Angelina Jolie ein Vorbild?

„Der sicherste Weg“

Offenbach - Hollywoodstar Angelina Jolie wirbt für Gentests zur Brustkrebsvorsorge und für vorsorgende Brustentfernungen. Ist ihre Entscheidung richtig? Ärzte im Rhein-Main-Gebiet erwarten bereits eine intensive Diskussion und verstärkten Beratungsbedarf.

Mediziner sind sich fast einig: Damit tut sie einen Schritt für alle Frauen, die an Brustkrebs leiden oder daran erkranken könnten. Für jene, die sich die Brüste entfernen lassen müssen oder wollen, und für jene, die mit Implantaten leben.

Jedes Jahr sterben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit 458.000 Frauen an Brustkrebs. Es sei das am weitesten verbreitete Krebsleiden bei Frauen, sowohl in Entwicklungsländern als auch in den Industriestaaten. Experten gehen allerdings davon aus, dass bei nur bei fünf bis zehn Prozent aller Brustkrebserkrankungen erbliche Faktoren eine Rolle spielen. Ein Merkmal sei die Häufung von erkrankten Frauen in der Familie, ein frühes Erkrankungsalter sowie Zweittumore sowohl der Brust als auch der Eierstöcke. Solche Frauen trügen ein hohes Risiko und sollten sich humangenetisch beraten lassen,

Unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey fragte bei Privatdozent Dr. Thomas Müller nach; er ist Chefarzt der Gynäkologie am Klinikum Hanau.

Halten Sie diese radikale Vorgehensweise von Frau Jolie für sinnvoll - könnte die Schauspielerin vielleicht sogar ein Vorbild für andere Frauen sein?

Für Frauen mit Veränderungen in den sogenannten Brustkrebsgenen BRCA1 oder BRCA2 sind die operative Entfernung von Brustdrüsen und Eierstöcken der sicherste Weg, um Krebserkrankungen zu vermeiden. Dies zeigte eine internationale Studie im US-Ärzteblatt „Jama“. BRCA1- oder BRCA2-Trägerinnen haben ein Lebenszeitrisiko von 56 bis 84 Prozent an Brustkrebs zu erkranken. Das Lebenszeitrisiko für Eierstockkrebs wird mit 36 bis 63 Prozent für BRCA1-Trägerinnen und auf 10 bis 27 Prozent für BRCA2-Trägerinnen angegeben.

Frauen mit einem positiven Test stehen ja vor einer schweren Entscheidung ...

Ja! Zur Option stehen eine prophylaktische Chirurgie oder ein intensives Screening inklusive regelmäßiger Kernspintomographie der Brust. Von den 2 482 Frauen, die an 22 Zentren in den USA, Großbritannien und den Niederlanden im Rahmen der Studie „Prevention and Observation of Surgical Endpoints” betreut wurden, konnten sich nur 18 Prozent zu einer beidseitigen Brustdrüsenentfernung durchringen. Eine risikoreduzierende Eierstockentfernung ließen 30 Prozent durchführen. Beide Operationen sind nicht ohne Nachteile. Die Entfernung der Brustdrüsen greift – trotz aller Möglichkeiten der kosmetischen Chirurgie – in das Körperbild der Frau ein, und die Entfernung der Ovarien hat eine vorzeitige Menopause mit klimakterischen Beschwerden und Langzeitrisiken wie eine Osteoporose zur Folge.

Wie groß ist denn grundsätzlich die Gefahr - nach vollständig entfernter Brust, an Brustkrebs zu erkranken?

Viele Krebsspezialisten raten zu den oben genannten vorbeugenden Eingriffen – und die Ergebnisse von Susan Domchek von der Universität von Pennsylvania in Philadelphia und Mitarbeitern - in der bereits genannten Studie - scheinen ihnen Recht zu geben. In den bisher drei Jahren der Nachbeobachtung wurde bei keiner Frau nach beidseitiger Brustdrüsenentfernung Brustkrebs diagnostiziert, während dies bei sieben Prozent der Frauen der Fall war, die sich gegen eine Operation und für ein Screening entschieden. Man geht davon aus, dass bei Entfernung des Drüsenkörpers nur sehr wenig Drüsengewebe unmittelbar unter der Haut verbleibt. Somit ist das Restrisiko wohl niedrig, wenn auch nicht gleich Null.

Gelingt der Aufbau einer neuen Brust nach solch einer Operation immer? Mit welchen Komplikationen müssen die betroffenen Frauen rechnen?

Man operiert heute so, dass man nicht „die Brust entfernt“, sondern nur den Drüsenkörper innerhalb der Brust, die Haut wird erhalten. Mikrochirurgisch wird mithilfe zweier Spezialisten für plastische Chirurgie unter dem OP-Mikroskop dann Eigengewebe von Bauch oder Oberschenkelinnenseite in die Brust eingenäht. Dies ist eine sehr aufwändige Operation, die aber sehr schöne kosmetische Ergebnisse erlaubt. Es bestehen die üblichen OP-Risiken. Dass das Gewebe nicht wie gewünscht einwächst, ist sehr selten.

Rubriklistenbild: © dpa

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