Erfahrungen mit Corona

Schwere Covid-19-Erkrankung: Wie fühlt man sich tatsächlich?

In der Station 4B des Sana-Klinikums sind die Coronapatienten untergebracht, auch Artlantida Z. und ihre Eltern lagen dort im Mai. Das Bild zeigt ihren behandelnden Arzt Shayan Jomeh Ahmadi mit Stationsschwester Dagmar.
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In der Station 4B des Sana-Klinikums sind die Coronapatienten untergebracht, auch Artlantida Z. und ihre Eltern lagen dort im Mai. Das Bild zeigt ihren behandelnden Arzt Shayan Jomeh Ahmadi mit Stationsschwester Dagmar.

Die 27-Jährige Artlantida Z. hat eine schwere Corona-Erkrankung hinter sich und erzählt von ihren Erfahrungen auf der Intensivstation.

Offenbach - Die Begrüßung ist in diesen Zeiten ungewohnt geworden: Artlantida Z. hält der Besucherin die Hand hin, lächelt. „Ich habe es ja hinter mir.“ Sie hat sie überstanden, die Erkrankung Covid-19, die unser aller Leben in einem Maße bestimmt, wie wir es uns noch Anfang des Jahres niemals hätten vorstellen können.

Die 27-Jährige wohnt zusammen mit ihren Eltern und zwei jüngeren Brüdern seit zehn Jahren in Offenbach. Als Pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte der Apothekenkette am Frankfurter Flughafen ist Corona allein berufsbedingt schon früh ein Thema für sie. Doch selbst daran zu erkranken? „Ich bin jemand, der normalerweise nie krank wird, fast nie zum Arzt muss“, sagt sie. Als E nde April sie und ihr Vater Kopfschmerzen, Fieber, Rücken- und Gliederschmerzen bekommen, glauben beide zunächst an eine Grippe. „Das hat auch unser Arzt am Telefon vermutet, und einen Test durften wir damals noch nicht einfach so machen.“ Sie nehmen Paracetamol.

Doch als die Symptome immer unerträglicher werden und Geschmacksverlust sowie Kurzatmigkeit hinzukommen, rufen sie den Notarzt, der sie sofort ins Krankenhaus schickt. Auch die Mutter hat Symptome, kommt mit. Bei allen drei wird Covid-19 diagnostiziert. Die nächsten zweieinhalb Wochen verbringt die junge Frau in der Covid-Abteilung des Sana-Klinikums, davon eineinhalb Wochen auf der Intensivstation.

Nach Corona-Erkrankung erinnert sich junge Offenbacherin: „Mein Immunsystem war völlig im Keller“

„Die Nachricht vom positiven Test war ein Schlag“, erinnert sie sich. Mehr Angst als um sich selbst aber habe sie um ihre Eltern gehabt. Ihr Vater liegt ebenfalls einige Tage auf der Intensivstation. Die Mutter kann trotz Vorerkrankungen in der normalen Station bleiben. Auch die beiden Brüder werden positiv getestet. Bei ihnen verläuft die Erkrankung mild, sie haben häusliche Quarantäne.

Die Offenbacherin bedarf zwar keiner invasiven Beatmung, hängt aber am Sauerstoffgerät. „Dieses Gefühl, ohne die Maske nicht richtig atmen zu können, war ganz schlimm“, sagt sie. Das CT-Bild ihrer Lunge zeigt, wie großflächig diese angegriffen ist. Sie ist ans Bett gefesselt, wird mit Schläuchen versorgt. „Mein Immunsystem, mein ganzer Körper war völlig im Keller. Ich konnte an nichts anderes denken, nur daran, dass ich jetzt hier liege und Hilfe brauche.“

Lob für das Offenbacher Sana-Klinikum nach überstandener Corona-Infektion

Und die bekommt sie. „Ich ziehe vor dem Team des Sana-Klinikums meinen Hut. Sie haben tolle Arbeit geleistet.“ Ohne das gute Gesundheitssystem, sagt sie, wäre die Pandemie hierzulande, möglicherweise auch ihr eigenes Schicksal, anders verlaufen.

Als sie nach Hause darf, fällt ihr selbst das Sprechen noch schwer, sie gerät schnell außer Puste. Sie muss in Quarantäne bleiben, bis ihr Test negativ ist. Nach und nach geht es ihr besser, bis auf wochenlange, starke Rückenschmerzen. Mittlerweile geht sie wieder arbeiten und fühlt sich gut, ebenso ihre Eltern. Regelmäßig haben sie einen Termin zur Kontrolle beim Lungenarzt.

Junge Offenbacherin ist sich sicher: Das Corona-Virus findet seinen Weg

Wo und wer sich in der Familie zuerst angesteckt hat, weiß niemand. Die Hygieneregeln hätten alle ernst genommen. Deshalb findet die junge Frau: „Auf Dauer kann sich nicht jeder schützen. Das Virus findet seinen Weg.“

Trotz ihrer lebensbedrohlichen Erfahrung kann sie Verständnis dafür entwickeln, wenn die Akzeptanz für strenge Maßnahmen schwindet.  „Mir ist bewusst, dass Covid in den meisten Fällen mild verläuft, ich war in meinem Alter eine Ausnahme. Viele Menschen aber gehen pleite, werden ihrer Existenz beraubt. Die tun mir sehr leid.“

Es sei faktisch unmöglich, Menschen, die ihr Leben leben wollen, über einen langen Zeitraum voneinander zu isolieren. „Ich denke, dieses Jahr haben innerlich viele schon abgehakt. Wenn es im nächsten Jahr so weitergeht, werden die Leute immer mehr dagegen angehen.“

Sie versucht, optimistisch nach vorne zu schauen. „Man verdrängt innerlich die Zeit auf der Intensivstation. Die Situation überfordert einen“, sagt sie. Ihre Lebenseinstellung habe sich geändert. „Ich bin jeden Tag froh, eine zweite Chance zu haben.“ (Veronika Schade)

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