Bürgerinitiative Luftverkehr Offenbach

Beim Fluglärm kein bisschen leise

+
Archivmaterial auf dem Tisch und immer noch Kampfeslust im Herzen: Ingrid und Hartmut Wagner, die unermüdlichen Streiter gegen den Fluglärm, im Gespräch über 25 Jahre BIL.

Offenbach - Die Bürgerinitiative Luftverkehr Offenbach (BIL) blickt in diesem Jahr auf ihr 25-jähriges Bestehen zurück. Gefeiert wird das Jubiläum am 26. September in der Stadtkirche. Ein Gespräch mit Ingrid und Hartmut Wagner, den unermüdlichen Motoren gegen den Fluglärm über Offenbach. Von Matthias Dahmer

Nein, die BIL, das sind natürlich nicht nur die Wagners. Das ist auch ein harter Kern von ungefähr 30 Leuten, die seit Jahren gegen den Krach am Himmel kämpfen, betonen und loben die beiden. Doch was wäre die BIL ohne sie? Mit ihr, der regen Sozialpädagogin als Vorsitzende an der Spitze, und mit ihm, dem Rechtsanwalt, als fachkundigen Berater im Hintergrund? Die Frage bleibt letztlich unbeantwortet. Und vermutlich ist sie auch gar nicht so wichtig.

Viel wichtiger ist, dass die Initiative nach einem Vierteljahrhundert immer noch keine Ermüdungserscheinungen zeigt. Sicher, es hat hat Momente gegeben, wo sie fast resigniert hätte, sagt Ingrid Wagner. Doch das Umfeld hat ihr immer wieder Rückhalt gegeben. Deshalb sind auch die Tatsachen, dass der Ausbau des Frankfurter Flughafens nicht gestoppt werden konnte, dass das Terminal 3 kommt und dass nur von 23 bis 5 Uhr Ruhe am Himmel herrscht, kein Grund für die Wagners aufzugeben.

Alles zum Thema „Fluglärm“ lesen Sie hier.

In der Sache war es eine der größten Niederlagen, den Ausbau nicht verhindert zu haben, räumt Hartmut Wagner ein, der im Jahr 2000 den Klageverein „Institut zur Abwehr von Gesundheitgefahren durch Lärm“ (IAGL) gegründet hat und dessen stellvertretender Vorsitzender ist. Doch immerhin gibt es ein „Mini-Nachtflugverbot“, und die Luftfahrtindustrie muss sich mittlerweile für ihr Handeln rechtfertigen, so der 70-Jährige. Zudem – und das dürfen die Wagners wohl zu Recht als Erfolge der Fluglärmgegner verbuchen – ist es gelungen, bürgerschaftliches Engagement zu wecken und die Leute „ins Denken“ gebracht zu haben, wie Hartmut Wagner formuliert. Unterstützung von der Politik erhofften und erhoffen sich die Anti-Fluglärm-Streiter nicht. „Das war aber von Anfang an zu erwarten“, sagt die 57-jährige BIL-Vorsitzende. Ihr Mann wählt deutlichere Worte: „Wir sind enttäuscht.“ Sich nicht parteipolitisch vereinnahmen zu lassen, gehört zu ihrem Prinzip, einstige Angebote, im Stadtparlament mitzuwirken, lehnten sie dankend ab.

Nachdem Ingrid Wagner und zwei Dutzend Mitstreiter sich schon Mitte der 80er-Jahre mit Aktionen gegen den Fluglärm wehrten, war Auslöser für die Gründung der BIL der Golfkrieg: die Zeit, als die amerikanischen Militärmaschinen rund um die Uhr über Offenbach heulten und donnerten. Bereits zuvor waren die Wagners in der von Richard Müller geleiteten Offenbacher Vereinigung gegen Fluglärm (OVF) aktiv.

„Unter heftigen Turbulenzen konstituierte sich am Mittwochabend im Saal 2 der Hainbachstuben in der Stadthalle die Bürgerinitiative Luftverkehr“, ist in der Offenbach-Post vom Freitag, 28. September 1990, zu lesen.

Von der Politik enttäuscht

Grund für die schlechte Presse waren nicht zuletzt die Differenzen mit der OVF. Zuvor, am 5. September, war es besser gelaufen, hatte ein erstes Info-Treffen zur beabsichtigen Gründung noch 150 Interessenten angelockt. Das erste Flugblatt der BIL ist verblüffend aktuell. Ein Nachtflugverbot von 22 bis 7 Uhr wird darin unter anderem gefordert. Zudem systematische Messungen der Schadstoff- und Lärmbelastungen. Regelmäßige Info-Treffen fanden seinerzeit im Saal der Lukasgemeinde in Tempelsee statt.

Welche organisatorischen Herausforderungen die BI-Arbeit bot, verdeutlicht Ingrid Wagner: „Damals gab es ja weder Computer noch E-Mails. Das Protokoll wurde per Brief verschickt, was jeweils 33 Pfennig kostete.“

Menschenkette gegen Fluglärm

Mit Argwohn betrachtete die Politik das Treiben der BIL. Die Polizistenmorde zum Ende der organisierten Startbahn-West-Proteste 1987 lagen noch nicht so lange zurück und boten der Landesregierung Anlass, die Offenbacher unter Beobachtung zu stellen. „Man versuchte, uns in die radikale Ecke zu drängen, und schürte die Angst vor weiteren Gewalttaten“, erinnert sich Hartmut Wagner. Unzählige Proteste, Gerichtsverfahren und 147 Montagsdemos später ist das alles Geschichte. Zusammen mit 80 weiteren Bürgerinitiativen und Naturschutzverbänden der Region bildet die BIL ein Netzwerk, das sich mit Aktionen, Informationen und nicht zuletzt juristisch gegen Flughafenausbau und Fluglärm stemmt.

Aber sind denn nicht schon alle Schlachten geschlagen? „Leider nicht“, sagen die Wagners. Zwar seien es im Moment eher Scharmützel. Aber mit Blick etwa auf ein mögliches Projekt Südbahn müsse gelten: „Nach dem Ausbau ist vor dem Ausbau.“

Zum 25-jährigen Bestehen der BIL gibt es am Samstag, 26. September, ab 17 Uhr ein Benefizkonzert in der Stadtkirche, Herrnstraße 44. Die Schirmherrschaft haben Dekanin Eva Reiß und Wolfgang Kappus.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare