Bürger redet vorher mit

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Es gilt, den eigentlichen Platzcharakter zu entdecken. Dabei sollen die Bürger entscheidend mithelfen.

Offenbach - OberbürgermeisterHorst Schneider bezeichnet das Projekt als „Schlussstein“ für die Umgestaltung der Innenstadt; abseits privater Bausünden der 70er Jahre in Sichtweite. Von Martin Kuhn

Das Ziel ist für den Marktplatz definiert: Ein funktionaler, verkehrsberuhigter städtebaulicher Bypass für die innerstädtischen Herzmuskeln – Frankfurter Straße und Wilhelmsplatz. Auf dem Weg setzen die Operateure auf den Sachverstand der Offenbacher; und somit wohl auf eine erhöhte Akzeptanz. „Stuttgart 21“, Inbegriff des verspäteten Bürgerprotests, soll sich nicht wiederholen.

Die viel beschworene Kreativstadt bildet nicht etwa die Speerspitze einer neuen Planungskultur. Die Politik zieht bundesweit die Konsequenz und Offenbach profitiert. Obwohl fast unüberschaubar, sei’s erwähnt: Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat mit dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) einen bundesweiten Ideenwettbewerb für junge Planer ausgelobt. Gesucht sind neue Ideen und Konzepte zur „Beteiligung der Öffentlichkeit an Prozessen der Stadtentwicklung“, sprich: ohne die übliche Voreingenommenheit. Dafür stehen vier Modellkommunen (die Initiatoren sprechen von „Tatorten“) – Weißwasser, Fellbach, Wolfsburg und Offenbach.

Umbau soll 2014 beginnen

Unter dem Dach des Bauamtes, übernehmen Ragna Körby und Tobias Kurtz, frische Stadtplaner der TU Berlin, das Zepter. Zentrale Frage nicht nur beim Marktplatz, sondern für viele Bereiche der Politik: Wie aktiviere ich die schweigende Mehrheit, diejenigen, die nie gehört werden? Die jungen Stipendiaten haben Vorstellungen, die sie in den nächsten Wochen konkretisieren. Beispiel: Eine Stadtführung in veränderter Form. Nicht der Kunsthistoriker, Stadtplaner oder Architekt führt die Bürger durch die Stadt. Nein, der Jugendliche, der Rentner, der Migrant zeigt den Fachleuten „sein Viertel“. Es ist ausreichend Zeit: Die Umbau des Marktplatzes ist für 2014 geplant.

Tobias Kurtz sagt: „Ziel ist ein breit angelegter Auftakt, wir wollen aufmerksam machen. Das Verfahren muss für jeden sichtbar sein.“ Es ist eine echte Herausforderung, der sich die TU-Absolventen ab etwa Mitte März stellen: Passanten in „ein bis drei Minuten beiläufig und doch gezielt ansprechen“. Kurtz und Körby provozieren gestern im Rathaus schon mit einer zentralen Frage: „Wer ist der Marktplatz?“ Was sie damit meinen: Die baulichen Gegebenheiten kennt nahezu jeder Offenbacher, unklar ist jedoch, wer den Platz nutzt oder sich überhaupt vorstellen kann, künftig zu nutzen.

Umgestaltung ohne große Kosten

Mustafa Tazeoglu, Mitinhaber der Stadtentwicklungsagentur „Urban Rhizome“ und Pate der Stipendiaten, hat nach eigenen Worten schon „viele kranke Städte“ gesehen. Geboren und aufgewachsen ist Tazeoglu in Duisburg-Marxloh, einem Viertel, das immer dann genannt wird, wenn die Rede ist von Ghetto-Bildung, Armut und sozialem Abstieg. Er verspürt aktuell einen Drang der Menschen, „an öffentlichen Projekten mitwirken zu wollen“. Erfrischend neu ist für ihn das „Parlament der Visionen“, Körbys und Kurtz’ idealtypisches Partizipationsverfahren.

Dabei wollen die jungen Stadtplaner mehr als reden, sie wollen Veränderungen mit den Bürgern an Modellen oder Plänen „erfahrbar machen“, wie es heißt. Was aber noch interessanter sein dürfte: temporäre Aktionen mit Pioniercharakter. Körby: „Einen Tag lang sehen, wie die Idee in Wirklichkeit wirkt.“ Und da stößt sie gleich in alte Offenbacher Befindlichkeiten: „Wie wirkt es sich aus, wenn der Marktplatz 24 Stunden für Autos gesperrt wird?“ Das sei ohne große Kosten umzusetzen. So etwas hört Horst Schneider gern, da die Investitions-Mittel bekanntlich knapp sind am Main. Als stets optimistischer Verwaltungschef möchte er aber am Marktplatz keine Abstriche vornehmen. Heißt: rund 3,6 Millionen Euro kostet eine Umgestaltung. Eine Fantasiesumme, da es keine konkreten Maßnahmen gibt? „Nein“, sagt Bauamtsleiterin Susanne Schöllkopf und hält folgende einfache Rechnung parat: „Fläche mal Euro...“

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