Chinesen entdecken die Stadt

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Die Bilanz der Wirtschaftsförderer wird mächtig getrübt durch die Insolvenz von „ manroland“, so bleibt dem OB nichts anderes übrig, als von einem „durchwachsenen Jahr“ zu sprechen.

Offenbach - Er ist klein, der grüne Pfeil, der im Offenbacher Rathaus nicht das Rechtsabbiegen bei Rot erlaubt, sondern zu Saal 3 ins Obergeschoss führt. So grün und eben auch klein wie die Hoffnung, die Jürgen Amberger und Horst Schneider auf das neue Jahr setzen. Wirtschaftlich. Von Fabian El Cheikh

Hätten der Leiter der städtischen Wirtschaftsförderung und sein Dienstherr, der Oberbürgermeister, nur gut drei Wochen früher zur Vorstellung ihres Jahresberichts über Wohl und Wehe der Offenbacher Wirtschaft geladen, hätten sie wohl nur Gutes zu berichten gehabt.

So aber wird die Bilanz mächtig getrübt durch die Insolvenz von „manroland“, bleibt dem OB nichts anderes übrig, als von einem „durchwachsenen Jahr“ zu sprechen. Was, bitteschön, keine Rückschlüsse auf Wirksamkeit und Unwirksamkeit der Arbeit der Wirtschaftsförderer zulasse. In Sachen Bestandspflege habe man sich nichts vorzuwerfen: „Wir haben alles getan, um den Standort zu erhalten“, betont Schneider und denkt auch an planungsrechtliche Schritte, die es dem Unternehmen ermöglichten, eine moderne Gießerei zu errichten. Irgendwann ende die Wirksamkeit der Wirtschaftsförderung, beginne die Verantwortung von Eigentümern und Managern.

90 kleine und mittlere Firmen haben sich neu angesiedelt

Da die gesamtwirtschaftlichen Aussichten fürs kommende Jahr zu alles anderem als Euphorie anregen, beschränkt sich der Blick vor allem aufs vergangene. 90 kleine und mittlere Firmen haben sich 2011 in Offenbach neu angesiedelt, mit ihnen 400 Arbeitsplätze. Weitere 15 wurden vom Wegzug abgehalten, nachdem die Stadt ihnen alternative Grundstücke angeboten hatte. Jede dieser Firmen hat sich durch den Umzug vergrößert. „Gut 300 Arbeitsplätze konnten wir dadurch retten“, freut sich Amberger.

Den bis zu 1 900 „manroland“-Stellen, die der Insolvenz am Ende zum Opfer fallen könnten, wird frühestens im nächsten Jahresbericht nachgeweint. Dass dann aber ganz gewiss: Sollten die Lichter für „manroland“ endgültig ausgehen, würde sich laut OB ein Strukturwandel vollziehen „in einer Größenordnung, die Sorge macht“. Zumal neuerdings auch die Offenbacher Stellen bei Areva in Gefahr sind.

Beruhigend, dass es auch positive Meldungen aus dem produktiven Gewerbe gibt. Im wachsenden Konkurrenzkampf der Kommunen um Investoren aus der künftigen Wirtschaftssupermacht China etwa kann Offenbach einen handfesten Erfolg vorweisen: Erstmals hat sich im ablaufenden Jahr ein chinesischer Produktionsbetrieb angesiedelt, bislang waren es vor allem Vertriebsfirmen.

Automobilhersteller haben künftig Offenbach im Fokus

Die Fitok GmbH stellt industrielle Metallverbindungen her – Qualitätsware „made in Offenbach“ eines chinesischen Unternehmens für den europäischen Markt. Das dürfte mancher Bürgermeister im Kreis Offenbach neidisch zur Kenntnis nehmen. Wenn auch die Chinesen zunächst gerade mal 15 Mitarbeiter in Lohn und Brot haben.

So wie die Fitok GmbH vielleicht den Einstieg in die fremde Geschäftswelt des Fernen Ostens eröffnet, soll auch die hochgelobte Kreativwirtschaft regional wie international als Vehikel dienen, um Geschäftsführer aus anderen Branchen auf die Gründerstadt aufmerksam zu machen. Amberger und Schneider erklären das so: „Kommunikation findet heute über das Internet statt, Firmen brauchen Webseiten und suchen dafür Partner, die sie hier finden.“

So wie Automobilhersteller künftig Offenbach im Fokus haben, wenn erst das neue VDE Batterie- und Brennstoffzellenprüfzentrum auf dem Gelände der Energieversorgung fertiggestellt ist – ein wichtiger Baustein des Zukunftsgewerbes Elektromobilität. „Ob Porsche deshalb ein Werk an den Main verlegen wird, sei mal dahingestellt“, schränkt der Oberbürgermeister ein. Das mag ja auch wie der grüne Pfeil ein wenig um die Ecke gedacht sein.

Zielgerichteter ist dagegen die Hoffnung, den Umbau des Kaiserleikreisels und den Ausbau des dortigen Gewerbegebiets vorantreiben zu können. Mit gutem Beispiel geht ein Automobilbauer voran: Hyundai will seine Zentrale ausbauen.

Hintergrund: Wirtschaft

Die wichtigsten Neuansiedlungen im ablaufenden Jahr:

  • WVS - Werbung und Vertrieb Service, 65 Mitarbeiter 
  • Fitok GmbH, chinesischer Hersteller von Metallverbindungen, 15 Mitarbeiter
  • Richter und Frenzel, Sanitärgroßhandel, 10 Mitarbeiter
  • Werbeagentur „thema communications“, 12 Mitarbeiter

Größte Umsiedlungen:

  • ATP, N+M, Architekten und Ingenieure, 45 Mitarbeiter, in die Büroetage des KOMM
  • Frankfurter Fahnen Jungmann GmbH, 35 Mitarbeiter, nach Bieber-Waldhof
  • Doggyhouse, an den neuen Standort Bierbrauerweg

Leerstand Büroflächen:

138 500 Quadratmeter (11,09 Prozent), Zuwachs um 0,58 Prozentpunkte oder 7 500 Quadratmeter – rund 40 Prozent „nicht marktgängig“ (veraltet)

Gewerbeeinnahmen 2011:

rund 48 Millionen Euro

Aktueller Hebesatz Gewerbesteuern:

440 Punkte

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