Britische Corona-Variante hat Stadt im Griff

Trotz angespannter Lage: Masken-Disziplin lässt nach

Offenbach, Corona, Straße, Fußgänger, Maske
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Trotz vieler Hinweise halten sich Passanten nicht mehr an die Maskenpflicht in der Fußgängerzone.

Offenbach kämpft mit steigenden Infektionszahlen. Die 7-Tage-Inzidenz hat den Wert von 100 weit überschritten. Trotz der angespannten Lage, halten sich nicht alle Bürger an die Corona-Regeln.

Offenbach - Wochenlang führte Offenbach in Hessen die Liste der Städte mit der höchsten 7-Tages-Inzidenz bei Corona-Fällen an. Es kostete große Kraftanstrengung, den Wert auf 60 Fälle pro 100 000 Einwohner zu drücken. Doch seit Tagen steigt die Inzidenz weit über den Hessendurchschnitt und nähert sich teils gefährlich der 200er-Marke.

Gleichzeitig häufen sich Beschwerden von Lesern, dass in der Stadt die Maskenpflicht nicht eingehalten werde. Leserin Gudrun S. schickte uns gleich mehrere Fotos, auf denen am vergangenen Mittwoch Passanten auf der Frankfurter Straße ohne Masken unterwegs waren. „Etwa ein Viertel der Menschen, die hier unterwegs waren, hielten sich nicht an Masken-, beziehungsweise die Abstandsregeln. Kein Wunder also, dass die Fallzahlen rapid ansteigen“, schreibt sie. Leserin Michaela W. empfiehlt der Stadtpolizei, dringend die Einhaltung der Maskenpflicht in den Bussen und Bahnen zu kontrollieren, da sich dort nicht an das Maskengebot gehalten werde. Andere wiederum fragen, ob die Stadtpolizei ihre Kontrollen gänzlich eingestellt habe.

Angespannte Corona-Lage in Offenbach: Stadtpolizei ständig im Einsatz

„Die Disziplin der Bürger hat leider nachgelassen“, stellt Ordnungsamtsleiter Peter Weigand fest. Noch immer sei die Stadtpolizei mit nichts anderem beschäftigt, als die Einhaltung der Maskenpflicht zu kontrollieren. „Momentan wird vor allem kontrolliert, ob die Geschäfte sich an die ‘Click & Meet’-Regel halten oder ob sie nicht doch einfach Kunden von der Straße in den Laden lassen“, sagt er.

Die Wahrnehmung der Leser, dass in der Fußgängerzone nicht mehr kontrolliert werde, täusche: Mit „steigender Tendenz“ würden Bußgeldbescheide wegen Verstößen gegen die Maskenpflicht ausgestellt. Seit Beginn der Pandemie wurden 4 240 Verfahren eröffnet, momentan laufen zu 444 Anhörungen. In 1 000 Fällen wurden Bar-Verwarnungen, die mit 50 Euro zu Buche schlagen, ausgestellt, 2 346 Bußgeldbescheide wurden verschickt. Wegen Einsprüchen landeten 82 Fälle vor Gericht. „Wir gewinnen fast jedes Verfahren“, sagt Weigand.

Corona in Offenbach: Mehr Menschen werden getestet – Wo stecken sich Bürger an?

Doch wo stecken sich die Menschen an, dass in der Stadt die Infektionszahlen weitaus höher sind als im Landesvergleich? „Es gibt keine Hotspots oder singulären Ereignisse in der Stadt, die für die Infektionen verantwortlich sind“, sagt Gesundheitsamtsleiter Dr. Bernhard Bornhofen. Da aber inzwischen wesentlich mehr getestet werde, fielen somit auch mehr Infektionen auf, die zuvor als Dunkelziffer galten.

Und so ergebe sich ein vielfältiges Bild an Ansteckungsmöglichkeiten: Auf Nachfrage sagen die Infizierten, dass sie sich bei der Arbeit, beim Einkauf oder im öffentlichen Nahverkehr angesteckt haben könnten. „Ich sehe es ja selbst, dass sich auf der Straße oder im Bus viele Menschen nicht mehr an Masken- oder Abstandsregeln halten“, sagt er.

Corona in Offenbach: „Einige sehen die Gefahr nicht“

Etwas auffällig in den vergangenen Wochen war der Einzelhandel als möglicher Ansteckungsort: Von 0 Ansteckungen in der fünften Kalenderwoche stieg die Zahl auf 21 in der neunten Woche. „Da zählen natürlich die Supermärkte dazu“, sagt Bornhofen, und auch dort habe trotz vielfältiger Hinweise die Disziplin der Kunden nachgelassen. „Einige sehen die Gefahr nicht oder denken, dass inzwischen alles vorbei ist.“

Ein lebensgefährlicher Irrtum, denn inzwischen hat die sogenannte britische Corona-Variante Offenbach fest im Griff. „Neue Studien aus England und Dänemark zeigen, dass sich das Virus sehr viel stärker vermehrt und dadurch mehr Schaden etwa in der Lunge anrichten kann“, sagt Bornhofen über die Virus-Mutation.

Bei nahezu allen Neuinfektionen in der Stadt geht das Gesundheitsamt inzwischen von der britischen Corona-Variante aus. Da bei dieser mehr Viren produziert und ausgeschieden werden, sei es auch wesentlich einfacher, sich mit dieser zu infizieren.

Dass es keine besonders betroffenen Stadtteile oder Bevölkerungsgruppen gibt, betont auch Statistiker Matthias Schulze-Böing, der im Auftrag der Stadt die Corona-Daten analysiert und mit denen anderer Städte abgleicht. „Das sogenannte ‘private Umfeld’ ist inzwischen zum wichtigsten Ansteckungsfeld geworden“, sagt Schulze-Böing. Gesundheitsamtsleiter Bornhofen teilt diese Einschätzung. „Bei Schülern etwa haben wir festgestellt, dass es in den Schulen durch Masken und Abstandsregelungen so gut wie keine Übertragung gibt“, sagt er. Von den 270 Schülern, die in den letzten drei Wochen getestet wurden, hätten sich drei durch private Treffen mit anderen Personen nach der Schule angesteckt, in der Schule dagegen keiner.

Virus grassiert in Offenbach: Verhalten in Corona-Pandemie entscheidet

Das Verhalten im privaten Sektor ist somit entscheidend, ob eine Ansteckung erfolgt. Und das betreffe sämtliche Bevölkerungsschichten. „Es ist frappierend, dass die Ansteckungsgefahr sowohl in Offenbach wie in anderen Städten nicht an bestimmte Stadtteile oder Cluster gebunden ist“, sagt Schulze-Böing. Im Vergleich mit anderen Städten zeige sich etwa, dass Armut oder Stadtteile mit einer bestimmten Sozialstruktur keine entscheidenden Faktoren für eine Infektion sind. „Es würde zwar vieles einfacher machen, könnte man es so lokalisieren – aber dem ist eben nicht so.“

Dass im Bereich der Arbeit oder Schule die Infektionszahlen zurückgingen, zeige, dass die angeordneten Maßnahmen wirken. Daher sei es, so sind sich Schulze-Böing und Bornhofen einig, unabdingbar, dass im privaten Bereich weiterhin auf Abstand, Hygiene und Masken geachtet werde, um sich vor einer Infektion zu schützen. „Auch wenn man die Haustür hinter sich zugemacht hat, muss man sich eben an die bestehenden Regeln halten“, sagt Schulze-Böing. (Von Frank Sommer)

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