„Bleiben, solange es sich lohnt“

Bulgarische Polizeibeamte in Offenbach

+
Gemeinsam mit hiesigen Kollegen besuchten die bulgarischen Beamten Viertel in Offenbach, in denen bulgarische Zuwanderer leben, wie hier die Austraße, und sprachen mit Anwohnern.

Offenbach - Rund 2800 Bulgaren sind in Offenbach gemeldet. „Das sind aber nicht diejenigen, die als Kriminelle auffallen“, weiß Ordnungsamtsleiter Peter Weigand. Es ist die Dunkelziffer, die ihm und seinen Kollegen Sorgen bereitet. Von Veronika Schade

Diejenigen, die Metall und Autos stehlen, in Wohnungen einbrechen oder als Schlepper aktiv werden.

2007 wurde Bulgarien in die Europäische Union aufgenommen, die Bürger dürfen ohne Visum in die Bundesrepublik kommen. Die Flut von Auswanderern ließ verschiedene Strafdelikte in der Region ansteigen. Dessen sind sich auch die bulgarischen Behörden bewusst. Auf Initiative der bulgarischen Botschaft besuchen deshalb zwei Polizeibeamten und zwei Sozialarbeiterinnen besonders betroffene Städte in Deutschland. Bis Mittwoch sind sie zu Gast in Frankfurt und Offenbach. „Wir erhoffen uns davon, die Strukturen und Verhaltensweisen der Zuwanderer besser zu verstehen und Hinweise für die Integrationsarbeit zu bekommen“, sagt Sozialdezernent Felix Schwenke. Die Polizei verspricht sich gemeinsame Schritte im Kampf gegen kriminelle Organisationen, will etwa Schlepper ausfindig machen.

Gründe für Auswanderung

Die bulgarischen Polizisten und Sozialarbeiter beim Fototermin mit den Offenbacher Gastgebern. Danach ging es ins Bürgerbüro, ins Gewerbeamt und auf Streife. (Bild vergrößern)

Rositsa Ivanova, zuständig für Integrationsfragen beim bulgarischen Ministerrat, kennt die Gründe für Auswanderung: „Die Menschen wollen in Länder mit einem liberaleren Sozialsystem. Unseres ist sehr restriktiv.“ Bei diesen Migranten handele es sich um türkische und Roma-Minderheiten. Meist fange es mit einem Einzelnen an, dann ziehe seine Familie nach, schließlich die ganze Nachbarschaft. „Es gibt organisierte Migration aus ganzen Vierteln und Dörfern.“ In Duisburg beispielsweise hätten Bulgaren aus einer einzigen Stadt ein ganzes Quartier für sich beansprucht.

Auf der anderen Seite gibt es die hochqualifizierten Auswanderer. Sie hätten die Möglichkeit, in ihrer Heimat einer anständigen Arbeit nachzugehen, entscheiden sich aber, in ein anderes Land zu gehen. „Unser Preisniveau ist genauso wie bei euch, aber unser Einkommen ist es nicht“, bringt es Ivanova auf den Punkt. „Fachkräfte verdienen bei uns zu wenig. In Deutschland bekommen sie ein Mehrfaches.“ So lebe auch ihre 26-jährige Tochter in Schweden, obwohl ihr mit zwei Studienabschlüssen alle Möglichkeiten offen stünden. Die Abwanderung von Hochqualifizierten sei ein viel diskutiertes Problem im Land – ohne Lösung in Sicht.

Lage der Sozialhilfe-Migranten

Noch aussichtsloser die Lage der Sozialhilfe-Migranten: Ihnen sei es egal, in welchem Land sie sind, solange sie Leistungen bezögen. „Diese Leute kennen das Sozialsystem in allen europäischen Ländern, ob Italien, Polen oder Deutschland“, sagt Ivanova. „Sie bleiben, solange es sich lohnt, dann ziehen sie weiter.“ Bei der Fußstreife durch Frankfurt trifft die bulgarische Delegation sogar einige „alte Bekannte“ wieder. „Wer bei uns kriminell war, ist es auch hier“, sagt Vasil Kolev Yalnazov, Kommissaroberrat im Polizeipräsidium der Stadt Dobrich.

Gemeinsam mit den deutschen Kollegen besucht die bulgarischen Delegation Gegenden, in denen besonders viele Bulgaren leben. Diese erzählen ihren Landsleuten, die in zivil gekleidet sind, bereitwillig von ihrem Alltag – und ihrer Not. Wie sie im Auto oder unter einer Brücke schlafen. Wie sie schwarz arbeiten und unregelmäßig bezahlt werden. Wie sie täglich auf den „Arbeiterstrich“ gehen. Wie sie Fahrräder stehlen, um sie für fünf, sechs Euro zu verkaufen. Von diesem Geld ernähren sie sich in karitativen Einrichtungen. Andere berichten von Firmen, die sie für kurze Zeit offiziell beschäftigen. Danach erst haben sie Anspruch auf Sozialleistungen. Eine Hürde, die möglicherweise gekippt wird: Kürzlich sprach das Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen einer aus Rumänien eingewanderten Familie Sozialhilfe zu, die ein Jahr vergeblich in Deutschland Arbeit gesucht hatte.

Unbedachte Worte zu Polizisten können kosten

Unbedachte Worte zu Polizisten können kosten

Thomas Baier, Beauftragter für importierte Kriminalität beim Polizeipräsidium in Südosthessen, ist froh über die Fakten, die die Polizei auf diese Weise sammeln konnte. „Wie wir nun verfahren, ob es intern Umstrukturierungen geben wird, das wird nun bei uns Thema sein.“

Er bedauert, in den Reihen der hiesigen Polizei bisher keinen bulgarischen Kollegen zu haben. „Das wäre eine große Hilfe, schon allein wegen der Sprache. Allerdings müsste er sich dann zehnteilen.“ Für die Integration ist die Aktion, hofft er, ebenfalls von Nutzen: „Ziel war es auch, den Menschen zu zeigen, dass die Polizei ihnen helfen kann, dass wir ansprechbar sind.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion