Ein Crashkurs im Schunkeln

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Tolle Stimmung war bei den Kolpingelfern: „Kreuzfahrer" Marcel Rupp ging in die Bütt.

Offenbach ‐ So unbedarft wie Monika Fuchs hat wohl sonst keiner seine Eintrittskarte im ausverkauften Kolpinghaus vorgezeigt. „Du weißt ned, was e Elfersitzung is? Ach, du grüne Neune!“ Von Silke Gelhausen-Schüßler

Gertrud Kiefer, die ihr eines der begehrten Tickets geschenkt hat, ist sichtlich entsetzt und versucht sich in Erklärungen: „Also, des is e Sitzung, wo Redde gehalte und Tanzvorführungen gebode wern. Und des is do, wo de Elferrat mit lauter dumme Sprüch dursch de Abend führt.“ Die Freundin ist wenig begeistert: „Also e Blümsche für mei Fensterbank wär mir lieber gewese!“ Vorhersehbar schlägt sie das Geschenk natürlich trotzdem nicht aus und lässt sich aus dem großen Faschingskostümschrank von Kiefer einkleiden – nachdem sie noch einen Crashkurs im Schunkeln über sich hat ergehen lassen.

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Reichlich Stimmung beim Chrash-Kurs

Im vollen Saal ist am Samstagabend kaum ein Durchkommen mehr, die Gänge zwischen den Tischen sind so eng, dass etwas beleibtere Personen den Seitwärtsschritt praktizieren müssen. Die Bedienungen absolvieren mit vollen Tabletts karnevalistische Höchstleitungen.

Frankfurter bekommen ihr Fett weg

Roland Wernig, gut gelaunter Sitzungspräsident des katholischen Sozialvereins, zieht zur Begrüßung gleich mit einen Frankfurtwitz vom Leder. Die mit Skepsis betrachteten Bürger jenseits des Mains sollen im Laufe des Abends noch einige Male zum Thema werden.

In insgesamt sieben Büttenreden kam von Griechenlandpleite bis Darmverstopfung so ziemlich alles auf den Tisch, was im vergangenen Jahr durch die Medien gegeistert ist. Jürgen Kofink gibt als „Chef vom Protokoll“ schlagzeilenartig den Überblick.

Mit seinem Markenzeichen-Abschlussreim zum Mitsprechen: „...nur könne muss mers, des is wischdisch“ gibt er die Richtung vor. Jeder bekommt sein Fett weg: Politik, Wirtschaft, Kirche, Sport und Medien: Ob mit „Anstelle Sitzplatzgarantie gabs Schwitzplatzgarantie“ die Bahn oder mit „Mit Wasserwerfern und Tränengas, so mancher der Verstand vergaß“ die Stuttgarter Polizisten.

Das Jahr 2011 wird zum „Anno Condomi“ erklärt

Für Tanzmarieche Isabelle Schultheis von der Disharmonie Heusenstamm ist es ihr erster Karnevalsauftritt, sie meistert ihn bravourös. In punkto Akrobatik und Ausstrahlung macht ihr an diesem Abend keiner mehr etwas vor, und die zwölfjährige Kunstturnerin sorgt für stürmischen Beifall.

Wann genau der Karneval seine Geburtsstunde gefeiert hat, lässt sich historisch nicht so ganz eindeutig klären. Im Mittelalter jedenfalls sollen bei „Narrenfesten“ kirchliche Rituale parodiert worden sein. Zeit, einem echten Kreuzfahrer das Wort zu erteilen. Marcel Rupp erklärt das Jahr 2011 zum „Anno Condomi“, in dem die katholische Kirche erstmals das Kondom akzeptiert.

Ungewohnt fortschrittlich zeigt sie sich auch im Hinblick auf die Rentendiskussion: 67 ist im Vatikan wirklich kein Alter, da fängt dort erst die Ausbildung an. Die Politiker haben da weniger hinzu gelernt, hier wird am harmlosen Spott nicht gespart: „Westerwelle ist nicht das Licht am Ende des Tunnels, er ist der Tunnel!“ oder: „Was macht Angela Merkel mit ihren Altkleidern? Sie trägt sie!“ Kristina Schröder sei da schon kreativer, sie hat sogar den passenden Nagellack für ihre Amtszeit gefunden: farblos.

„Ich hab mich tausendmal gewogen“

Maximilian Rebell und Thomas Isser klären als „Zufallsbekanntschaft“ auf der Reise nach Weimar über deutsche Dichter und Denker auf. „Kennen Sie ,Die Räuber’ von Schiller?“, „Ach, Sie meinen die Herrn vom Finanzamt!“

Gertrud Kiefer brachte ihrer Freundin die nötigsten Kenntnisse für den Besuch einer Elfersitzung bei.

Beim Einzug des gewichtigen Offenbacher Prinzenpaares Herbert II., Sir Herbert of Soccer Hill (Bieberer Berg) und Sabine I., Lady of Temple Lake (Tempelsee) wird standesgemäß stehend applaudiert. Sabine Schumacher spricht mit ihrem Lied: „Ich hab mich tausend mal gewogen“ wieder vielen aus der Seele. Je später der Abend, desto familiärer die Witze. Ob „Egon“ Hugo Ball, „Mann wird älter“ Wolfgang Braun, „Eine praktische Ärztin“ Hildegard Ball oder die „Heulsuse“ Eberhard Wernig, sie alle haben eins gemeinsam: Alltagsthemen rund um Gesundheit, Alter, Ehe und sonstige Nöte des kleinen Mannes. Eine besonders bissige Anekdote ist Ärztin Hildegard mit einem Frankfurter in der Notaufnahme passiert. Der verlor durch einen Unfall ein Ohr und bekam eine Offenbacher Organspende.

Drei Tage später war er tot. Auf die entsetzte Frage des Bettnachbarn: „Wo ist der Patient?“ antwortet Hildegard ungerührt: „Der ist leider verstorben. Das Ohr hat den Körper abgestoßen.“

Belacht, betuscht oder mit Raketen belohnt wurde auch der älteste Kalauer – wer zur Fremdensitzung geht, weiß halt, worauf er sich einlässt.

Spielmannszug und die Tänzerinnen der Bimmbären aus Dreieich, Rand staajodler und das gemeinsame Lied „Im Bett“ vervollständigten das rund fünfstündige Programm.

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