Charakter bleibt erhalten

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Blick auf die luftig-leicht wirkende Fassade: Ein typisches Beispiel für die deutsche Nachkriegs-Architektur stellt die Waldschule Tempelsee dar. Im kommenden Jahr soll die Sanierung der Grundschule beginnen. Das verschlingt 9,5 Millionen Euro.

Offenbach ‐ Die Architekten sind keineswegs um die Aufgabe zu beneiden: Optik wahren, Funktionalität erhalten, Technik verbessern. Und alle sollen sich weiterhin dort wohl fühlen. Von Martin Kuhn

Hört sich nach den täglichen Umbau-Wünschen von Häuslebesitzern an. Ist es aber nicht. Das alles setzt das Architekturbüro Sander Hofrichter für die Waldschule Tempelsee um, ohne das die gut 260 Kinder während der Bauzeit weichen müssen – weder in eine andere Schule, noch in Container. Der Magistrat hat fürs 9,5-Millionen-Euro-Projekt bereits grünes Licht gegeben. Stimmt das Stadtparlament zu, ist im kommenden Februar Baubeginn am Brunnenweg.

Der Schulbau, ausgerichtet an den namengebenden Wald, ist in die Jahre gekommen. Seine Geschichte spiegelt wider, wie die Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg langsam gewachsen ist; böse Zungen würden gar von einem typischen Offenbacher Stückwerk sprechen: Der Architekt und Stadtbaurat Adolf Bayer lässt das Hauptgebäude mit zweigeschossiger Aula (heute: Bauteil A) 1950 errichten. Ein dreigeschossiger Mitteltrakt (Bauteil B) ergänzt es ab 1962. Platz findet sich auf dem Gelände 1973 noch für einen Pavillon und 1982 für eine Turnhalle. 2011 rücken erneut Baufirmen an – für eine umfassende Sanierung. Es ist Teil des ehrgeizigen Offenbacher Schulprogramms, das in zehn Jahren 250 Millionen Euro verschlingt.

Luftig-leicht wirkende Fassade erhält Dämmung

Die Magistrats-Vorlage zur Waldschule gleicht einer rosafarbenen Mängelliste. Alle Gebäudeteile erfüllen nicht die heutigen energetischen Standards. Die Fenster des Hauptgebäudes bestehen aus Stahlrahmen mit Einscheibenverglasung, Außenwände und Dächer haben keine ausreichende Wärmedämmung. Die Stahlbetonteile weisen teilweise Abplatzungen auf, die Dachkonstruktion der Aula genügt nicht den aktuellen statischen Anforderungen. Zudem ist die technische Ausrüstung „veraltet, unterdimensioniert oder energetisch ungenügend“.

Klar, dass die Planer dort ansetzen. Die luftig-leicht wirkende Fassade erhält eine spezielle Dämmung, die Fenster sind fortan dreifach (Klassenräume) oder zweifach (Aula) verglast, die Lüftungsanlage wird erneuert, ebenso alle Heizungskörper, -rohre und -regler. In der Folge kann die Leistung des vorhandenen Gas-Brennwert-Kessels gedrosselt werden. Die Experten haben schon einmal ausgerechnet, wie sich die Maßnahmen auf die Energiebilanz der Waldschule auswirken. Derzeit verbraucht die Heizanlage im Jahr mehr als 2 ,1 Millionen Kilowattstunden. Nach der Sanierung soll dieser Jahreswert auf ungefähr 450 000 Kilowattstunden gesenkt werden. Einsparung: 79 Prozent. Ein ähnlicher Wert wird für die CO2-Emission errechnet. Statt derzeit 520 000 Kilogramm gelangen künftig nur noch 130 000 Kilogramm CO2 pro Jahr in die Atmosphäre. Ein Minus von etwa 75 Prozent.

Schon seit 1998 Mittagsbetreuung

Jetzt wäre es unredlich, allein die ökologischen Vorteile des Projekts herauszuheben. Durch die Sanierung gewinnt nicht allein die Umwelt, sondern auch die Schulgemeinde. Wichtigster Punkt: Der schadstoffbelastete Pavillon wird abgerissen und durch einen Neubau in Passivhausbauweise ersetzt. Dort kommen während der weiteren Baumaßnahmen verschiedene Klassen unter. Ist die Schule komplett saniert (voraussichtlich April 2013), beherbergt der Neubau eine Cafeteria, Begegnungsräume, Bibliothek, Hausaufgabenbetreuung und EDV. Treppenhaus und barrierefreier Aufzug verbinden den Neubau mit dem Gebäudeteil B. Auffallend beim Haupttrakt: „Die dem Gebäudecharakter unzuträglichen außenliegenden Fluchttreppen sollen … gemäß aktuellem Brandschutzkonzept in das Gebäudeinnere verlegt werden.“

Die Stadt schafft mit dem 9,5-Millionen-Projekt im übertragenen Sinn den Ausgleich zum schulischen Engagement. Schon 1998 gründet der Förderkreis der Waldschule eine Mittagsbetreuung; im vergangenen Jahr besuchten 90 Buben und Mädchen die Betreuung. „Es ist höchste Zeit, für den Ganztagsbetrieb auch die nötigen Räume zu schaffen“, betont Stadtrat Paul-Gerhard Weiß. Weiterhin steht auf der Visitenkarte der Waldschule: 2004 wird ein großer Teil des Schulhofs in einer beispielhaften Bürgeraktion in einen naturnahen Pausenhof verwandelt. Die Tempelseer sind zudem Pilotschule für die Gesamtzertifizierung „Gesunde Schule“. Viel Beachtung findet das Projekt „Mama lernt Deutsch“, ein Sprach- und Integrationskurs für Mütter mit Migrationshintergrund.

Noch viel mehr Platz könnte den Grundschülern ein weiteres Projekt bescheren: Greifen die Neubaupläne am Buchhügel, verlassen sechs Berufsschulklassen den Brunnenweg.

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