„Nur noch auf, um Flagge zu zeigen“

Offenbach in Corona-Not: So versuchen Gastronomen zu überleben

Marcel Gruß ist der Inhaber von Caffè Marcello am Wilhelmsplatz. Er hat nur noch an Wochenmarkt-Tagen geöffnet und setzt komplett auf Straßenverkauf. „Es geht einigermaßen“, fasst er seine Situation zusammen. Fotos: Meidel

Während der Einzelhandel in Sachen Corona-Schutz erste Lockerungen erfährt, müssen Lokale und Cafés noch immer geschlossen bleiben. Die finanziellen Einbußen sind enorm, viele Wirte bangen um ihre Existenz. 

  • Restaurants und Bars leiden unter dem Corona-Kontaktverbot
  • Die finanziellen Einbußen der Gastronomen in Offenbach sind enorm
  • So versuchen die Lokalbetreiber die Corona-Pandemie zu überleben

Offenbach - Dirk Schmidt, der stellvertretende Vorsitzende des Kreisverbands Offenbach des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) spricht von einem Umsatzverlust zwischen 90 und 95 Prozent. Wir haben Offenbacher Gastronomen nach ihrer aktuellen Situation gefragt. Ein Stimmungsbild.

Corona-Krise in Offenbach: Lokalbesitzer sind verzweifelt

Reinhard Prekel, Inhaber des Wiener Hofs an der Langener Straße, findet klare Worte: „Es ist miserabel. Ich habe zwar hohe Fixkosten aber keinen Pfennig Einnahmen.“ Mittlerweile verzeichne sein Geschäftskonto mehrere Tausend Euro Miese. Wie er es findet, dass die Regelungen für den Einzelhandel gelockert werden, aber nicht für die Gastronomie? „Das ist schon fast bösartig.“ Prekel glaubt, dass es durchaus möglich wäre, den Wiener Hof so zu gestalten, dass Menschen ihn besuchen können ohne einander zu sehr auf die Pelle zu rücken. „Der Biergarten zum Beispiel hat ja auch eine gewisse Größe, da wäre es schon möglich, entsprechende Lücken zwischen den Gästen zu schaffen.“

Abstandsregeln in Zeiten von Corona: Abstand im Außenbereich möglich

Dass Sicherheitsvorkehrungen nötig sind, ist dem Wirt klar. Man müsse so etwas eben mit Vorsicht und Sachverstand machen. „Und selbst wenn ich nur die Hälfte der Gäste reinlassen dürfte, wäre das immer noch besser als jetzt.“ Eine Wiedereröffnung der Außengastronomie unter Berücksichtigung der Abstandsregeln würde sich auch die Bürgeler „Post“ wünschen. „Der Abstand kann in unserem Außenbereich gut gesichert werden“, sagt Steffi Kopp, die sich um die Administration der „Post“ kümmert.

Auch der Dehoga-Kreisverband spricht sich für eine Aufnahme des Betriebs zumindest unter freiem Himmel aus. „Auch wir können im Zweifel Tische auseinanderstellen. Es ist allen möglich – unter Berücksichtigung der nötigen Einschränkungen – die Arbeit wieder aufzunehmen“, sagt Dirk Schmidt und spricht für alle Offenbacher Gastronomen. Er sieht eine positive Entwicklung der Lage, da sich einzelne Politiker nun mit der Gastronomie beschäftigen würden.

Corona-Krise in Offenbach: Wie geht es nach dem Lockdown weiter?

Auch Sabine Klein von Apfelwein Klein berichtet, dass sie derzeit keine Einnahmen mehr habe. „Ich denke, ich spreche im Namen aller Gastronomen, wenn ich sage, dass wir darauf brennen, bald wieder öffnen zu dürfen“, sagt sie. Für sie steht fest, dass „die Gesundheit eben vorgeht und wir deswegen abwarten müssen.“ Für die Zeit nach dem Lockdown hält sie zwei Szenarien für möglich: „Entweder die Leute rennen uns die Gaststätten ein, oder sie bleiben erst mal weg.“

Youssef El Machit ist Inhaber der Restaurants Tafelspitz und Fleischeslust am Wilhelmsplatz. Er spricht davon, dass die Situation „gerade ziemlich schwierig ist, da wir im Dunkeln tappen und nicht wissen, wie und wann es weitergeht.“ Er führt weiter aus: „Wir haben zwar den Betrieb auf to-go und Lieferungen umgestellt, aber das ist letztlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein – schließlich bestellen die Wenigsten klassische deutsche Küche nach Hause, und unser Essen muss eigentlich auch direkt von der Pfanne auf den Teller.“

Corona in Offenbach: Kurzarbeit in vielen Restaurants und Bars

Für seine komplette Belegschaft habe er bereits Kurzarbeit angemeldet, acht Mitarbeitern, darunter fünf Aushilfen, sogar schon kündigen müssen. „Wir machen eigentlich jeden Tag mehrere Hundert Euro Minus und haben nur auf, um ein bisschen Flagge zu zeigen“, so El Machit. Er hofft, dass er und seine Mitarbeiter mit dem Kurzarbeitergeld irgendwie über die Runden kommen, befürchtet jedoch auch, dass es noch bis Anfang Juni dauern könnte, bis auch die Gastronomie wieder ihren halbwegs regulären Betrieb aufnehmen kann. Ähnlich wie Reinhard Prekel vom Wiener Hof, geht auch er für sein geräumiges Restaurant Tafelspitz davon aus, dass sich „hier auch mit dem nötigen Abstand zwischen den Tischen bestimmt 50 Gäste bewirtschaften ließen.“

Corona in Offenbach: Wie sehen die Hygienevorschriften aus?

Stefan Gey ist der Besitzer des Trattodino in der Taunusstraße. Er beklagt, dass über eine Lockerung der Maßnahmen in der Gastronomie gar nicht nachgedacht werden würde. Allerdings beschleiche ihn so langsam das Gefühl, dass es keinen Sinn mehr habe weiterzumachen, wenn es keine Perspektive gebe.

Osman Göverim von der Stop & Go Nerds Cantina im Kleinen Biergrund berichtet: „Bei uns läuft es zur Zeit katastrophal. Wir haben am Tag nur zehn, 15 Kunden.“ Es kämen zwar immer wieder Leute, die gerne bei ihm frühstücken wollten, aber das könne er leider nicht anbieten. Immerhin: Mittlerweile sei von behördlicher Seite geklärt, wie genau die Hygienevorschriften und Schutzmaßnahmen aussehen. „Es geht jetzt Schritt für Schritt ganz langsam bergauf.“ Neid gegenüber den Einzelhändlern, die ihre Läden wieder öffnen dürfen, empfinde er nicht. „Es geht jetzt für jeden ums Überleben und ich freue mich für alle, denen es gelingt.“

Marcel Gruß, Inhaber von Caffè Marcello am Wilhelmsplatz, setzt auf Straßenverkauf. „Ich mache nur noch an Wochenmarkt-Tagen auf. Der ist zum Glück gut belebt, also geht es einigermaßen."

VON MARIAN MEIDEL, JOEL SCHMIDT UND THERESA RICKE

Dass die Krise auch wirtschaftlich tiefe Spuren hinterlassen wird, kündigte sich bereits an. Offenbach ist von der Corona-Krise* sehr hart getroffen, es gibt eine dramatische Prognose. Die neusten Entwicklungen in der Corona-Krise in den Regionen rund um Offenbach, Hanau und Darmstadt erfahren sie in unserem News-Ticker. 

Viele Gastronomen fürchten, wegen der strengen Auflagen nicht wirtschaftlich arbeiten zu können. Einige Gaststätten sollen daher trotz Corona-Lockerungen erstmal geschlossen bleiben. Die Gastronomen in Hessen haben dabei Bauchschmerzen.

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