Christbaum trotzt Krise

+
Deko fürs Fest, der Baum für die Befriedigung des Jagdtriebs und die Erbsensuppe für den Hunger danach: So kamen auf dem Verlagsgelände alle auf ihre Kosten.

Offenbach ‐ Franz Korn hat es diesmal schwer. Nicht, dass die Kundschaft in Sachen Weihnachtsbaum neuerdings knausern oder sich ganz in Enthaltsamkeit üben würde. Von Marcus Reinsch

Der Markt für schön gewachsenes Festtagsmobiliar kennt ja bekanntlich keine Krise, und beim gestrigen Christbaumverkauf unserer Zeitung stellt sich schnell heraus, dass auch einige Dutzend Exemplare mehr nicht stehen bleiben würden. Allein: Mehr ging nicht. Denn während im flachen Offenbach längst alle winterliche Pracht geschmolzen ist, war es im Jossgrund, wo die Familie Korn ihre Kulturen hegt und pflegt, bis zuletzt eine Herausforderung, die zu schlagenden Nordmanntannen, Fichten, Blautannen, Nobilis und Douglasien unter all dem Spessartschnee überhaupt zu finden. Weißer Baum auf weißem Grund - ein Problem.

Natürlich kein echtes für Franz Korn und die Seinen. Und auf dem Verlagsgelände wird sogar ein Vorteil draus. Dass manches Objekt der Begierde noch ein Schneekrönchen trägt, würdigen Kenner als Beweis für Frische.

Bilder vom Christbaumverkauf

Christbaumverkauf bei der Offenbach-Post

Dass hier kein Altholz angepriesen wird, hat sich längst herumgesprochen. Die ersten Kunden haben sich sicherheitshalber schon vor dem offiziellen Verkaufsbeginn in Position begeben. Mancher umkreist den kleinen Wald im Versandhof wie der Prophet den Berg, sortiert vor, zupft hier, rüttelt dort, streichelt Nadeln, entfaltet schließlich die Glieder eines Zollstocks. Höhe, Durchmesser, schön gerade, aha, alles gleichmäßig, aha, passt! Gekauft! Ja genau der, bitte einpacken, hohoho!

Franz Korn packt, seine Familie packt, weitere Helfer packen. Letztes Jahr gab es gut 300 Bäume, jetzt sind es rund 380. Aber auch dieses deutliche Plus wird am Ende nicht für Restposten sorgen, sondern nur für eine nochmalige Steigerung der Frequenz, in der Bäume durch die Netzkanonen geschoben werden.

„Schön soll er sein“

Geschossen wird hier natürlich nicht, höchstens humoristisch. Eine Dame schildert ihre Bedürfnisse: „Schön soll er sein, ungefähr zwei Meter groß und nicht so ausladend.“ Ihr Gatte, Hesse statt der verlangte Nordmann und vom Gardemaß einen halben Kopf entfernt, trägt für eine Sekunde Schmollippen zur Schau. Gut, dass hier Bäume wie Männer und nicht Männer wie Bäume zu haben sind.

Zumindest für jene, die nicht bis mittags geschlafen haben. Ein Nachzügler stürzt sich mit einigem Jagdtrieb ins glückliche Getummel - um mit der Feststellung wieder aufzutauchen, dass das mit dem Weihnachtsbaum ja eigentlich noch ein wenig Zeit hat und man für das heute reservierte Geld ja auch erstmal zwei Kästen Bier bekommt.

Stimmt vermutlich. Aber beim Getränkehändler gibt‘s für OP-Abonnenten keinen Rabatt, beim Christbaumverkauf hingegen schon. Das nutzen die Besucher gerne. Für die Bäume natürlich, aber auch für alle anderen schönen Dinge, die sich hier thematisch ans Fest schmiegen. Es gibt Teddybären, Marmelade und Mistelzweige, Käsespezialitäten, Presskopfkugeln und Bauernbrot, Gestecke, Keramik, Kunst und Bücher. Und natürlich Magenjubler wie die Erbsensuppe mit Würstchen und die Bratwurst.

„Passt genau bei uns rein“

Ein Stand glänzt mit handgefertigten Weihnachtskrippen, die eigentlich zu schade sind, um nur Saisondekoration zu sein. Und Dorothea Bohländer aus Hanau-Steinheim präsentiert in der Versandhalle erstmals ihre handgefertigten Kleidchen und Pullover für Puppen und Teddybären und hat bereits beschlossen, nächtes Jahr wieder mitzumachen. Erfahrungswert: „Wenn die Leute wissen, dass wir da sind, kommen die schon mit ihren Puppen an - zur Anprobe.“

Draußen vor der Tür hat auch die Familie Freymann etwas Passendes gefunden: Nordmanntanne, schätzungsweise 2,50 Meter hoch, vielleicht etwas mehr, „passt genau bei uns rein. Renovierter Altbau, ginge ja sonst nicht.“

Und so lichten sich die Reihen der Bäume, während die der Besucher dichter werden. Nordmanntannen sind am begehrtesten, wie immer, „aber auch Fichten gehen wieder besser“, erkennt Franz Korn. Das freut ihn. „Die Fichte, die ist ja von früher her der klassische Weihnachtsbaum. Sie nadelt nur eben etwas früher.“ Also alles eine Frage der Abwägung und für Menschen, die ihren Weihnachtsbaum bis in den Februar stehen lassen wollen, auch eine ihrer Bereitschaft zum Nadelfummeln auf dem Teppichboden.

Verlagsleiter Thomas Kühnlein, nah am Geschehen, ist schlicht begeistert von Andrang und Stimmung. Der Christbaumverkauf mit dem kleinen Weihnachtsmarkt ist von der Verlagsfront wieder in den Versandhof gerückt. Das ist einfach gemütlicher, meint Kühnlein, und überdies überdacht. Hausmeister und Elektriker leisteten ganze Arbeit. Vorher wie nachher. Schon am Spätnachmittag muss hier alles wieder im Originalzustand sein; der Platz wird für die vielen Druckerzeugnisse des Medienhauses gebraucht.

Und die Weihnachtsbäume sind auch tatsächlich schon weg. Die Hausmeister haben damit allerdings nichts zu tun. Die von Zeitungsmenschen so gerne analysierte Leser-Blatt-Bindung funktioniert hier offensichtlich prächtig. Eben hat ein Mittfünfziger die letzte Tanne umarmt und weggewuchtet. Und bewiesen, dass es auch eine Leser-Nadel-Bindung gibt. Zumindest hatte der Mann eine einzelne Nadel auf der Nase. Nunja, irgendwann piekst so ein Baum eben auch mal zurück.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare