Benefizkonzert in Stadtkirche zum Jubiläum

Bürgerinitiative Luftverkehr kämpft seit 25 Jahren gegen Fluglärm

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Die BI Luftverkehr feierte 25-jähriges Bestehen mit Blasmusik und einer Ansprache von Dr. Wolfgang Kappus.

Offenbach - Bürgerinitiativen kommen und gehen. Sie gründen sich im Allgemeinen als Protestbewegung aus der gesellschaftlichen Mitte heraus gegen ein umstrittenes Projekt und werden entbehrlich, sobald sich eine Sache – wie auch immer – erledigt hat. Von Harald H. Richter 

Die Offenbacher Bürgerinitiative Luftverkehr (BIL) freilich ist seit 25 Jahren unerschütterlich präsent, streitet im Verbund mit mehr als 80 Zusammenschlüssen entschlossen für bessere Lebensbedingungen der Menschen in der Region. „Wir bleiben der Stachel im Fleisch des Frankfurter Flughafens“, konstatiert Co-Vorsitzender Thomas Hesse. Die BIL engagiert sich weiter, weil die Kernprobleme im Rhein-Main-Gebiet nach wie vor ungelöst seien – unerträgliches Dröhnen über den Köpfen der Menschen, zu kurze Nachtruhe, gesundheitliche Gefährdung, kurz ein Leben unter einem Fluglärm- und Abgasteppich. Ihr Benefizkonzert am Samstag in der evangelischen Stadtkirche ist für die Bürgerinitiative Anlass, Rückschau auf das in 25 Jahren Erreichte zu halten. Aber auch Kraftquelle, um beharrlich Druck auf Politik und Öffentlichkeit erzeugen zu können. „Nach jedem vermeintlichen Rückschlag nehmen wir neuen Schub auf“, verspricht die unbeugsame Vorsitzende Ingrid Wagner. Und darf sich des Beistands hartnäckiger Mitstreiter gewiss sein.

Manche von ihnen sind seit den ersten Tagen dabei, die Eheleute Gisela und Falk Bachmann etwa; andere haben sich im Lauf der Zeit eingereiht. Für etliche Interessenvereinigungen im Umland waren die Offenbacher Vorbild. Das machen Dr. Ursula Fechter von der Bürgerinitiative Sachsenhausen und Maria Büttner (BI Mühlheim gegen Fluglärm) in Grußworten deutlich. „Wir ziehen an einem Strang, bewahren langen Atem“, macht Fechter den Versammelten Mut, „weil wir unseren gewaltfreien Widerstand für eine gerechte Sache halten.“ Und den artikulieren die Ausbaugegner am heutigen Montag um 17 Uhr in der Abflughalle B des Terminals 1 bei ihrer nunmehr 150. Flughafen-Demo. Dazu werden 1000 Teilnehmer aus der ganzen Region erwartet.

„Seit Jahren sympathisiere ich mit der Bürgerinitiative Luftverkehr“, bekennt Dr. Wolfgang Kappus, der mit der evangelischen Dekanin Eva Reiß die Schirmherrschaft über die Jubiläumsveranstaltung übernommen hat. „Ich bewundere ihren Mut, sich unverdrossen für die Mehrheit der Einflusslosen und inzwischen Resignierenden zu engagieren. Das ist eine außergewöhnliche Leistung“, artikuliert er eine Verbeugung und ermuntert dazu, streitbar zu bleiben. „Es dürfte auch nicht zu erwarten sein, dass die Flinte ins Korn geworfen wird“, fügt er hinzu.

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Ingrid Wagner nickt dazu. Zusammen mit Thomas Hesse hält sie Rückschau und bekräftigt die in einem neu aufgelegten Flugblatt aufgeführten Ziele der BIL. Etwa ein Dutzend besonders engagierte Mitglieder erhalten als Zeichen des Danks kleine Blumensträuße und empfangen herzlichen Applaus seitens des Auditoriums. Dem Konzertpublikum bieten Gabriele Scholz (Klavier), Ilse Bublitz (Querflöte) und Heike Städter (Fagott) ein ansprechendes Programm, das auch einen Überraschungseffekt enthält. Neben „Otoño Porteño“ des zeitgenössischen argentinischen Bandoneonspielers und Komponisten Astor Piazzolla erklingen Peter Simpsons Bearbeitungen der „Carmen-Fantasie“ von Georges Bizet.

100. Montags-Demo im Flughafen

Nachhaltig wirkt jedoch ein stilles Stück nach John Cage. Der 1992 verstorbene US-Amerikaner galt als Schlüsselfigur der Neuen Musik und schuf mit „4‘33“ eine ebenso vielbeachtete wie umstrittene kompositionstheoretische Arbeit. Das Stück ist eine Zeitangabe. Als die Musikerinnen daher ihre Partituren aufschlagen, sieht das Publikum weiße Seiten, hier und da durch dünne Striche in Zeitabschnitte gegliedert. Sogar drei Sätze hat es, alle heißen „Tacet“. Was in der Musikersprache nichts anderes bedeutet als „nicht spielen, Pause“. So erlebt das versammelte Auditorium viereinhalb Minuten Stille, die nicht nur im Musikbetrieb gut tun dürfte. „Die Stille von John Cage ist ein offenes Ohr für den Ton der Welt“, zitiert Dr. Hartmut Wagner, der den Abend moderiert, eine Laudatio auf den Komponisten. Und als gäbe es nichts Treffenderes, unterbricht ein über das Gotteshaus hinweg donnerndes Flugzeug diesen lautlosen Vortrag...

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