Computerspiel um den Bieberer Berg

Abenteuer im alten Kickers-Stadion

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Ein Mann in einem Stadion, das nicht mehr existiert: Denis Brown ist sozusagen ein Kind des „Bergs“.

Offenbach - Das alte Stadion am Bieberer Berg ist seit dem Abriss von 2011 Geschichte. Nie mehr wird man wohl die alte Stahlrohrtribüne hinauf schlendern können. Das dachten bislang zumindest viele, die den alten Fußball-Tagen nachtrauern. Von Claus Wolfschlag 

Aber es gibt Hoffnung, und die hat etwas mit neuen Technologien zu tun. „Man wird sehr bald wieder das alte Stadion besuchen können – und noch viel mehr“, verrät der Computergraphiker Denis Brown während seines Vortrags beim Computer-Festivals „Bended Realities“ im Isenburger Schloss. Brown ist dabei, ein Computerspiel zu entwickeln, das den dreidimensionalen Spaziergang durch die alte Spielstätte ermöglicht. „Ich bin nicht der größte Graphiker“, sagt Brown bescheiden, aber dafür werde dieses Spiel inhaltlich neuartig sein.

Brown erklärt, dass man vor einer großen Umwälzung bei Computerspielen stehe: „Inhaltlich stagnieren die Spiele seit 30 Jahren. Es geht nur noch um Action, und die künstlerischen Elemente dienen allein als Garnitur. Es gibt also keinen wirklichen künstlerischen Anspruch bei den Spielen, sondern nur Trivialität.“ Da sich die heutige Zielgruppe inhaltlich langweile, wolle sie keine Abbildung von Realität in der Graphik. Sie hetze also immer nur wegen der gleichen Dinge durch aufwändig gestaltete Fantasywelten. „Meist nur, um irgendwelche Leute abzuknallen“, sagt Brown.

Er gesteht ein, dass er selbst schon tausende Welten und Prinzessinnen im Computer gerettet habe, ihn das aber nicht mehr befriedige. In 50 Jahren werden man die heutigen Spiele vergessen haben, prophezeit er. Stattdessen sei wieder eine Hinwendung zu mehr Realität und echter Kunst angebracht. Die neue Technik der 3-D-Brillen ermöglicht nun aber ein verbessertes Eintauchen in fremde Welten. Das heißt, der Gang durch eine am Computer animierte Welt an sich wird allein schon zum Erlebnis. „Es wird einen neuen Realismus geben und ein neues Geschichtsbewusstsein“, prophezeit Brown, „beispielsweise wird es möglich sein, durch das täuschend echte alte Rom zu schlendern.“

Die Stehtribüne: Tradition aus hartem Beton

Die Stehtribüne : Tradition aus hartem Beton

Diese Entwicklung will Brown mit dem Stadion am Bieberer Berg ein wenig vorwegnehmen. Dass er sich ausgerechnet der alten Kickers-Arena annahm, hat mit der Familiengeschichte zu tun. Seine Vater und seine Mutter begegneten sich dort erstmals. 1976 war das, bei einem Spiel. Brown wurde im Stadtkrankenhaus geboren. Seit 18 Jahren lebt er nun zwar in Berlin, doch den Kickers ist die Familie stets treu geblieben. „Mein Vater ist immer noch Fan. Der Berg hat uns stets mit unserer alten Heimat verbunden. Er ist eine Konstante geblieben, auch über die Entfernung hinweg“, so Brown. Aus der alten Liebe heraus entwickelte Brown erst einen 3-D-Film, mit dem man das alte Stadion durchwandern konnte: „Die Fans, die ihn sahen, waren begeistert, doch sie hatten die virtuellen 500 Quadratmeter in 45 Sekunden abgelaufen. Sie fanden es zwar schön, aber die Sache war zu schnell abgehakt.“ Also baut er die Idee gerade zu einem Spielkonzept aus, „einem Event mit Dramatik, die das Interesse an dem Ort erhält.“

Das Spiel wird in die Geschichte der Kickers zurückführen und soll „die Seele des Bieberer Bergs“ vermitteln. Dabei macht Brown nicht bei der Zeit unmittelbar vor dem Stadion-Abriss halt, sondern geht viel weiter in die Geschichte zurück. Der Spieler wird eine Zeitreise mitmachen und den Bieberer Berg der Jahre 1984, 1968, 1952 und 1921 erleben. Der Videospiel-Modus wird ergänzt durch ein passendes Geschichts-Quiz.

Bagger knabbert am alten Stadion

Bagger knabbert am alten Stadion

„Mein Motiv ist nicht nur Heimatliebe, ich möchte dieser Stadt auch etwas zurückgeben“, sagt Brown. Seine Arbeit soll über Werbung und Crowdfunding, also die Beteiligung der Fans, realisiert werden. Kontakte zum OFC und dem Kickers-Fan-Museum sind bereits geknüpft. Sie werden das geplante Spiel vermutlich vertreiben, wenn es erscheint. Das soll noch in der geschenkträchtigen Weihnachtszeit sein.

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