Illegale Beschäftigung in der Pflege

Wenn nur noch Maria helfen kann

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Viele möchten auch im Alter ihre bekannte Umgebung nicht verlassen und bleiben in der eigenen Wohnung. Wenn es alleine nicht mehr geht, gibt es für Angehörige oftmals nur noch eine Lösung: eine Pflegekraft - und die kommt in vielen Fällen aus dem Ausland. Fo

Offenbach - Wieder mal für drei Monate war im Haus der Familie K. vieles halbwegs geregelt - für Oma Renate, die nach einem Schlaganfall auf umfangreiche Hilfe angewiesen ist. Endlich hatte die Familie eine Betreuerin für die 77-Jährige gefunden. Von Peter Schulte-Holtey

Sie ist immer im Haus, 24 Stunden am Tag, fast sieben Tage die Woche. Ein halber freier Tag pro Woche steht ihr zu. Nach drei Monaten kehrt Maria (Name geändert) nach Polen zurück und kümmert sich wieder um ihre eigene Familie. Vor zehn Jahren kam sie zum ersten Mal mit dem Bus. Maria ist nicht die erste Polin im Haus. Regelmäßig muss Oma Renate sich an eine neue Betreuerin gewöhnen.

1200 Euro monatlich zahlt die Familie der 44-Jährigen aus Polen, die in Deutschland schwarz arbeitet, um für ihr krankes Kind in der Heimat sorgen zu können. Dafür gehen Oma Renates Rente und das Ersparte drauf. Außerdem zahlt die Familie An- und Abreise mit dem Bus. Und von den 1200 Euro monatlich gehen 200 Euro an die Vermittlerin. Die ist eine Polin, die im Rhein-Main-Gebiet lebt, und sich ein Netzwerk rund um Warschau aufgebaut hat.

Rund-um-die-Uhr-Betreuung oft unbezahlbar

Die besorgten Angehörigen der erkrankten Seniorin wissen, dass sie sich mit dem Beschäftigungsverhältnis für Maria in illegalen Gefilden befinden. Aber ein Pflegedienst, der Oma Renate rund um die Uhr betreut, wäre für die Familie aus dem Kreis Offenbach unbezahlbar.

Eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung, die sich mehrere Mitarbeiter teilen müssen, kostet oft mehr als 8 000 Euro pro Monat. Die Kosten für einen Platz im Pflegeheim können sich ebenfalls leicht auf einige Tausend Euro im Monat summieren - und davon trägt die Pflegekasse oft nur einen Teil. In dieser Situation entscheiden sich manche Angehörige für eine Kombination: Ein Pflegedienst übernimmt die Grund- und Behandlungspflege, während eine osteuropäische Haushaltshilfe ins Haus kommt, damit die Pflegebedürftigen in der langen Zeit zwischen den Besuchen des Pflegedienstes nicht allein bleiben. Eine Osteuropäerin darf den alten Menschen aber gar nicht betreuen - sie muss eine reine Haushaltshilfe bleiben. Doch wer kann da schon so genau hinschauen?

Bernd Bleines, Caritas-Direktor in Offenbach: „Wir informieren über Möglichkeiten für eine legale Beschäftigung.“

Bernd Bleines, Caritas-Direktor in Offenbach, ist nicht sonderlich optimistisch, wenn er auf das Massenphänomen „illegale Pflegearbeit in deutschen Familien“ angesprochen wird. „Wir gehen in der Gesundheitsbranche langfristig von einer steigenden Zahl sogenannter illegaler Beschäftigungen aus“, räumt er ein. „Unserer Meinung nach wird dies, wie zum Beispiel auch in der Baubranche, so bleiben“, fügt er hinzu. Es ist ein Eindruck, den weitere Experten in der Pflegebranche bestätigen.

Bleines macht aber auch deutlich, dass die Caritas in Offenbach versucht, mit den Auftraggebern und den illegal Beschäftigten ins Gespräch zu kommen. Bleines: „Ziel ist es, die Folgen ihres Handelns und die Möglichkeiten einer legalen Beschäftigung aufzuzeigen. Auch den in der Illegalität beschäftigten Menschen bieten wir über unsere Beratungsdienste Unterstützung auf dem Weg zur legalen Beschäftigung.“

Illegale Beschäftigung nur eine von vielen Lösungen

Nach den Beobachtungen des Caritas-Mannes sind den Familien in vielen Fällen nicht alle Leistungen und Möglichkeiten zur Entlastung bekannt. „Nach unserer Erfahrung gibt es immer eine Lösungsmöglichkeit ohne illegal beschäftigte Menschen“, so Bleines.

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100.000 arbeiten illegal

Wie überfällig der Kampf gegen die „illegale Pflegeszene“ ist, bestätigt auch Sylwia Timm. Sie arbeitet bei einer Beratungsstelle des Deutschen Gewerkschaftsbundes für mittel- und osteuropäische Arbeitnehmer und wird immer wieder mit traurigen Schicksalen sowie massiver Ausbeutung in der ambulanten Pflege konfrontiert. In der ARD-Sendung „Monitor“ legte sie den Finger in eine Wunde, die in der Branche zunehmend schmerzt: „Die Verträge sind so konstruiert, dass die Frauen nicht reden dürfen über ihre Situation. Sie dürfen die Verträge auch niemandem zeigen. Sie haben Angst, darüber zu reden.“

Warum sie alles geheim halten müssen, haben bislang nur wenige herausgefunden. Pflegedienstexperten wissen es. Sie stellten nach Angaben der TV-Sendung zum Beispiel in einem Fall fest, dass die Familien für eine polnische Hilfskraft bis zu 2 500 Euro im Monat bezahlt hatten - bei der Frau aber nur gut 1 000 Euro ankamen. Das meiste aber behielten Arbeitsvermittler heimlich ein, keiner sollte es mitbekommen.

Doch wie kann der Teufelskreis in Deutschland durchbrochen werden? Für Friedhelm Menzel, Referent Altenhilfe beim Diakonischen Werk in Hessen und Nassau sowie Kurhessen-Waldeck, steht fest, wer gefordert ist: „Erst wenn die Politik willens ist, die kompletten Pflegekosten etwa über eine Pflegevollversicherung wie bei der Krankenversicherung zu finanzieren, wird man diese Problematik wirklich lösen können.“

Heimbewohner nehmen Sozialhilfe in Anspruch

Es gibt nach seinen Angaben Hochrechnungen und Gutachten von der Gewerkschaft Verdi, die davon ausgehen, dass die Finanzierung für diesen Plan mit der Erhöhung des Pflegekassenbeitrags um ein Prozent machbar wäre. Eine Vollversicherung könnte deutlicher als die jetzige Teilversicherung erforderliche professionelle Sachleistungen ermöglichen, sagt er, und dadurch illegale Beschäftigung beenden.

Menzel sieht einen Zusammenhang mit den „seit 1995 so gut wie nicht gestiegenen Leistungsbeträgen der Pflegeversicherung im stationären Bereich“. Dies habe dazu geführt, dass nun schon 40 Prozent und mehr der Heimbewohner Sozialhilfe in Anspruch nehmen müssten, bzw. „die Selbstzahler immer höhere Eigenbeiträge für eine stationäre Unterbringung zu zahlen haben“. Der Pflegefachmann vom Diakonischen Werk: „Im ambulanten Bereich hat es zwar die ein oder andere Verbesserung insbesondere für Menschen mit Demenz gegeben, aber dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die erforderlichen Leistungen im häuslichen Umfeld über die Sachkostenfinanzierung der Pflegedienste gar nicht abgerufen werden.“

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Die Experten stellen immer wieder fest, dass dies auch zu einer schlechteren Versorgung führt, etwa wenn Menschen nicht zum Sozialamt gehen, obwohl  sie  auf umfassendere Leistungen angewiesen sind. Dabei ist für Menzel auch klar, dass attraktive, bezahlbare Angebote beim „Betreuten Wohnen“ im Alter Versorgungslücken in Verbindung mit ambulanter Pflege schließen könnten. Sein Erfolgsrezept: „Nur Konzepte, die ambulant betreute und gemeinschaftliche stationäre Wohnformen gleichermaßen entwickeln, werden letztlich illegale Versorgungsformen zurückdrängen können. Doch das wird Geld kosten.“

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