„Wir kämpfen nicht allein“

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Ingrid Wagner (links) agiert seit Jahren gegen den Krach der über Offenbach einfliegenden Flugzeuge. Brigitte Nötzel führt seit kurzem den Vizevorsitz der BIL.

Offenbach - Seit fast drei Jahrzehnten engagiert sich Ingrid Wagner gegen den Krach des Frankfurter Flughafens. Indes übersteigt die Zahl der Niederlagen die der Erfolge bei weitem. Von Stefan Mangold

„Seit 30 Jahren spricht der Betreiber von leiseren Flugzeugen.“ Flieger, die ähnlich lautlos einschweben wie die Raumschiffe in Sciencefiction-Filmen, dürfte kein Offenbacher mehr erleben.

Die Vorsitzende der Bürgerinitiative Luftverkehr Offenbach (BIL) zog 1981 nach Tempelsee. Als zwei Jahre später ihre Tochter zur Welt kam, ging es Wagner wie vielen Eltern: „Meine Sicht der Dinge änderte sich mit der Verantwortung.“ Mit dem Kind auf dem Arm nahm sie den Motorenlärm über dem Viertel anders wahr. Erst engagierte sich Wagner in einer anderen Initiative, dann in der BIL. Das Nachtflugverbot sei von Anfang an ein dominierendes Thema gewesen. In den 90er Jahre zogen Ingrid Wagner, ihr Mann Hartmut und die zwei Kinder nach Rumpenheim. Bis dahin hatten sich in den 16 Jahren, die sie in Tempelsee lebten, „die Flugbewegungen von 300.000 auf 400.000 im Jahr erhöht“.

„Die meisten dachten, sie kämen davon“

Im Herbst zog der Krach der Familie hinterher. Als Wagner zu Beginn der Planung für die Nordwestbahn prophezeite, durch den Ausbau sei es in Rumpenheim und Bürgel mit der Ruhe vorbei, hätten sich viele eingeredet, so heiß wie gekocht werde nie gegessen, „so laut werde es also nicht werden“. Schließlich hatte es geheißen, die Stadtteile lägen außerhalb der Überflugroute. Die wenigsten Einwendungen seien aus dem Westend, Bürgel und Rumpenheim gekommen. „Die meisten dachten, sie kämen davon.“ Wagners Pech: Sie behielt Recht.

Von Lärm und Schadstoffausstoß abgesehen, verlören Immobilien und Grundstücke an Wert, auch wenn Oberbürgermeister Horst Schneider das Gegenteil behauptet habe, flankiert mit dem Hinweis, nicht auf jeden wirke sich der Lärm gleich aus. „Eine Binsenweisheit“, kommentiert Wagner. Dass ein Großteil den Pegel als persönlich belastend einschätzt, sei wohl ein Grund für den schleppenden Verkauf der Grundstücke An den Eichen. Für neue Häuser auf dem alten Areal der Ernst-Reuter-Schule hätten sich erst nach deutlichen Preisnachlässen Käufer gefunden.

Was bleibt „ist gesundheitsschädlicher Dauerstress“

Seit ein paar Wochen ist Brigitte Nötzel Vizevorsitzende der BIL. Sie lebt seit 25 Jahren an der Tulpenhofstraße. „Sehr gern“, sagt die Inhaberin einer Werbefirma. Jedenfalls bis zum 21. Oktober 2011, als die ersten Flieger die neue Bahn benutzten. An sich sei sie Nachtmensch. Seit Herbst sehe sie zu, möglichst um 23 Uhr im Bett zu liegen. Um 5 Uhr werde sie durch das erste Flugzeug wach. Viele Betroffene erzählten, sie seien seelisch am Ende, spürten nach dem letzten Flugzeug die Angst vor dem nächsten. Was bleibt, „ist gesundheitsschädlicher Dauerstress“.

Ein Geschäftszweig in Offenbach erfahre durch den Flughafenausbau tatsächlich großes Wachstum, gibt Wagner zu. Akustiker hätten den Umsatz mit Gehörprotektoren massiv gesteigert, weiß die Vorsitzende durch Mitglieder der BIL, die von ihrem Kauf berichteten. Ansonsten hätten sich die vielen versprochenen Arbeitsplätze als Luftschloss entpuppt: „Die Lufthansa baut 2500 Arbeitsplätze ab.“

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Was an Ingrid Wagner erstaunt, ist ihr entspanntes Auftreten. Trotz der Niederlagen in den vergangenen Jahrzehnten spricht die Sozialpädagogin ohne bitteren Unterton. Sie halte durch, „weil wir nicht allein kämpfen“. Es gebe 70 Initiativen in der Region, „die ein Nachtflugverbot ohne Ausnahmen und eine Deckelung der Flugbewegungen fordern“.

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