Mit viel Fingerspitzengefühl

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Gitta Oesch, Leiterin der Altenpflegeschule Offenbach, gibt ihrer Schülerin Tatjana Hamburg letzte Tipps vorm Wettbewerb.

Offenbach - Jeder Handgriff sitzt. Konzentriert und doch mit routinierter Gelassenheit wechselt Tatjana Hamburg den Verband an der Magensonde ihres Pfleglings. Der lässt die Prozedur geduldig und schweigend über sich ergehen. Von Veronika Szeherova

Handelt es sich doch um eine Übungspuppe für angehende Altenpfleger. Morgen wird es ernst für die Offenbacherin: Beim Bundeswettbewerb „Bester Schüler in der Alten- und Krankenpflege“ in Leipzig kann sie zur besten Altenpflegeschülerin Deutschlands werden. Den hessischen Wettbewerb konnte sie bereits im März für sich entscheiden. „Mit einem solchen Erfolg habe ich nicht gerechnet“, erzählt die 32-Jährige freudestrahlend.

Vor zwei Jahren hat sie mit ihrer Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin an der Offenbacher Altenpflegeschule begonnen. Und damit ihrem Leben eine ganz neue Wendung gegeben. „Ich habe zehn Jahre als Speditionskauffrau gearbeitet. Wenn ich das weitergemacht hätte, hätte ich mich irgendwann kaputtgemacht.“

Die menschliche Komponente

Die menschliche Komponente fehlte ihr im Beruf. Als ihr krebskranker Vater zum Pflegefall wurde, kam der entscheidende Anstoß: „Ich habe ihn bis zu seinem Tod gepflegt. Da merkte ich, wie wichtig und erfüllend diese Arbeit ist. Und auch, dass ich sie verkraften kann.“

Die Entscheidung hat sie niemals bereut, obwohl sie nicht überall auf Verständnis stieß. „Selbst mein Mann dachte am Anfang, ich spinne“, erinnert sie sich und lacht: „Spätestens seit ich die Urkunde als beste hessische Altenpflegerin bekommen habe, sieht er es anders.“ Doch sie bedauert, dass der Beruf gesellschaftlich kaum anerkannt und entsprechend schlecht bezahlt sei. „Die Leute denken, wir würden die ganze Zeit nur Windeln wechseln. Aber Altenpflege ist viel mehr.“

Körperliche und psychische Herausforderungen

Der Beruf stellt Pfleger vor große körperliche und psychische Herausforderungen. „Wir sind oft die wichtigsten Bezugspersonen für die Heimbewohner. Wir reden viel miteinander, sie vertrauen sich uns an“, sagt Hamburg. Nicht nur praktisches Können und fachliche Kompetenz, vor allem Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen sind gefragt. „Die Geschichten, die mir die Menschen erzählen, bleiben bei mir.“ Das Schwerste für die gebürtige Moskauerin ist, wenn liebgewonnene Menschen sterben. „Wenn sie herkommen, ist man sich bewusst, dass es das letzte Zuhause für sie ist. Aber sie hinterlassen immer eine Lücke.“

Die Offenbacherin absolviert den praktischen Teil ihrer Ausbildung im jüdischen Pflegeheim in Frankfurt. Einige der Bewohner sind KZ-Überlebende. „Duschen ist nicht für jeden von ihnen vorstellbar“, beschreibt sie eine traurige Besonderheit an ihrem Arbeitsplatz. „Ich pflege jeden so, wie ich selbst behandelt werden möchte, falls ich in ein Pflegeheim käme.“

Keine Selbstverständlichkeit

Das sei leider keine Selbstverständlichkeit. Hamburg hat selbst schon erlebt, welche negativen Auswirkungen der Fachkräftemangel und die damit verbundene Überforderung mancher Pfleger auf den Umgang mit den Bewohnern haben kann. „Das darf nicht sein“, sagt sie. Ihr Ziel ist es deshalb, sich für Führungspositionen weiterzubilden.

Das freut Gitta Oesch, die Leiterin der Altenpflegeschule Offenbach: „Dieser Beruf ist keine Sackgasse. Es gibt viele Möglichkeiten, etwas aus sich zu machen, und wir freuen uns sehr, wenn wir ehemaligen Schülern begegnen, denen das gelungen ist.“ Auf Hamburg sei sie „sehr stolz“.

Diese gibt das Kompliment gern zurück: „Die Schule leistet sehr, sehr gute Arbeit. Die Dozenten sind toll, die Seminare auch. Und ich bin ja nicht die erste Schülerin, die bei Wettbewerben erfolgreich war.“ Dem morgigen Wettbewerb, der aus einer Pflegeplanung, einer praktischen und einer mündlichen Prüfung besteht, sieht die Mutter eines fünfjährigen Sohnes recht gelassen entgegen. „Ich lasse es auf mich zukommen – und tue mein Bestes!“ Wenn sie sich platziert, wird gefeiert, verrät sie. Und vielleicht belohnt sie sich noch mit einem Schuhkauf.

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