Das Chaos und seine Faszination

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Zwei Mitarbeiter des DWD warten die Geräte einer hauptamtlichen Wetterstation auf der Wasserkuppe.

Offenbach/Schaafheim - Auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) mit Hauptsitz in Offenbach bleibt nicht von Einsparungen verschont. Jedes Jahr, so die Vorgabe der Bundesregierung, sollen 1,5 Prozent an Personalkosten eingespart werden. Von Sebastian Faerber

Was bedeutet, dass 170 der 470 hauptamtlichen DWD-Stellen in Wetterwarten bis 2015 gestrichen werden. Infolge dessen soll die Zahl der mit Personal besetzten Wetterwarten selbst von derzeit 70 auf 45 reduziert werden. Damit werden die messnetzabhängigen Arbeitsplätze im Vergleich zu 2001 mehr als halbiert: Damals arbeiteten 751 Hauptamtliche in den über ganz Deutschland verteilten Stationen. Entlassungen gibt es nicht, was in den meisten Fällen auch nicht möglich wäre, denn zwei Drittel der 2 400 DWD-Bediensteten sind Beamte.

Durch die Sparvorgaben bekommen ehrenamtliche Wetterbeobachter wie der Schaafheimer Burkard Wolff eine noch größere Bedeutung: Bereits am hölzernen Hoftor verrät das sonnengegerbte Gesicht des Bio-Bauern seine Naturverbundenheit. Einige Meter geht es durch taunasses Gras, vorbei an einer Apfelbaumplantage, bis kleine Geräte einer Wetterstation für einige Kleckse Grau in der grünen Landschaft sorgen. Weiß Gott keine Schandflecken.

Automaten des DWD

Die Automaten des DWD sind Teil eines Netzes, das sich über ganz Deutschland erstreckt und Wetterdaten sammelt. Ganz ohne Betreuung kommt die Technik aber nicht aus. „Die Sensoren müssen ab und zu gereinigt werden“, erklärt Wolff. Früher hat er auch die berühmten drei Tropfen Niederschlag per Hand in das System eingeben. Für solche Kleinstmengen sind die Sensoren nicht feinfühlig genug. Doch auch das deckt die Aufwandsentschädigung des DWD mittlerweile nicht mehr ab. Dabei kitzeln solche Aufgaben an Wolffs Ehrgeiz.

„Die ehrenamtlichen Beobachter sind wichtige Quellen für uns“, sagt Jochen Dibbern, Vorstandsmitglied des Deutschen Wetterdienstes. Künftig sollen zunehmend Automaten die Arbeit der DWD-Profis übernehmen. Die seien günstiger und ihre Betreuung kein Vollzeitjob. Deswegen freut sich Dibbern über Helfer, die das Messnetz zusätzlich um menschliche Feinfühligkeit bereichern.

Zu Füßen des Langstädter Wingerts

Vier Geräte des DWD hat Burkhard Wolff auf seinem Grundstück zu Füßen des Langstädter Wingerts. Eines misst die Temperatur in fünf Zentimetern über dem Boden, wo sie von der kalten Erde beeinflusst ist. Diese Messung ergänzt ein kleiner Mast. Der erfasst zum einen ebenfalls die Temperatur, aber in zwei Metern Höhe. Zum anderen ist er mit Sensoren zur Messung der Luftfeuchtigkeit ausgestattet. Die erwähnte Niederschlagsmenge ermittelt eine Art kleiner Eimer, in den es hineinregnet. Und ein rund sechs Meter hoher Mast misst die Sonneneinstrahlung. Auf einem Monitor in seinem Haus kann Wolff die Daten sehen und per Hand ergänzende Eingaben machen, beispielsweise zur Schneehöhe. Natürlich immer mit der gebotenen Genauigkeit. Da deutet sich bereits an, dass Wolff ein kleines Kämpfchen mit Mutter Natur ausfechtet.

Etwa 1 800 der 2 000 Stationen des DWD sind nebenamtlich. Die Geräte stehen entweder allein, oder Privatleute wie Wolff leisten gegen eine Aufwandsentschädigung Schützenhilfe. Insgesamt werden in Deutschland alle 27 Kilometer rund um die Uhr Windgeschwindigkeit, Temperatur, Niederschlag, Luftdruck oder Sonneneinstrahlung gemessen. Die Daten laufen im Rechner der DWD-Zentrale in Offenbach zusammen. Dort dienen sie beispielsweise Wetterprognosen und langen Klimadatenreihen.

„Vielleicht versuche ich, eine Regelmäßigkeit im Chaos zu finden“

Burkard Wolff

Burkard Wolff macht seine Arbeit nicht nur mit Interesse, er zeigt auch einen gewissen Ehrgeiz. „Vielleicht versuche ich, eine Regelmäßigkeit im Chaos zu finden“, sinniert Wolff. Der Mann in den grünen Gummistiefeln und dem furchigen Gesicht wendet sich seiner Plantage zu. In Reihe und Glied tragen Apfelbäume ihre Früchte. Wolff muss lachen. „Meine Bäume würde ich ja auch nicht kreuz und quer pflanzen. Ich bin wohl ordnungsliebend.“

Als 1957 die Wetterbeobachtung auf dem Lehrplan des damals 7-jährigen Burkard stand, empfand dieser das als Strafe. Sein Lehrer war ein Anhänger des hundertjährigen Kalenders und vom Ansporn getrieben, dessen Daten mit einer eigenen Messreihe zu überprüfen. 1980 war aus der einstigen Strafe auch bei Wolff eine Leidenschaft geworden und er meldete sich beim DWD.

Das war sicher für beide Seiten ein Gewinn. Denn eine bemannte, hauptamtliche Station kostet den DWD etwa 400.000 Euro im Jahr, wie Dibbern erklärt. Vor allem Automaten, die kaum Pflege brauchen, seien da günstiger. Messgeräte am Boden, Satelliten, Radar und Blitzortungssysteme hätten Menschen weitgehend ersetzt. Ganz werde man aber auf „Augenbeobachtungen“ nicht verzichten können. „Nicht alle Beobachtungen sind automatisierbar“, weiß Dibbern. Unverzichtbar sind die Menschen auf Flughäfen, wo es um die Sicherheit des Flugverkehrs geht. Auch das Personal auf den elf Klima-Referenzstationen bleibt. Dort seien „Augenbeobachtungen“ etwa zur Bewölkung, der Wolkenart oder der Sichtweiten nur von Menschen zu leisten.

Früher noch Wind und Wolken beobachtet

Auch Wolff hat früher noch Wind und Wolken beobachtet. Aber das sei im Zuge der Einsparungen weggefallen. Eine Konsequenz: Kürzlich sei durch einen Blitzschlag die Anlage ausgefallen. „Obwohl es gewittert hatte und die Regenrinnen überliefen haben die Geräte nichts mitbekommen“, sagt Wolff und runzelt die Stirn.

Eine andere Konsequenz: Beim DWD hat der Personalabbau in den vergangenen zwei Jahrzehnten für ein hohes Durchschnittsalter der Bediensteten gesorgt – es liegt bei 55 Jahren. „Auf der anderen Seite bekommen wir kaum noch junge Fachkräfte“, sagt Dibbern.

„Wir sind mit der Umstellung nicht so glücklich“, meint der DWD-Vorstand. Einige der Wetterbeobachter sollen in anderen Abteilungen unterkommen. Jedoch haben sie eine DWD-fachspezifische Ausbildung. Deswegen müsse den Arbeitsplatzwechseln viel Aufmerksamkeit gewidmet sein, um Reibungen möglichst gering zu halten. Momentan führt der Vorstand Gespräche mit der Personalvertretung, wie die Umstellung geschehen kann, ohne dass einzelne leiden müssen. „Aber Ortswechsel sind natürlich immer ein Problem“, sagt Dibbern.

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