„Zu Lasten der Qualität“

Busfahrer-Streik in Offenbach - Der geringe Verdienst ist nicht alles, was die Busfahrer stört

+
Die Busse in Offenbach bleiben auch heute auf dem Betriebshof. 

Auch in Offenbach streiken die Busfahrer aktuell. Der geringe Verdienst ist in diesem Zusammenhang jedoch nicht der einzige Grund, warum gestreikt wird. Vielmehr gibt es nach der Auffassung der streikenden  Busfahrer eine ganze Reihe an Missständen. 

Offenbach – Auf dem Betriebsgelände der Offenbacher Verkehrsbetriebe (OVB) herrscht derzeit Stillstand. Die Busse sind in langen Reihen geparkt. Auch die Werkstatt ist geschlossen. Im Sozialraum der OVB dagegen herrscht gesellige Betriebsamkeit. Busfahrer, Mechaniker und andere Beschäftigte der OVB und der Main Mobil Offenbach (MMO), einem Tochterunternehmen der OVB, tragen sich in die Streikliste ein. Es gibt Kaffee, schwarzen Tee und Rindswurst.

„Die meisten der rund 220 Beschäftigten machen beim Streik mit“, sagt Zacharias Leis, Betriebsratschef der OVB. „Zum Glück sind wir sehr stark mit Verdi-Mitgliedern besetzt.“ Etwa zwei Drittel der Belegschaft seien in der Gewerkschaft. Viele seien auch erst kürzlich eingetreten.

Mehr Geld für die Busfahrer

Die Busfahrer fordern mehr Geld. Gegenwärtig verdienen sie 13,50 Euro pro Stunde. Zu wenig, um im Rhein-Main-Gebiet anständig zu leben, sagen sie. 16,60 Euro fordern sie. „In Baden-Württemberg bekommen Busfahrer seit März 16,60 Euro“, sagt Leis. Die Fahrer sehen nicht ein, warum sie weniger verdienen sollen als ihre Kollegen in anderen Bundesländern. Der Landesverband Hessischer Omnibusunternehmer bietet an, den Stundenlohn schrittweise auf 15,60 Euro zu erhöhen. Über einem Zeitraum von vier Jahren. Indiskutabel, finden die Busfahrer.

Doch das Gehalt ist nicht ihre einzige Sorge. Ein Fahrer, der nicht namentlich genannt werden will, beklagt die seiner Ansicht nach zu knappe Taktung der Fahrpläne. „Gerade im Berufsverkehr ist es unmöglich, die Zeiten einzuhalten.“

Fahrpläne nicht an Tageszeiten angepasst

Sind die Fahrpläne denn nicht an die Verkehrslage der jeweiligen Tageszeiten angepasst? „Nein“, sagt der Mann. Würde man das berücksichtigen, so sagt er, müsse man für die Touren zu den Stoßzeiten zehn oder 15 Minuten mehr einplanen. Und das wiederum würde bedeuten, dass man einen Fahrer und einen Bus zusätzlich bräuchte.

So wie es der Fahrer schildert, stehen die Frauen und Männer unter dreifachem Druck. Einerseits müssten sie versuchen, den Fahrplan einzuhalten, weil jede Minute Verspätung von ihren Pausenzeiten abgeht. Das wiederum gehe zu Lasten der Fahrgäste, denn um im Plan zu bleiben, müssten sie schneller beschleunigen und an der nächsten Haltestelle wieder stärker bremsen. Und schließlich müsse man häufig auch schneller fahren als erlaubt.

Neue Tempo-30-Zonen seien in den Fahrplänen ebenfalls nicht berücksichtigt worden. Das Risiko, dabei geblitzt zu werden, liegt beim Fahrer. „Ich bin seit 28 Jahren im Betrieb, der Fahrtakt ist seit 15 Jahren gleichgeblieben, obwohl neue Ampeln, Haltestellen und Tempo 30-Zonen dazugekommen sind“, sagt der Fahrer, der Mobbing fürchtet, und deswegen anonym bleiben will. „Das alles geht zu Lasten der Qualität“.

Pausenzeiten kam einhaltbar

Auch die Pausenzeiten sind ein Thema unter den Fahrern. Sie fühlen sich doppelt benachteiligt. Sie werden nur zum Teil entlohnt und häufig sei es durch die enge Taktung und die hohe Verkehrsdichte gar nicht möglich, die Pausen überhaupt wahrzunehmen. Wolle man an der Endstation einer Linie auf Toilette gehen, würde das häufig eine weitere Verspätung bedeuten.

Die Aufteilung der Schichten ist den Fahrern ebenfalls ein Dorn im Auge. „Manchmal arbeitet man morgens drei Stunden und Nachmittags noch mal sechs“, sagt Busfahrer Alija Avdig. „Dazwischen hat man dann drei Stunden Pause, mit denen man auch nicht wirklich etwas anfangen kann.“ Man sei quasi zwölf Stunden im Dienst, werde aber nur für neun bezahlt, rechnet Avdig vor. Das sich die ungünstigen Arbeitsbedingungen herumsprechen, liegt auf der Hand. „Ich habe in den letzten Jahren etwa 200 Leute ausgebildet“, sagt Alija Avdig. „Da waren nur 30 Deutsche dabei, die das machen wollten.“ Viele würde das Arbeitsamt schicken, berichtet der 50-Jährige. Wirkliches Interesse an dem Job hätten die meisten nicht. „Wer diese Arbeit macht, will auch normal bezahlt werden“, sagt Avdig. Dass die Fahrgäste die Leidtragenden des Streiks sind, bedauern die Fahrer. Trotzdem: „Das muss jetzt mal sein“, sagt Betriebsratschef Leis.

Mehr Informationen zum Busfahrer-Streik erhalten Sie in unserem aktuellen News-Ticker:Busfahrer-Streik geht weiter - Auch Straßenbahnfahrer zum Streik aufgerufen.

von Sebastian Schilling

Die Stadt Offenbach will ihr Bus-Netz ausweiten. Mehrere neue Haltestellen sind angedacht, das Strecken-Geflecht wächst. Es ist ein aufwendiges Millionenprojekt.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare