Chancen ohne Weichspüler

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Die Hausaufgabenhilfe, hier mit Sozialarbeiterin Dominique Burkart, ist längst nicht mehr das einzige, aber das elementare Angebot im Boxclub-Projekt. Nicht nur etwa 20 Härtefälle nutzen die Chance. Von zurzeit rund 50 Jugendlichen sind sieben Mädchen.

Offenbach ‐ Ismail Ayar hat schon viel geschafft, aber eine spontane Lektion muss immer drin ein. Jetzt zum Beispiel, als die Hauptakteure und Unterstützer des Boxclubs Nordend Kaffee, Donauwelle und die Vierjahresbilanz ihrer Hausaufgabenhilfe auftischen, ist die Kunst des treffenden Wortes gefragt. Von Marcus Reinsch

War sicher nicht geplant, doch als Ismail zu einem „Ich war eigentlich immer ein guter Schüler…“ ansetzt, haut Boxclub-Geschäftsführer Bernd Hackfort schnell ein „Faul!“ dazwischen. Ismail sagt: „…aber ich habe mein Wissen falsch eingesetzt.“ Hackfort bestätigt Intelligenz und beharrt: „Stinkfaul warst du, stinkfaul!“ Ismail: „Ja, ok, faul kann man auch sagen.“

Weichgespülte Wahrheiten sind in diesem Gebäudeklotz am Rand des Hafengeländes ebenso als Verschwendung von Chancen verpönt wie Lügen im Klartext. Das ist die eine erfrischende Besonderheit an der Boxclub-Pädagogik. Die andere ist, dass sie gerade deshalb funktioniert. Und zwar so offensichtlich gut, dass Wilhelm Uhl, Vorsitzender des Vereins Sicheres Offenbach angefangen hat, nie große Probleme hat, den in seiner Runde versammelten Förderern das aus Spenden stammende 9000-Euro-Budget für die Hausaufgabenhilfe schmackhaft zu machen.

„Man wird ja nicht von heute auf morgen ein guter Mensch“

Es gibt Erfolge, und Ismail ist ein besonders anschaulicher, weil er einer der Härtefälle des Boxclubs war. Oder auch ist, das muss sich erst noch rausstellen. „Man wird ja nicht von heute auf morgen ein guter Mensch“, sagt Ismail. Er ist jetzt 19. Mit 17, da habe er sich die Wahrheit spät, aber nicht zu spät selbst erzählt. Rumhängen, Mitläufertum, falsche Freunde, Langeweile, Sachen klauen, Sachen verkaufen, immer dasselbe. „Wenn man zwei, drei Jahre so einen Tagesablauf hat, geht einem das irgendwann auf den Sack. Man kommt sich vor wie eine Mumie.“ Ismail sagte sich: „Wenn das so weitergeht, habe ich es verkackt.“ Und er erinnerte sich daran, dass er als kleiner Junge im Jugendzentrum Nordend beim Boxprojekt mitgemacht hatte. Das machte er dann wieder, jetzt im aus dem weiterhin mit dem Projekt glänzenen JUZ geborenen Boxclub mit eigenem, professionellen Hafen-Domizil.

Er nahm am Training teil - in der Boxhalle und im Raum für die Hausaufgabenhilfe. Dass es für jeden Jugendlichen, der eine Vier oder Schlimmeres im Zeugnis stehen hat, das eine ohne das andere nicht gibt, das ist das Erfolgsrezept des Boxclubs. Und ohne diese Verknüpfung hätte Sozialdezernentin Birgit Simon den Boxclub-Präsidenten Wolfgang Malik damals mit seinem Vorschlag, den nicht zimperlichen Jungs - und längst auch Mädchen - von der Straße auch noch das Boxen beizubringen, hinausgeworfen aus ihrem Büro.

Mittlerweile ist der Club ein echter Leistungsträger im Boxsport

Stattdessen gab sie grünes Licht und hat es nicht bereut. Der Boxclub ist eine Disziplinschmiede; wer die Regeln verletzt, fliegt dauerhaft raus. Hier wird falsches Selbstbewusstsein gegen berechtigtes getauscht. Mittlerweile ist der Club ein echter Leistungsträger im Boxsport. Vor allem aber ist er ein Aushängeschild für städtisch unterstützte Sozial- und Bildungsarbeit. Denn schwierige Jugendliche - auch als unerreichbar abgestempelte - mit Angeboten von der Straße zu holen, gelingt zwar oft. „Aber hier wird auch dafür gesorgt, dass sie nicht wieder hingehen“, sagt Uhl.

Ismail will nicht nur nie wieder zurück auf die Straße. Er trauert auch dem Realschulabschluss hinterher. Den hätte er sich zugetraut. Seine Prognose ist auch mit Hauptschule in Ordnung. Die Hausaufgabenhilfe bei Nachhilfelehrer Hanif Aroji und den vier, fünf anderen Helfern besucht er weiter. Ismail durchläuft eine Ausbildung zum Anlagen- und Maschinenführer bei GKN Driveline. Eine Lehre, in die es sonst kaum ein Jugendlicher mit unterstem Schulabschluss schafft. Vorher hat Ismail beim Boxprojekt etwas absolviert, was ihm nach Hackforts Meinung „den Arsch gerettet hat“ - ein Freiwilliges Soziales Jahr. „Das hat er gebraucht, dass ihn jemand von morgens bis abends an die Kandarre nimmt.“

„Ich will wenigstens meinen Hauptschulabschluss“

In der Halle am Hafen gibt es noch mehr Jugendliche, mit denen man kein Mitleid und vor denen man keine Angst mehr haben, sondern auf die man stolz sein muss. Hassan zum Beispiel. Der wird bald 15 und war noch vor Kurzem die Erfüllung jedes Klischees vom verlorenen Kind. Ein Prügler, ein Großmaul, ein Pädagogenschreck, „ich hab‘s halt nicht begriffen.“ Bachschule, Edith-Stein-Schule, Ernst-Reuter-Schule, Rauswurf, Rauswurf, Rauswurf, alles in einem Jahr. Als Hassan in keine Schule mehr durfte, wollte er wieder rein. Das Jugendamt schickte ihn ins Boxprojekt; vor wenigen Wochen hat ihn die Reuter-Schule erneut aufgenommen, gleich danach kommt die Hausaufgabenhilfe, vor Prüfungen die Nachhilfe, die Halbtagsbetreuung. Keine Zeit mehr für, keine Lust mehr auf die Straße. „Ich will wenigstens meinen Hauptschulabschluss“, sagt Hassan.

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