Corona-Pandemie

Corona-Inzidenz in Offenbach trotz Ausgangssperre dramatisch hoch – Was dahinter stecken könnte

Zwei Polizisten in Uniform laufen bei Nacht auf einem menschenleeren, beleuchteten Fußgängerweg und kontrollieren die Einhaltung der Ausgangssperre.
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Warum ist also gerade in Offenbach die Corona-Lage derart angespannt? (Archivbild)

In Offenbach gilt seit über drei Wochen eine Corona-Ausgangssperre. Dennoch steigen Inzidenz und Infektionszahlen. Gesundheitsamtsleiter Bernhard Bornhofen erklärt mögliche Gründe.

Offenbach – Die Rechnung scheint simpel und einleuchtend. Ein großer Teil der Corona-Infektionen findet bei privaten Treffen statt. Die jetzt vom Bundestag beschlossenen Ausgangsbeschränkungen sollen gegensteuern. Der erhoffte Effekt: Es wird quasi unmöglich, sich abends legal mit Freunden zu treffen. Und wo keine Treffen, da auch keine Infektionen. So lautet zumindest der Plan des Bundes.

Ein Blick auf die Situation in Offenbach könnte daran Zweifel aufkommen lassen. Seit Ende März gilt hier wegen der hohen Inzidenzen eine harte Ausgangssperre von 21 bis 5 Uhr. Viel härter als die vom Bundestag beschlossene, die erst um 22 Uhr beginnt und bis 0 Uhr Freiraum für einen Gang um den Block lässt. Dennoch ist der 7-Tage-Wert kaum gesunken. Im Gegenteil, die Zahlen steigen aktuell wieder. Man könnte nun zu dem Schluss kommen, dass Ausgangssperren per se nichts bringen.

Offenbacher Corona-Inzidenz steigt – und das trotz harter Ausgangssperre

Ein Trugschluss, sagt Offenbachs Gesundheitsamtsleiter Bernhard Bornhofen. „Ich bin absolut davon überzeugt, dass die Infektionszahlen in Offenbach ohne die Ausgangssperre noch viel höher wären, als sie es aktuell sind“, sagt der Mediziner, der selbst lange Jahre für das Robert-Koch-Institut (RKI) gearbeitet hat. „Wir haben aber das große Problem, das nicht beweisen zu können.“ Fachleute bezeichnen diese Situation als klassisches Präventionsparadoxon. Mann kann nur mutmaßen, was präventive Maßnahmen verhindert haben, weil das, was sie verhindern sollten, ja nicht passiert ist.

Nun bleibt Offenbach trotz harter Beschränkungen in der Spitzengruppe der bundesweiten Inzidenzen. Mit 292,4 am Donnerstag lag die Lederstadt auf Platz 16 – trotz wochenlanger Ausgangsbeschränkungen.

Ausgangssperre in Offenbach: Der Misserfolg bei den Corona-Zahlen hat viele Gründe

Warum ist also gerade in Offenbach die Lage viel schlimmer als anderswo? Bernhard Bornhofen sieht die Antwort in einem für Pandemiezeiten denkbar schlechten Mix aus Bevölkerungsstruktur, beengten Wohnsituationen, Unwissenheit durch Sprachbarrieren, großen Familien und einer hohen Mobilität der Einwohner. „Viele Menschen in Offenbach leben mit vielen Personen in sehr engen Wohnverhältnissen und sind damit automatisch einem großen Risiko ausgesetzt, wenn es zu einer Infektion in der Familie kommt“, sagt Bornhofen.

Dazu kämen häufig sprachliche Hürden. „Nur wer sich informieren kann, kann sich und andere auch vor dem Virus schützen“, stellt Bornhofen klar. Es gebe zwar große Anstrengungen, auch fremdsprachlich über das Virus aufzuklären. „Aber es gibt eben immer noch viele Bereiche, in denen die Informationen über nötige Schutzmaßnahmen nicht ausreichend ankommen.“ Darüber hinaus ist die Mobilität der Offenbacher sehr hoch. „Wir wissen das aus Erhebungen des Robert-Koch-Instituts.“ Ein Grund dürfte die Fahrt zu auswärtigen Arbeitsstellen sein, mutmaßt der Leiter des Stadtgesundheitsamts.

Corona in Offenbach: Weshalb es die Stadt schwer damit hat, die Inzidenz zu drücken

Über allem steht laut Bornhofen aber die konzentrierte städtische Struktur Offenbachs. „Wir haben hier nur wenig städtisches Umland, sondern sind innenstädtisch geprägt“, argumentiert er. „Wir haben hier so gut wie keinen Verdünnungseffekt.“ Darunter ist folgender Mechanismus zu verstehen: Die Inzidenz in Frankfurt etwa wird durch ländlich geprägte Stadtteile im Außenbereich heruntergedrückt. „Wenn man sich die Zahlen allein im Stadtteil Höchst anschauen würde, würde sich ein ganz anderes Bild zeigen“, sagt Bornhofen. Das dem Main-Kinzig-Kreis angehörige Hanau etwa kommt bisher trotz Inzidenz über 200 um Ausgangssperren herum, weil für das RKI der „verdünnte“ Kreiswert maßgeblich ist. Bornhofen: „Wir haben es im Vergleich zu Frankfurt und Hanau deshalb viel schwerer, die Inzidenz zu drücken.“ (Christian Reinartz)

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