, wie der Herr Schwarz dem Bürger sachlich vorträgt.

Der Bürger hört freundlich interessiert zu.

Der Herr Schwarz ist als Wasserjurist beim Regierungspräsidium Darmstadt angestellt und damit quasi der Botschafter jenes Teufels, den Oberbürgermeister Horst Schneider im Vorfeld der Bürgerbeteiligung an die Wand gemalt hat. Sollte Offenbach nicht „bald zu Potte“ kommen mit dem Maindamm, hat der OB erklärt, dürfe der Regierungspräsident eigene Bauarbeiter und die Rechnung schicken.

Denn der Regierungspräsident aus Darmstadt hat einen gesetzesbedingten Hang zur rein technischen Lösung des Problems und darf sich nicht davon berühren lassen, wie gern der Offenbacher seinen Maindamm hat. Hieße: Alle Bäume fällen, Deich erhöhen, giftiges Füllmaterial austauschen, befestigen, nackt und praktisch, 7,8 Millionen Euro bitte, dankeschön, auf gute Zusammenarbeit.

Das will der Bürger auf keinen Fall.

Was genau er will, muss er erst herausfinden. Er steht vor dem Problem, dass jede Sanierungsvariante - ob statisch oder mobil, mit Spundwänden auf der Land- oder der Wasserseite, 9 oder 12,5 Millionen Euro teuer - eher früher als später den Tod der meisten oder gleich aller 243 Deichbäume bedeuten würde. Bis auf die achte und jüngste Variante - das von der Lokalen Agenda vorgestellte mobile Schlauchmodell. Doch das belegen Katastrophenschützer gleich zum Auftakt mit dem offiziellen Titel „Sandsackersatzsystem“ und schütteln energischst den Kopf.

Das tut auch der Bürger, meint damit allerdings Eiko Leitsch. Der hat als Sachverständiger das Baumgutachten erstellt und rät zur Verinnerlichung einer Weisheit: „Wenn Bäume wegrennen könnten, hätten wir in den Städten keine Bäume“. Vor allem auf dem Offenbacher Maindamm nicht. Kurzfassung seiner Botschaft: „Mit jeder Bautätigkeit am Damm wird der Baumbestand verloren gehen.“ Und der sei ja auch jetzt schon größtenteils in der „Resignationsphase“, was bedeuten soll, dass er sowieso auf dem absteigenden Ast ist, der Baumbestand. Leitsch empfiehlt die Fällung und Neupflanzung, um in 15 bis 20 Jahren bessere Bäume zu haben.

Aber der Bürger will keine besseren Bäume.

Zumindest ist er sich darüber mit sich selbst uneins. Und außerdem ist der Bürger jetzt gereizt und auch ein bisschen müde. Der Bürger will nach Hause. Aber er wird wiederkommen. Am Wochenende zur Dammbegehung oder nächste Woche zur Expertenrunde. Denn er ist jetzt beteiligt und wird später nicht behaupten können, er sei nicht gefragt worden.

Kommentare