Nach dem Vasen-Klau nur noch Wut im Bauch

Offenbach - Schon von weitem sieht Corina Kahl, dass etwas nicht in Ordnung ist auf dem Grab ihres Vaters. Die Blumen liegen auf der Platte verstreut, die Vase aus Bronze ist weg. Von Benedikt Müller

Auf dem Grab von Großeltern und Onkel bietet sich das gleiche Bild: Ein unbekannter Dieb hat mindestens dreimal zugegriffen auf dem Alten Friedhof.

„Ich bin es gewohnt, dass Kerzen und Blumen verschwinden“, erzählt die Offenbacherin. Aber Vasen von Gräbern zu stehlen, sei eine Schändung des Andenkens an die Toten. „Wie tief die Gesellschaft moralisch doch gesunken ist“, klagt sie.

„Buntmetalldiebstahl ist ein lukratives Geschäft“, erklärt Polizeisprecher Ingbert Zacharias. Bronze besteht zu mindestens 60 Prozent aus Kupfer, dessen Preis in in die Höhe geschnellt ist. Anfang 2009 war ein Kilogramm Kupfer zwei Euro wert, aktuell verkauft es sich für etwa 6,40 Euro.

Friedhofsdiebstähle kompliziert aufzuklären

Friedhofsdiebstähle sind laut Zacharias kompliziert aufzuklären: „Die Vasen verschwinden schnell bei Abnehmern.“ Und wenn die Polizei Hehlerware vom Friedhof beschlagnahme, sei die Zuordnung zum Geschädigten oft unmöglich. Wer eine seltene Vase mit Wiedererkennungswert aufstelle, sollte ein Foto machen, empfiehlt Zacharias. Das steigere die Chance, das Objekt im Falle eines Diebstahls zurückzubekommen. „Aber wenn Angehörige nach drei Wochen den Diebstahl bemerken, ist das Metall oft schon geschreddert“, resümiert der Polizeisprecher.

Die mangelnden Erfolgsaussichten mögen ein Grund sein, warum relativ wenige die Diebstähle melden. „Die Dunkelziffer ist sehr hoch“, so Zacharias. Bei der Firma „Steinwerkstatt“ haben allein in den vergangenen Wochen drei Kunden neue Vasen in Auftrag gegeben, nachdem ihnen das Vorgängerstück gestohlen wurde. Der Friedhofsverwaltung sind dagegen aus den vergangenen drei Jahren nur fünf Diebstähle bekannt, berichtet ESO-Sprecher Oliver Gaksch: „Wir bekommen es selten gemeldet.“

Täter klettern über die Mauern

 Seit mehr als zwei Jahren schließt ein Mitarbeiter den Alten Friedhof um 17 Uhr ab. Doch die Täter klettern entweder über die Mauern oder tarnen sich tagsüber als harmlose Friedhofsgänger. „Die Friedhöfe in Offenbach sind relativ groß und deshalb unüberschaubar“, ergänzt Polizist Zacharias. „Deshalb sind alle angehalten, mit offenen Augen über den Friedhof zu gehen“, sagt ESO-Mann Gaksch. Wer etwas Verdächtiges sehe, soll es der Friedhofsverwaltung melden. Oder die Polizei einschalten, wenn Vandalismus vorliegt.

„Wir sind den Diebstählen genauso ausgeliefert wie der Geschädigte“, resümiert Gaksch. Zwar habe das Friedhofspersonal die Order, nach dem Rechten zu sehen. Aber ein permanenter Wachdienst sei finanziell nicht machbar.

Corina Kahls Tante Hilde Nessmann hat eine andere Idee: Sie fordert einen Elektrozaun auf der Friedhofsmauer. 300 Euro hatte sie für die Metallvase auf dem Grab ihres Mannes bezahlt. Aus Angst vor erneutem Diebstahl kauft die 85-Jährige jetzt keine neue mehr. Sie hat Wut im Bauch: „Das ist eine richtige Schweinerei.“

Rubriklistenbild: © dpa

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