Kurze Strecke, langes Nachspiel

Trotz gekaufter Fahrkarte soll eine Frau Bußgeld zahlen

+
Von Marktplatz bis Humboldtstraße gilt kein Kurzstreckentarif, wie eine Offenbacherin auf unangenehme Art erfuhr. Das weiß offenbar nicht jeder Busfahrer.

Offenbach - Nursen K. kauft beim Busfahrer eine Kurzstrecken-Fahrkarte vom Marktplatz zur Humboldtstraße. Als sie dann kontrolliert wird, heißt es, der Fahrschein sei ungültig, sie müsse zahlen. Dieser Fall zeigt, welches Chaos sich hinter den scheinbar einfachen Regelungen im Nahverkehr verbergen kann. Von Veronika Schade 

Wie viele Nerven, Briefe und Anrufe Nursen K. diese Busfahrt kosten würde, ahnt sie nicht, als sie Mitte März am Marktplatz in den 101er steigt. Um zur Haltestelle Humboldtstraße zu gelangen, löst sie wie immer eine Kurzstrecken-Fahrkarte für 1,60 Euro, nennt dabei dem Fahrer ihr Ziel. Zwischen Friedrichsring und Humboldtstraße wird sie kontrolliert – und kann nicht fassen, was sie zu hören bekommt. Es handele sich um keine Kurzstrecke, deshalb sei der normale Fahrpreis von 2,30 Euro zu zahlen. Daher habe sie keine gültige Fahrkarte und müsse 40 Euro Bußgeld bezahlen.

K. weigert sich. „Ich habe die Fahrkarte beim Fahrer gekauft. Auf seinem Display war deutlich zu sehen, dass es sich um eine Kurzstrecke handelt. Der Fehler kann also nicht bei mir liegen“, argumentiert sie und erläutert dies in einem Schreiben an die RMV-Mobilitätszentrale. Eine Antwort erhält sie nie. Stattdessen kommt Monate später ein Schreiben der Inkassofirma Infoscore, die wegen „Zahlungsverzug“ bereits 94,07 Euro fordert. Sie widerspricht auch dieser Forderung, wendet sich an unsere Zeitung. „Ich habe wiederholt bei Fahrern nachgefragt. Alle haben bestätigt, dass es sich um eine Kurzstrecke handelt“, betont K. Sie habe die Strecke auch mit dem Auto abgefahren, um die Entfernung zu messen, und sei auf knapp unter 1500 Meter gekommen – die Grenze für den Kurzstreckentarif.

„Fehler in der Druckermatrix“

Anja Georgi, Geschäftsführerin der Offenbacher Verkehrbetriebe, nennt eine andere Zahl: „Es sind 1610 Meter.“ Welche Haltestellen vom Marktplatz aus als Kurzstrecke gälten, stehe auf dem Fahrplanaushang. Die Humboldtstraße sei von dort aus nie Kurzstrecke gewesen, der reduzierte Tarif gelte nur bis Friedrichsring. Dennoch verspricht sie, Kulanz walten zu lassen und das Verfahren gegen K. einzustellen, da ihr keine Absicht unterstellt werden könne: „Es gab einen Fehler in der Druckermatrix. Der hat dazu geführt, dass fälschlicherweise eine Kurzstrecke angezeigt wurde.“

Der Fahrer habe sich offensichtlich auf sein Gerät verlassen. Besagter Fehler sei durch falsche Programmierung im System des RMV zustande gekommen. „Updates gibt es höchstens zweimal im Jahr, so dass der Fehler über einen längeren Zeitraum bestehen blieb“, so Georgi. Zwar würden die Fahrer jährlich Schulungen unterzogen; zudem gebe es Aushänge, die auf solche Dinge hinwiesen. „Die Kundin kann nichts dafür. Es tut uns leid, wie das für sie gelaufen ist“, sagt die OVB-Chefin.

Bus, Bahn und Tram -Metropolen im Test

Die Kontrolleure, die laut K. nicht gerade durch freundlichen Tonfall glänzten, hätten, so Georgi, gar nicht anders reagieren können: „In dem Moment hatte sie keine gültige Fahrkarte für die Strecke, die sie gefahren ist. Nur das zählt. Es gibt keine Grauzone.“ Sie bestätigt, dass ein gewisser Anteil von den durch Kontrolleure und Inkassofirma eingenommenen Bußgeldern an die OVB geht. Warum im konkreten Fall K.s Beanstandungen unbeantwortet blieben, wisse sie nicht. „Irgendwo muss es verschütt’ gegangen sein.“

Ein weiteres Kurzstrecken-Phänomen, das an die Redaktion herangetragen wurde, betrifft die Nebenlinien im Abend- und Feiertagsverkehr. So zahlt ein Fahrgast, der von der Offenbach-Post bis zum Friedrichsring möchte, regulär Kurzstreckentarif. Hat er aber sonntags denselben Ausgangs- und Zielpunkt, muss er den vollen Fahrpreis entrichten, da die N-Linie eine (für ihn unnötige) Schlaufe über die Buchhügelallee und das Altenheim fährt. „Der Tarif geht immer nach Metern, nicht nach der Zahl der Haltestellen“, erklärt Georgi. Ausnahmeregelungen für N-Linien seien nicht möglich.

Bilder: Linienbus kracht in Auto - Zwei Verletzte

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare