Neue Carl-Ulrich-Brücke

Schwertransport nach Maß

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Offenbach - Eintausendeinhundert Tonnen – ein gigantisches Gewicht, das sich auf 150 Meter langem Stahlbeton verteilt, hängt mitten über dem Main. Was über Monate am Rande des Mainparkplatzes montiert wurde, tragen nun zwei 80 Meter lange Pontons im Wasser. Von Fabian El Cheikh

Seilwinden an beiden Ufern ziehen den Überbau der neuen Carl-Ulrich-Brücke in Position. Ganz langsam, in Zeitlupentempo, damit bloß nichts schief geht. In drei Schritten um insgesamt 90 Grad gegen den Uhrzeigersinn muss das Brückenmittelteil gedreht werden. Bislang stand das Bauwerk längsseits des Ufers – die angepeilte neue Position: parallel zur alten Brücke. Der Zeitplan: straff, bis zum Abend muss alles gelaufen sein.

Es ist Montagvormittag, der Schiffsverkehr ruht bereits seit dem Vorabend, ebenso der Straßenverkehr zwischen Fechenheim und der Offenbacher Innenstadt. Auch Radfahrer und Passanten halten inne, beobachten an beiden Mainufern, wie so ein Brückenschlag über Wasser abläuft. Nicht weniger aufmerksam: die Ingenieure auf der Baustelle. Nervös? Eher nicht. Aufgeregt? Das schon! „Jedes Brückenwerk ist ein Prototyp“, erklärt Winfried Glitsch von der Firma DEGES, die das Gesamtprojekt leitet. „Es gibt projektspezifische Anweisungen und Arbeitsabläufe.“ Von der Stange werde da nichts geplant. Ergo: eine Maßanfertigung für Offenbach, das auch in Zukunft den kurzen, direkten Weg nach Frankfurt sucht. Oder eher umgekehrt?

Überlieferungen legen den Schluss nahe, dass gerade die Fechenheimer den schnellen Weg nach Offenbach schon immer sehr geschätzt haben. Es handle sich eben um eine traditionelle Verbindung zwischen den beiden miteinander verwachsenen Städten, spricht Oberbürgermeister Horst Schneider Fernseh- und Radiokollegen ins Mikrofon. „Und diese Verbindung wird dankenswerter Weise von Hessen Mobil zukunftsfähig gemacht.“ Hätte alles ja auch ganz anders enden können zwischen Hibbdebach und Dribbdebach, wenn das Land Hessen nach langem Zögern nicht doch noch 17 Millionen Euro in die Hand genommen hätte, um die völlig marode und schon lange für den Lkw-Verkehr gesperrte Brücke neu bauen zu lassen.

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„Einschwimmen“ der Carl-Ulrich-Brücke

Schön wäre es zweifellos gewesen, wenn sich die Offenbacher auch noch Material und Farbe des Maßanzuges für ihre Brücke ausgesucht hätten, doch dafür gab der städtische Haushalt nichts mehr her. So blieb es bei einem rein funktionalen Bau, der hundert Jahre halten soll und mit 14 Metern Breite auf jeder Seite 50 Zentimeter mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger lässt. Die allerdings müssen sich ihren Weg auch weiterhin teilen. Doch dem gedeihlichen Miteinander zwischen Offenbachern und Frankfurtern kann das nur gut tun. Das haben inzwischen ja auch die Politiker auf beiden Seiten des Flusses erkannt. Beim letzten Brückenschlag zwischen Offenbach und Frankfurt mag’s anfänglich zwar noch gehapert haben – da ging es politisch und finanziell aber um einiges mehr. Und auch technisch gab es beim Einschwimmen der neuen Osthafenbrücke Probleme.

Neue Carl-Ulrich-Brücke schwimmt

Neue Carl-Ulrich-Brücke schwimmt

Gestern also schaut alles nach Offenbach, wird dort der Zeitplan eingehalten? Anderthalb Jahre haben die Ingenieure darauf hingearbeitet und bis ins letzte Detail geplant. Der spektakuläre Höhepunkt ihrer Arbeit, das Einschwimmen der Konstruktion, liegt nicht mehr in ihren Händen, sondern in denen einer holländischen Spezialfirma. Bis zum Abend muss alles gelaufen sein. Die ersten 30 Grad sind geschafft, jetzt heißt es nachmessen, überprüfen und Seile umlegen. Das Zuschauen wird zur Geduldsprobe, endlich geht es wieder ein Stück voran. Bis zum frühen Abend zieht sich das Prozedere hin. Dann kommt die erleichternde Nachricht: Die Brücke ist am Ziel und liegt sicher auf der Hilfskonstruktion. Alles ist im Plan. Hurra, in Offenbach klappt’s reibungslos.

Und so geht’s weiter

Nach dem Einschwimmen wird nun die Baustelle abgebaut, damit der Mainuferparkplatz schnell wieder frei wird. Es folgt das Einsetzen der beiden 40 Meter langen Brücken-Endstücke auf Offenbacher und Frankfurter Seite. Danach ist die Stahlmontage in Parallellage zur alten Brücke abgeschlossen. Anschließend wird die Betonfahrbahnplatte errichtet – mit einem Schalwagen, der sich auf der Stahlkonstruktion bewegen kann.

Die weiteren Schritte: Abdichten der Fahrbahnplatte, Betonieren der Kappen, Montage der Geländer und Lichtmaste, Verlegung der neuen Medienkabel für Telekom, Abbruch des alten Überbaus an Ort und Stelle von Land und Wasser aus, Querverschub des neuen Überbaus an Stelle des alten (im Herbst 2014 während einer vierwöchigen Brückensperrung) und Aufbringen des Asphalts.

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