Redakteurin hinterm Steuer von einem Koloss

Busfahrstunde auf ehemaligem Hoechst-Gelände

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Fahrlehrer Ulrich Urban erklärt der OP-Redakteurin Sarah Neder die Bedienung des zwölf Meter langen Busses. Üben darf sie nicht auf offener Straße, sondern nur auf einem abgesperrtem Privatgelände wie dem des Chemiekonzerns Allessa.  - Fotos: Löw

Offenbach - Adlerauge, Krakenarme, Engelsgeduld – wer Bus fahren will, braucht kann das alles gut gebrauchen. Muss Türen steuern, abkassieren, dem Uhrzeiger hinterher rollen und dabei – sehr wichtig – Ruhe bewahren. Wie schwer aber allein das Lenken eines solchen Straßenkolosses ist, haben Journalisten bei Probierfahrten herausgefunden. Von Sarah Neder

Ich fahre einen Bus. Also gleich. Momentan habe ich nur auf seinem Fahrersitz Platz genommen. Zwölf Meter ist das Gefährt lang. Ein türkischer Temsa, Modell Safari. 350 Pferdestärken. Um die 50 Sitzplätze. Zwei Dutzend Knöpfe am Armaturenbrett. Zwei fühlerartig nach unten gebogene Spiegel an der Frontscheibe. Ein Motor-Insekt, dessen Bedienung auf den ersten Blick ähnlich wie die eines Pkw zu sein scheint: Sechs Gänge, Kupplung, Gas, Bremse – das kommt mir bekannt vor.

Ich fahre einen Bus. Obwohl ich keinen Führerschein dafür habe. An die 10. 000 Euro würde mich die Zulassung für die Klasse D plus Beförderungsgenehmigung kosten. Oder ich müsste sie mir von einem Ausbildungsbetrieb finanzieren lassen. Das hier ist aber nur ein Test. Mal erleben, wie sich so ein Koloss lenken lässt, ein paar Runden auf dem ehemaligen Clariant-Gelände drehen, an den Holzpellets-Hügeln der EVO vorbeizuckeln.

Dazu eingeladen haben die Offenbacher Verkehrsbetriebe (OVB). „Wir wollen zeigen, wie anspruchsvoll der Beruf eines Busfahrers ist“, sagt ihr Sprecher Jörg Muthorst. Die Aktion sei jedoch unabhängig vom Streik in den vergangenen Tagen zu sehen. Keine Legitimation für mehr Lohn.

Geplant wurde das Vorhaben schon im November. Weil Laien nicht auf offener Straße Busfahren üben dürfen, musste zunächst ein abgeriegeltes Privatgelände wie das des Chemiekonzerns Clariant gefunden werden. Nach einer kurzen Einführung im OVB-Schulungsraum an der Hebestraße folgt die Praxis im Industriepark.

Ich fahre einen Bus. Zum ersten Mal. Jetzt endlich geht’s los. Aber ich bin nicht allein. An meiner Seite: Ulrich Urban, Fahrlehrer-Urgestein. Er sagt: „Sie müssen erstmal ein Gefühl für die Dimensionen bekommen.“ Ich nicke, richte mich hinter dem riesigen Lenkrad ein, meine Füße ertasten die drei extralangen Pedale. Alles wirkt übergroß. Die Scheibe, der Tachometer. Ein bisschen fühle ich mich wie ein Kind, das Autofahren spielt.

„Kupplung langsam kommen lassen“, sagt Urban. Der erste Gang ist schon eingelegt. Der Temsa rollt. Langsam. Als wäre er gerade aus einem Mittagsschlaf aufgewacht. Kupplung treten, zweiter Gang. Wir nehmen Fahrt auf, 20 Stundenkilometer fühlen sich hier drinnen an wie 60. Kupplung treten, dritter Gang. Wir haben Schallgeschwindigkeit erreicht. Bestimmt.

Bilder: OP-Redakteurin in der Busfahrschule

Nun wird’s schwitzig: links abbiegen mit dem Ungetüm. Die Einfahrt wirkt breit, der Bus breiter. Blinker setzen, Spiegel checken. Mit beiden Händen kurbele ich am Lenkrad. Die Blechwurst folgt meiner Vorgabe behäbig. Hugo „Hucky“ Reinhardt, früher Fahrer und heute Qualitätsmanager bei der OVB, weiß: So ruhig wie bei meiner Probefahrt geht’s in der Realität nicht zu.

„Man muss sich schon mit einigen Pöblern auseinandersetzen: Manchen Fahrgästen fährt man zu schnell, anderen bremst man zu ruppig“, erinnert sich Reinhardt. Dazu kommen die alltäglichen Herausforderungen ans Multitasking: „Kassieren, Türen öffnen, Hydraulik bedienen, einsteigen und aussteigen lassen – das passiert alles parallel.“

Das Einzige, was ich bisher gleichzeitig machen muss, ist lenken und Gas geben oder lenken und bremsen. Nächster Schritt: rückwärts wenden. Ich und meine zwölf Meter müssen jetzt flink sein. „Kupplung kommen lassen und schnell nach rechts einlenken“, weist mich Fahrlehrer Ulrich Urban an. Hugo Reinhardt mimt den Rückspiegel. „Noch 10 Meter, noch 5 Meter, noch 3, 2, ... stopp!“ Bremse lösen, Schleifpunkt suchen, gegenlenken: Dann ist die Wendung geschafft. Temsa ist gedreht, muss nur noch geparkt werden. Und ich, ich bin einen Bus gefahren.

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