Café am Rathaus

Inseldasein auf der Baustelle

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Durch den Bauzaun über einen Holzsteg geht es ins Rathaus-Café. Inhaber Günter Domogalla kann dort derzeit kaum jemanden begrüßen, bis auf Stammgäste.

Offenbach - Die Baumaschinen dröhnen, die Arbeiter bohren und hämmern, der Geruch von frischem Teer breitet sich aus. Es herrscht Hochbetrieb auf der Baustelle am Stadthof, wo die Tiefgarage saniert wird. Von Veronika Schade

Mittendrin das Café am Rathaus – wie auf einer Insel, von der Baugrube umgeben und rundherum eingezäunt, der Zugang nur über einen Holzsteg möglich, die Außengastronomie behelfsmäßig aufgebaut. Wer mag sich in einer solchen Umgebung niederlassen? Kaum jemand. Café-Inhaber Günter Domogalla ist der Verzweiflung nahe. Seit die Bauarbeiten Mitte Mai begonnen haben, verzeichnet er enorme Umsatzeinbußen. „Es sind 70 bis 80 Prozent“, sagt er. Wegen des Bauzauns sei der Zugang zum Café kaum erkennbar. Deshalb hat er Hinweisschilder angebracht und Flugblätter in Geschäften verteilt, dass das Café weiter geöffnet hat. Der negative Höhepunkt sei ein Juli-Nachmittag gewesen, als überhaupt niemand gekommen ist bis auf eine Gästegruppe, die drei Cola bestellt hat. „Als wir die gebracht haben, waren sie schon wieder weg. Ihnen war es wohl auch zu laut.“ Seitdem hat er an ganz schlimmen Nachmittagen sein Café gleich zu gelassen. „Seit 36 Jahren bin ich hier am Stadthof, aber ich weiß nicht, ob das noch lange gut geht.“

Massive Probleme so nicht erwartet

Dabei hatte er noch vor drei Jahren um die Erhaltung des Cafés gekämpft, als es darum ging, ob die beiden Beton-Pavillons vor dem Rathaus überhaupt bestehen bleiben. Gegen mögliche Abrisspläne sammelte er innerhalb eines Monats 1800 Unterschriften. „Dann kam der Ausgabenstopp vom RP Darmstadt, der Abriss wurde für die Stadt zu teuer.“ Dass die Tiefgarage saniert und der Platz umgestaltet wird, war ihm schon damals klar gewesen. Aber nicht, dass er dadurch so massive Probleme bekommen würde. Es geht mittlerweile ums blanke Überleben: „Ich habe beim Liegenschaftsamt nachgefragt, ob ich während der Bauzeit eine Mietminderung bekommen könnte. Sie sind auf 50 Prozent runter gegangen, aber nicht mal die kann ich bezahlen.“ Von den drei festen Angestellten arbeitet derzeit nur eine, die anderen sind im Urlaub. Zu tun hätten sie, sagt Domogalla bitter, sowieso nichts. „Ich werde nach der Urlaubszeit wohl zwei Leute entlassen müssen.“ Bezahlen könne er sie nicht, das Trinkgeld fehle ebenfalls, und sie hätten Familien zu versorgen. „Sie müssen ihr Geld verdienen. Ich habe ja auch eine Verantwortung.“ Er hofft, sie wieder einstellen zu können, wenn der Spuk vorbei ist. Laut Zeitplan soll die Tiefgarage im Dezember in Betrieb gehen – wenn alles glatt läuft.

Von der Stadt enttäuscht

Das Gröbste ist nun aber, so hofft er, überstanden: „Die ganz lauten Aufrissarbeiten sind jetzt abgeschlossen. Über die Grube kommen noch Drainagebeton, eine Sandschicht und zuletzt Bodenplatten. Das dürfte nicht mehr ganz so schlimm werden.“ Anerkennend spricht er von den Bauarbeitern, die trotz der Hitze ihre Arbeit meistern und ihm mitteilen, wenn etwas Größeres ansteht. „Der Kontakt ist sehr gut. Ich bringe ihnen immer mal was zu trinken.“ Von der Stadt hingegen zeigt sich der 61-Jährige enttäuscht. „Man hält mich nicht auf dem Laufenden. Ich hatte bisher nur ein einziges Gespräch.“ Als die Wasserleitungen verlegt wurden, habe ihn vorher ein Arbeiter informiert, nicht das Amt. Seit Wochen würden die Bau-Sonderabfälle nicht weggefahren, um die Entsorgung seines Mülls habe er sich selbst kümmern müssen, nachdem die Tonnen umgestellt wurden. Er blickt hoch zum Rathaus. „So lange bin ich schon hier und zahle meine Miete. Doch von da oben kommt keiner und fragt mich, wie es mir geht.“ Auch weitere Anlieger wie der ADAC und das Autoschilder-Geschäft würden unter den Bauarbeiten leiden, weil die Kunden wegblieben. „Ich habe zum Glück noch meine Stammkunden“, seufzt Domogalla. „Auf die ist Verlass.“

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