Bunte Vielfalt fürs Quartier

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Kultur im Ostpol: Auf der Terrasse des Quartiersaals gibt es bei schönem Wetter Gedränge. Das ist bei freiem Eintritt und guter Musik auch kein Wunder.

Offenbach - Wer meint, eine Matinee müsse am Vormittag stattfinden, wird von der Bürgerinitiative der östlichen Innenstadt eines Besseren belehrt. Dort finden die Sonntagsmatineen um 15 Uhr statt. Von Ernst Buchholz

„Ein Anwohner, selbst Musiker, hat sich über die Lärmbelästigung am Sonntagmorgen beschwert“, erläutert Organisator Peter Ambros. Damit der gute Mann nicht schon um 11 Uhr unsanft aus dem Schlaf gerissen wird, hat man einen Kompromiss angeboten. Jetzt kommen alle ausgeschlafen um 15 Uhr zur „Morgenveranstaltung“.

Seit vier Jahren wird an jedem letzten Sonntag im Monat „Kultur im Ostpol“ angeboten. Die Bürgerinitiative betreibt diesen Treffpunkt. „Besser leben in Offenbach“, die Aktion der Stadtwerke Offenbach Holding, leistet finanzielle Schützenhilfe. „Wir sind mittlerweile bei der 44. Veranstaltung“, freut sich Ambros: „Wir machen elf Veranstaltungen pro Jahr.“

Der gebürtige Wiener ist Motor des kulturellen Unternehmens. „Ich wähle die Musiker und Schauspieler aus, klebe aber auch die Plakate selber und verteile sie im östlichen Stadtteil.“ Da geht ihm die Arbeit nicht aus.

Die Bürgerinitiative (BI) mit rund 60 Mitgliedern kümmert sich neben der Kultur auch um die Straßenbäume im Quartier und um die Kinder der Mathildenschule. Für die Sonntagsmatinee backen sie Kuchen, schenken Kaffee aus, bieten ein Gläschen Wein an. Das kostet einen Obolus, das Gelder fließt in die weitere Programmgestaltung ein. „Ein kommerzielles Catering hat sich nicht rentiert“, so Ambros, dafür springt jetzt die BI ein.

Kulturell eher unterbelichteter Stadtteil

Die Idee, von der BI geboren, war es, in dem kulturell eher unterbelichteten Stadtteil mit einem bunten Gemisch an Bewohnern eine eigenständige Kulturveranstaltung zu organisieren. „Das ist nicht einfach, die Bewohner unseres Viertels zu mobilisieren“, resümiert Ambros, „im Vertrag mit der SOH steht zwar ausdrücklich, dass wir im Jahr vier Veranstaltungen für die Zielgruppe hier vor Ort machen, aber es gibt keine homogene Zielgruppe im Viertel“. Er sitzt im Café der neuen Schanzenbäckerei und zeigt auf die vorbeilaufenden Passanten. Ein Völkergemisch, wahrlich.

Dass man im Ostpol bei freiem Eintritt jeden letzten Sonntag im Monat ein tolles Programm erleben kann, hat sich beim Publikum herum gesprochen. Nicht nur die unmittelbaren Anwohner, wie die Bewohner der Seniorenwohnanlage an der Arthur-Zitscher-Straße, wissen das. Auch junge Leute aus dem Quartier, vom Wilhelmsplatz und aus der Innenstadt kommen regelmäßig. Immer am letzten Sonntag im Monat pilgern sie in die Hermann-Steinhäuser-Straße 43, eine fast schon auffallende Wanderschaft in der sonst am Sonntagnachmittag ziemlich ruhigen Straße. Wer rechtzeitig kommt, kann einen der 90 Sitzplätze ergattern. Wer sich zuviel Zeit lässt, muss stehen, was häufig vorkommt, auch wenn Ambros und seine Helfer noch Stühle aus allen Winkeln anschleppen. Das Gedränge ist groß, schonb vorher sit so mancher der mit dem Auto anreist, bei der Parkplatzsuche verzweifelt.

Ostpol wird zur Freiluftbühne

Der holzvertäfelte Saal des GBO-Objekts mit den großen Fensterfronten an beiden Seiten strahlt Gediegenheit aus und hat eine gute Akustik. Im Sommer, wenn die Terrasse zwischen dem Saal und der Musikschule mitbenutzt werden kann, öffnet sich der Quartierssaal. Dann werden die Fenster zum Hof hin aufgemacht, und der Ostpol verwandelt sich in eine Freiluftbühne. Die Zuhörer sitzen auf der Terrasse, trinken Wein und halten auch ein Schwätzchen.

Das Programm ist bunt und vielseitig. Ein Rückblick über das erste Halbjahr beweist das. Mit „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ von Heinrich Böll und der Erzählung vom geschwätzigen Ägypter begann das neue Jahr im Januar. Joachim Wingenfeld sorgte mit seiner Bratsche für den Zusammenhalt der Texte und bot klassische und moderne Musik an.

Kontakt: BI@peterambros.de

Bei der „Antologia de Fado“ im Februar wurden Besucher nach Portugal versetzt. Mit drei portugiesischen Gitarren sangen abwechselnd Frauen und Männer. Klassik bot Johanna Dahlhoff, Flöte mit Klavierbegleitung im März. Im April dann griechische Folklore mit Stücken von Mikis Theodorakis und anderen. Für ein eigenständiges Gebräu sorgte der Auftritt der Offenbach Jazz-Big- Band der Musikschule unter Leitung von Simon Waldvogel. Die Musiker sind zwischen 14 und 70, die Jugend beiderlei Geschlechts wetteiferte bei den Soli mit den Grauköpfen. Die „Gipsy Strings“ begeisterten mit Swing, von Django Reinhardt inspiriert. An den Gitarren schlugen Rolf Plaueln und Torsten Buckpesch den Rhythmus, Waldemar Szimansky improvisierte dazu auf der Violine.

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