Nachbarschaftshilfe

„Solidarisch trotz Corona“: Unterstützung über die Krise hinaus

Einkäufe für Hilfesuchende werden mit den entsprechenden Schutzvorkehrungen getätigt.
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Einkäufe für Hilfesuchende werden mit den entsprechenden Schutzvorkehrungen getätigt.

Die Initiative „Solidarisch trotz Corona“ hat eine Hotline eingerichtet, durch die Hilfesuchende und Helfer zueinander finden können. Das Besondere: Auch nach Ende der Pandemie soll die Nachbarschaftshilfe fortgeführt und Teil des Alltags werden.

Offenbach – Obwohl Laura Dzaja und Christa Herold im selben Viertel wohnen, sind sie sich bislang noch nie über den Weg gelaufen. Zumindest nicht bewusst. Doch letzte Woche entdeckten beide unabhängig voneinander in ihren Hauseingängen einen Aushang der Initiative „Solidarisch trotz Corona Offenbach“. In diesem wird zur gegenseitigen Nachbarschaftshilfe aufgerufen und dazu animiert, all jene zu unterstützen, die gerade konkrete Hilfe benötigen - zum Beispiel, da sie zur Risikogruppe gehören und selbst das Haus nicht mehr verlassen sollten.

Auf dem kleinen Stück Papier ist zudem eine Telefonnummer angegeben, an welche sich Hilfebietende und -suchende wenden können, um miteinander in Kontakt zu treten: die Solidarisch-trotz-Corona-Hotline.

Die alleinstehende Rentnerin Herold verschweigt nicht, dass sie zunächst skeptisch gewesen ist. Ob sie wirklich bei ihr völlig unbekannten Menschen anrufen und diese um Hilfe bitten, ihnen letztendlich sogar ihre Adresse nennen sollte, obwohl man in jüngster Zeit doch so viel von neuen Betrugsmaschen rund um die Corona-Krise gehört habe?

Nach einigem Grübeln hat sie schließlich doch die Neugier gepackt und sich bei der Hotline gemeldet. „Ich bin total begeistert, dass es diese Form der Nachbarschaftshilfe gibt und wirklich glücklich darüber, dass es so tolle Menschen gibt, die einem ihre Hilfe anbieten“, berichtet sie. Denn vermittelt über die Hotline, ist sie mit der 21-jährigen Studentin Laura in Kontakt gekommen, die ganz in ihrer Nähe wohnt, eine Patenschaft für sie übernommen hat und nun viermal in der Woche den Hund der über vierzig Jahre älteren Rentnerin ausführt sowie regelmäßig für sie einkaufen geht.

Bereits vor Ausbruch der Epidemie habe sie mit dem Gedanken gespielt, sich ehrenamtlich zu engagieren, erzählt Laura. „Und als ich dann von der Initiative Solidarisch trotz Corona gelesen habe, dachte ich nur: Cool, dass es so was gibt, da mache ich mit.“ Jetzt steht sie in engem persönlichem Kontakt zu Christa Herold, sie haben einander ihre Handynummern gegeben und können somit schnell und unkompliziert das Hilfsangebot absprechen.

„Ich sehe das auch als eine Chance mit einer anderen Generation in Kontakt zu kommen“, sagt die Studentin. In der Anonymität der Großstadt sehe man die Menschen aus der eigenen Straße oder dem eigenen Viertel zwar tagtäglich, sie in der Regel kenne man sie aber dennoch nicht wirklich.

Sowohl sie als auch Herold wünschen sich, dass die Form der Nachbarschaftshilfe, wie sie durch die Initiative ins Leben gerufen wurde, auch nach der Pandemie aufrechterhalten wird und sich fest im städtischen Alltag etabliert. Ihre Bereitschaft dazu beizutragen, steht für beide außer Frage.

„Wenn das hier alles vorbei ist, möchte ich mich auch unbedingt daran beteiligen“, versichert Rentnerin Herold nachdrücklich.

Für Brit Engelke und David Malcharczyk, die beide die Hotline mitinitiierten, sind solche Rückmeldungen derzeit Gold wert. Schließlich zeigen sie ihnen und der etwa 15-köpfigen Gruppe junger Helfer, die sich tagtäglich um die Aufrechterhaltung des Angebots kümmern, dass sie mit ihrem langfristig angelegten Engagement sinnvolle Arbeit leisten.

„Viele von uns kannten sich schon aus der Stadtteilarbeit und haben ein großes Interesse daran, nach Corona ein soziales und solidarisches Nachbarschaftszentrum in Offenbach zu gründen“, erzählt Malcharczyk.

Die Entstehungsgeschichte der Initiative Solidarisch trotz Corona

Um zu überlegen wie sich in Zeiten der Krise gegenseitig unterstützt werden könnte, gründete zu Beginn der Corona-Pandemie ein kleiner Freundeskreis aus Frankfurt auf dem Messengerdienst Telegram die Gruppe „Solidarisch trotz Corona“.Bereits nach wenigen Tagen wuchs diese Gruppe auf mehrere tausend Mitglieder an, aus denen wiederum einzelne Stadt(teil)gruppen entstanden.

In der Offenbacher Gruppe befinden sich derzeit knapp 600 Menschen, die regelmäßig darüber beraten, wie geholfen und wo sich eingebracht werden kann. Daraus ist unter anderem auch die Idee der Hotline entstanden. Diese ist telefonisch täglich zwischen 15 bis 18 Uhr unter z 069 348690680 zu erreichen. Beratungen finden derzeit in deutscher und englischer Sprache statt. Außerhalb der Sprechstunden ist zudem ein Anrufbeantworter geschaltet.

Der Telegram-Gruppe SoliCorona Offenbach/Oberrad kann man unter folgendem Link beitreten: t.me/offenbachsoli

Kontakt: of-gegen-corona@riseup.net.

Im Team, welches die Hotline betreibt, befinden sich ihm zufolge Juristinnen, IT-Experten, erfahrene Hotline-Agenten sowie weitere Aktive, die mit großem Einsatz ein Angebot geschaffen haben, welches sowohl dem Datenschutz, als auch der gesundheitlichen und persönlichen Sicherheit aller Beteiligten gerecht werden soll - eine anspruchsvolle Aufgabe.

„Über die Vermittlung von Patenschaften – möglichst nah wohnende und zum Anliegen passende Helfer, die sich regelmäßig um dieselbe Person kümmern – sollen auch langfristige Hilfestrukturen aufgebaut werden, Infektionsketten kurzgehalten und nachhaltiges Vertrauen geschaffen werden“, fasst Engelke zusammen. Sie weist dabei zudem drauf hin, dass potenzielle Paten erst im Telefonat mit den Hilfesuchenden durch diese ihre Adresse erhielten - gesetzt den Fall natürlich, dass zuvor erfolgreich das notwendige Vertrauen zwischen beiden hergestellt werden konnte.

Da das Hilfsangebot, im Unterschied zu anderen Aktionen, an keine institutionelle Stelle angebunden sei, lasse sich das Anliegen der Initiative mit dem Schlagwort „Nachbarschaftshilfe von unten“ beschreiben. Was genau darunter zu verstehen ist, verdeutlicht Engelke auf Nachfrage: „Es geht darum, ein gemeinschaftliches und solidarisches Miteinander zu fördern und den Menschen zu vermitteln, dass sie nicht auf sich allein gestellt sind.“

Und Malcharczyk betont noch einmal den Grundgedanken: „Es soll respektvoll, auf Augenhöhe und je nach eigenen Möglichkeiten unterstützt werden – ungeachtet von Lebensweisen, Herkunft oder etwa Religion.“

Wer diesen Anspruch teilt, ist laut David Malcharczyk „angehalten, sich jederzeit an uns zu wenden, ob hilfsbereit oder hilfsbedürftig.“

Infos im Internet gibt es auf corona-soli-ffm.org.

VON JOEL SCHMIDT

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