Weltweit bekannte Verkehrsaktion auch in Offenbach

„Critical Mass“: Radeln für mehr Respekt

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In Hamburg waren 2014 mehr als 5000 Radler als „Critical Mass“ auf der Hauptstraße unterwegs. Die Teilnehmer in Offenbach hoffen, dass sich die Aktion ähnlich etabliert wie in der Nachbarstadt Frankfurt. Dort sind regelmäßig 200 Teilnehmer dabei.

Offenbach - Am Freitagabend werden vermutlich viele Räder über den sommerlich warmen Asphalt der Innenstadt rollen. Dann treffen sich zahlreiche Offenbacher Fahrradfreunde, um gemeinsam eine Runde durch die Stadt zu drehen. Von Rebecca Röhrich 

Mit dieser Aktion wollen sie auf sich in ihrer Rolle als Verkehrsteilnehmer aufmerksam machen. Diese Zusammenkunft nennt sich Critical Mass (deutsch: Kritische Masse). Eigentlich ist es kein neues Phänomen. Zu vielen Städten der Welt gehört es bereits als regelmäßige Erscheinung dazu – eine größere Gruppe Radfahrer, die sich scheinbar zufällig treffen und ein paar Stunden gemeinsam durch die Innenstadt fahren. Diesen Freitag feiert diese Critical Mass ihren Auftakt in Offenbach. Der Name bezieht sich auf einen Paragrafen in der Straßenverkehrsordnung (StVO), nachdem mehr als 15 Fahrräder einen geschlossenen Verband bilden dürfen. Für diesen gelten die Verkehrsregeln eines einzelnen Fahrzeugs. Sie bilden also eine Masse und erlangen gemeinsam eine Präsenz, die der einzelne Radler im Alltag nicht hat.

Auch die Organisation dieser Treffen geschehe „in der Masse“, also dezentral. „Einer betreut die sozialen Netzwerke, ein anderer druckt Flugblätter. Viele werden über Mundpropaganda informiert“, erklärt Teilnehmerin Janina. Ihren vollen Namen möchte sie wie alle anderen Teilnehmer nicht nennen. Schließlich gibt es keine Organisatoren im üblichen Sinne, niemand möchte rechtlich haftbar gemacht werden.

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Bei Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) hat es schon funktioniert. „Vor zehn Tagen war ich mit dem Dienstrad unterwegs, als mir eine junge Dame auf dem Rad entgegen kam und für die Critical Mass warb“, berichtet Schneider. Er habe ihr seine E-Mail-Adresse zugerufen, und zwei Tage später wusste er Bescheid. „Ich finde alles gut, was zur Gleichberechtigung der Verkehrsteilnehmer beiträgt“, so Schneider. Er hat vor hinzugehen. Finden sich mehr als 15 Radler zusammen, kann die Tour auf der Straße starten.

Dass dies funktionieren kann, beweist die Critical Mass Frankfurt, die seit zehn Jahren monatlich eine hohe Teilnehmerzahl hat. „In Frankfurt sind Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen dabei: Junge, Alte, Familien“, sagt Sebastian. Für Offenbach wünschen sich Adrien und Sebastian noch mehr kulturelle Vielfalt. Dies würde zumindest der Offenbacher Bevölkerung entsprechen.

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Neben dem Spaß, nach Feierabend gemeinsam eine Runde auf dem Drahtesel zu drehen, eint die Teilnehmer der Wunsch, mit dieser Aktion auf den Radverkehr als Form des Individualverkehrs aufmerksam zu machen. Deshalb wird die Aktion auch nicht beim Ordnungsamt angemeldet. „Verkehr muss man nicht anmelden“, sagt Janina, die selbst einen Auto- und einen Motorradführerschein besitzt. Autofahrer müssten sich schließlich auch nicht anmelden. „Wir möchten als vollwertige Verkehrsteilnehmer respektiert werden“, so die junge Frau weiter.

Sebastian, Janina und Adrien fahren schon seit Jahren ausschließlich mit dem Rad zur Arbeit.. „Es ist nicht nur viel gesünder, sondern man bekommt viel mehr mit“, so der 29-jährige Adrien. „Rad fahren in Offenbach ist nicht so schwierig, wie viele denken“, sagt Sebastian. Allerdings gebe es Verbesserungsmöglichkeiten.

Zum Beispiel könnte das Radeln in der Fußgängerzone erlaubt werden. Sonst sei es schwierig, vom Süden der Stadt in den Norden zu kommen.Auch die Busspur solle für Radler freigeben werden.

Forderungen, die die Critical-Mass-Teilnehmer mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) gemeinsam haben. „Vom Ansatz her finde ich die Idee gut“, sagt Detlev Dieckhöfer, Vorstandsmitglied im ADFC Offenbach. Allerdings sei ihm die Anonymität der Veranstaltung suspekt. „Aber rechtlich gesehen bleibt den Teilnehmern keine andere Möglichkeit“, räumt er ein. Dieckhöfer will mitfahren und sich danach erst eine endgültige Meinung bilden.

Los geht es am morgigen Freitag um 19 Uhr am Isenburger Schloss. Wenn die Veranstaltung gut angenommen wird, könnte es sein, dass sich Offenbacher künftig öfter mal „zufällig“ zu einer Radtour durch die Stadt treffen.

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