Neubau der Carl-Ulrich-Brücke

Pfeiler fürs Jahrhundertwerk

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Zurzeit werden links und rechts der Brücke 19 Bohrköpfe für die Hilfspfeiler gesetzt.

Offenbach - Es ist ein Jahrhundertwerk, das derzeit über dem Main entsteht. Eine Brücke baut man ja nicht alle Jahre, und die neue soll, bitteschön, auch hundert Jahre halten. Immerhin investiert das Land Hessen mehr als 17 Millionen Euro in die neue Carl-Ulrich-Brücke. Von Fabian El Cheikh

Über deren Ästhetik darf zweifellos gestritten werden; hätte die Stadt Offenbach noch etwas Geld für derlei Infrastrukturprojekte übrig gehabt, wäre womöglich mehr als nur die optische Minimalvariante am historischen Übergang von Offenbach nach Fechenheim herausgekommen. Stattdessen wird bei der neuen Stahlverbundkonstruktion Wert allein aufs Funktionale gesetzt, und das ist letztlich das Entscheidende, darf der Verkehr über die marode, 1934 errichtete und nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaute Brücke doch nur noch bis Ende kommenden Jahres rollen. Und das auch nur eingeschränkt, mit (stetig missachteten) Fahrverboten für den Schwerlastverkehr und unter ständiger Bauwerksüberwachung. Warum, schildert der Projektleiter der Firma Deges, Winfried Glitsch: „Der nach dem Krieg verbaute Stahl ist spröde, und besonders im Winter, wenn es tagelang kälter als minus 15 Grad ist, ist die Gefahr sehr groß, dass Risse entstehen.“

Eile ist also geboten, doch schon jetzt ist klar: Der ursprüngliche Zeitplan ist nicht mehr zu halten. Ursache ist die gebotene Kampfmittelräumung, die mehr als dreimal solange dauerte als geplant: „Wir haben exorbitante Mengen an Kriegsmitteln aus deutscher Produktion sowie zivilen Schrott aus dem Main gefischt!“ Dass man ganze Kisten mit Panzer- und Mörsergranaten aus dem Wasser heben würde, damit habe niemand gerechnet, zumal beim Bau der neuen Mainbrücke Ost in Frankfurt nichts gefunden worden sei.

Brückenschlag in Frankfurt

Wer in die Geschichtsbücher blickt, erfährt jedoch, dass sich seinerzeit eine Flak-Stellung am Fechenheimer Brückenkopf befand, die die nahegelegenen Chemieunternehmen vor den Angriffen britischer Bomber schützen sollte. „Als dann die Amis kurz vor Sprendlingen standen, sprengten die Wehrmachtssoldaten die Brücke und versenkten offenbar in Eile übriggebliebene Munition“, erklärt Bauoberleiter Ulrich Gawlas. Doch nicht nur Kriegsmaterial, auch allerhand Wohlstandsmüll landete über die Jahrzehnte im Fluss. Mit einem Lkw, einem Auto, mehreren Motor- und Fahrrädern förderten die Taucher des noch immer in der Schiffsrinne tätigen Kampfmittelräumdienstes einen regelrechten Fuhrpark zutage. Sogar eine Waschmaschine und einen Kinderwagen entdeckten sie.

Eigentlich hätte die Unterwasser-Räumung im März beendet sein sollen. Erst jetzt aber sind alle für die Bauarbeiten relevanten Flussbereiche bombenfrei. Bombenfest muss nun das Fundament für die Hilfspfeiler werden, die später die neue Brücke tragen, bevor diese an die Stelle der alten gehievt wird. Für die Gründungsarbeiten werden zurzeit links und rechts der alten Brücke Spundwände und Betonbohrpfähle eingebaut. Noch Ende Oktober soll der Vormontageplatz für die neue Konstruktion am Mainparkplatz eingerichtet sein. Passanten können beobachten, wie am Ufer tonnenweise Kies aufgeschüttet wird. Dort wird ab November die neue Brücke aus insgesamt 1400 Tonnen schweren Stahlteilen vormontiert, die derzeit in einem Stahlwerk in Sachsen hergestellt werden.

Danach, aufgrund des verspäteten Zeitplans wohl frühestens in den Sommerferien, wird das dann etwa 150 Meter lange und bereits mit Fahrbahn und Geländer versehene Brückenbauwerk mittels Pontons oder Schwimmkränen in Parallellage zur vorhandenen Brücke eingeschwommen und anschließend an die Stelle der jetzigen geschoben. Dieser Einschub dauert rund vier Wochen – solange wird auch die Verbindung nach Fechenheim für den Straßenverkehr komplett gesperrt sein. „Kurz danach aber kann der Verkehr schon wieder übers neue Bauwerk fließen“, so Glitsch. „Währenddessen wird die alte, Richtung Frankfurt verschobene Brücke mitsamt Pfeilern abmontiert.“ Auch die Schifffahrt müsse sich auf tageweise Sperrungen einstellen.

Zumindest Radfahrer und Fußgänger werden aber für die Einschränkungen belohnt: Die neue Brücke wird mit 14 Metern rund einen Meter breiter sein. Ein Meter, der ausschließlich ihnen zugute kommt, denn Rad- und Fußgängerwege gewinnen in jede Fahrtrichtung 50 Zentimeter an Breite.

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