CDU-Chef nutzt die Steilvorlagen

+
Offenbach, Deutschland, Europa und die Welt: Themen für Günther Oettinger...

Offenbach ‐ Die Rhein-Main-Vokalisten von Professor Blume setzen beim Neujahrsempfang der Offenbacher CDU nicht nur tonsichere und harmonische Akzente. Der gemischte Chor spielt auch, vom Leiter durchaus beabsichtigt, auf den Gastredner im Büsingpalais an. Von Thomas Kirstein

Weil der scheidende baden-württembergische Landesvater Günther Oettinger demnächst als Kommissar der Europäischen Union wirken wird, wählt Jürgen Blume einen französisch-englisch-deutschen Auftakt-Dreiklang - von Josquin Deprez’ „El Grillo“ (um 1500, Text provenzalisch) über John Farmers „Fair Phillis I saw“ (um 1600) zu Mendelssohns „Die Nachtigall“ (1843). Letzterer Text ist von Goethe, und somit nicht als Anspielung auf ein konservatives Profil der CDU zu interpretieren: „...was Neues hat sie nicht gelernt, singt alte, liebe Lieder.

...und Stefan Grüttner beim Neujahrempfang der CDU im Büsingpalais.

Zumal der Kreisvorsitzende Stefan Grüttner anschließend ein neues, in den Vorjahren noch nicht gehörtes Neujahrs-Lied anstimmen kann: Offenbacher Themen für eine launig-lockere und unaufgeregt stichelnde Ansprache wurden dem Staatsminister ja auch als Steilvorlagen serviert. In der Stadt sei viel in Bewegung, erkennt der Chef der - nach eigener, auf den jüngsten Wahlergebnissen beruhenden Einschätzung - „bestimmenden politischen Kraft in Offenbach“: „Bewegung kann zielführend sein, aber auch unkoordiniert und hektisch.

Den rund 400 Gästen ist es kein Rätsel, wessen Aktionen er damit meint - die Ampelkoalition und ihren SPD-Oberbürgermeister. Bis zum Umbau des Wilhelmsplatzes sei es „ein Gewürge“ gewesen, bis hin zum Start mit einer Kastanienfällaktion; jetzt werde mit Umgestaltung der umliegenden Straßen begonnen. „Zur Freude der Anlieger“, ironisiert er und hält ein Satire-Blatt hoch, mit dem um Spenden für einen Horst-Schneider-Gedächtnisbrunnen geworben wird.

Grüttner braucht zur Unterhaltung seiner Zuhörerschaft aus allen gesellschaftlichen Gruppen der Stadt keine eigenen Konzepte zu entwickeln. Es reichen genüssliche Beschreibungen des lokalen Mehrheitswirkens und der SPD-internen Auseinandersetzungen. Das darf er krönen mit der für einen christdemokratischen Hessen-Minister pflichtgemäßen Feststellung, dass sich Offenbach mit seinem Rekorddefizit nichts mehr ohne die Hilfe von Land und Bund leisten könne.

Gastredner Günther Oettinger gilt als ausgewiesener Wirtschaftsfachmann, auch als Technokrat. Nachhaltiges Aufsehen erregte er 2007 mit umstrittenen Worten zur Nazi-Vergangenheit des ehemaligen Stuttgarter Regierungschefs Hans Filbinger. Das ist aber kein Thema an einem Januar-Sonntagvormittag in Offenbach. Im Mittelpunkt von Oettingers Ausführungen steht, was Deutschland und die EU leisten müssen, um sich angesichts der weltweiten Konkurrenz zu behaupten. Für den designierten EU-Energie-Kommissar hat der Klimagipfel in Kopenhagen die Grenzen der europäischen Länder aufgezeigt - was diese als notwendig erachteten, sei China egal: „Nachdem wir 150 Jahre verschwendet haben, beanspruchen die jetzt auch das Recht auf Raubbau an der Natur.

Um mit der immer stärker werdenden wirtschaftlichen Macht in Asien mithalten zu können, so hat Oettinger erkannt, sei Bildung unverzichtbar: „Nur wenn wir unsere Kinder bestmöglich ausbilden, werden sie in der Lage sein, gegen Chinesen und Inder zu bestehen und die Schulden zurückzubezahlen, die wir aufgehäuft haben.“ Anhaltenden Beifall verdient sich Oettinger mit seiner Schlussbemerkung, im Vergleich zu den Problemen in anderen Teilen der Welt seien die Herausforderungen für uns eigentlich eine sportliche, leistbare Übung.

Offenbachs CDU-Fraktionschef Peter Freier leitet mit einer kommunalen Wunschliste zum musikalischen Ausklang über: kein parteipolitisches Gezerre um Projekte, Fortschritte beim Hafen, zählbare Erfolge der Wirtschaftsförderung, befahrbare Straßen, dass der soziale Umbau der Stadt vorankomme, dass ein Rekordminus nicht mit Achselzucken akzeptiert werde.

Europäisch am Anfang, setzen die Rhein-Main-Vokalisten zum Schluss dezente örtliche Akzente: Das auf einem Text von Hans-Dieter Hüsch beruhende vierstimmige „Der konsequente Kurkonzertbesucher“ ist eine Komposition des Offenbacher Musikprofessors Jürgen Blume. Und Johannes Brahms’ „Die bucklichten Fiedler“ darf als freundliche Hommage an die Nachbarstadt verstanden werden: „Es wohnet ein Fiedler zu Frankfurt am Main, der kehret von lustiger Zeche heim...

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare