Currywurst zum Frühstück

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Die Verkäufer auf dem Offenbacher Markt stehen früh auf. Der Aufbau beginnt, wenn die meisten Menschen noch schlafen. Dennoch: Der Umgang ist herzlich, das Frühstück aber etwas ungewöhnlich.

Offenbach - Eine ältere Dame mit grauen Haaren bestellt drei Brötchen, zwei Croissants und ein Schwarzbrot. Naomi Neumann lächelt, gibt das Wechselgeld zurück – als wäre in den letzten Stunden nichts gewesen. Von Daniel Schmitt

2.30 Uhr: Draußen ist es dunkel, nur die Laternen erleuchten die verlassenen Straßen. Drinnen klingelt der Wecker. Ihr Tag beginnt, wenn die meisten Menschen noch von weißen Schäfchen träumen. Naomi Neumann arbeitet auf dem Offenbacher Wochenmarkt. Sie verkauft Brötchen für die in Mühlheim ansässige Bäckerei Hoffmann . Dreimal in der Woche steht die 51-Jährige auf dem Wilhelmsplatz, ob bei 30 Grad im Sommer oder bei Minustemperaturen im Winter. Seit mehr als zehn Jahren. „Dafür muss man geboren sein. Es ist eine Art Sucht“, sagt sie.

3.30 Uhr: Neumanns Arbeitstag beginnt fast immer gleich. Auch an diesem Freitag fährt sie mit ihrem weißen Citroën aus Bürgel nach Mühlheim, um sich den Verkaufswagen und die frische Ware abzuholen. Sie begrüßt die vier Mitarbeiter der Bäckerei. Trotz der frühen Stunde ist der Umgangston herzlich. „Das sind Bäcker mit Leidenschaft“, lobt sie. 33 Kisten voller Brötchen, Brot und allerlei süßem Gebäck haben die Bäcker seit 2 Uhr vorbereitet. Jede Kiste hat ihren festen Platz im 5 mal 2,5 Meter großen Verkaufswagen, Brötchen unter die Theke, Brote ins Regal. Nach einer knappen Viertelstunde ist die Arbeit erledigt. Abfahrt.

„Der Wochenmarkt hat sich in Pflaster eingebrannt“

4.03 Uhr: Es ist kalt, acht Grad, gefühlt sind es um diese Uhrzeit noch ein paar weniger. Neumann trägt einen schwarzen Fleecepulli, darunter ein dunkles Polohemd und eine Brille auf der Nase. Das dünne Gestell erinnert ein wenig an das Modell „Harry Potter“; ob sie deshalb den Spitznamen „Markthexe“ verpasst bekam, will sie nicht verraten. Sie lacht nur und schweigt. Ihre rötlichen Haare schimmern im Laternenlicht, ihr Atem ist in der kalten Nacht deutlich zu sehen. Der Aufbau kann beginnen.

Den Verkaufswagen hat die 51-Jährige an der rechten Seite platziert, gegenüber der Brasserie Beau d’Eau. An einem dafür vorgesehenen Platz. Trotz der Dunkelheit sind auf dem Boden rote, etwas verblasste Pflastersteine zu erkennen, die für Ordnung sorgen. Nur innerhalb der Abgrenzungen dürfen die Verkaufsstände aufgebaut werden. Dazwischen haben die Kunden ihr Revier. Eigentlich seien die Linien unnötig, findet Neumann. Die ständige Nutzung des Wilhelmsplatzes, der seit 1903 als Standort des Wochenmarkts dient, hat sich längst in das Pflaster eingebrannt. Während der Untergrund auf den Wegen rau ist, sind die abgegrenzten Flächen vergleichsweise glatt, bei Nässe besteht sogar Rutschgefahr. Kunden haben ihre Spuren hinterlassen.

Neumann schnappt sich gerade die ersten Brötchenkisten unter der Theke, schon wird sie unterbrochen: Sören Gutsche, von Neumann liebevoll „Wichtel“ genannt, kommt für einen kurzen Plausch vorbei. Er ist Aufbauhelfer. Seit etwa einem halben Jahr arbeitet der 27-Jährige für den Obst- und Geflügelhof Sauer und baut dreimal in der Woche den Stand auf und wieder ab. „Ich mache die unbeliebte Arbeit“, sagt der junge Mann mit schwarzem Kapuzenpulli. „Wichtel“ baut die Ablagen zusammen, er stellt die großen Schirme auf oder trägt Gemüsekisten.

Bei Neumann sucht der Aufbauhelfer nur nach einem heißen Kaffee. Es ist zu spüren, dass sich die beiden Frühaufsteher gern haben. „Wichtel“ sei ein ganz Netter.

Eigentlich könnte Naomi zu „Wetten, dass...?“ gehen

4.30 Uhr: Noch drei Stunden bis zur offiziellen Eröffnung des Markts. Dann sollen 60 Stände aufgebaut sein. Von Minute zu Minute füllt sich der Platz mehr. Alles ist eingespielt. Jeder weiß, wann er zu kommen hat und wann nicht. „Wir müssen uns genau aufeinander abstimmen, sonst passen die Autos und Lastwagen ja gar nicht aneinander vorbei“, erklärt Neumann. Für das ungeübte Auge ist die Struktur nicht zu erkennen. Doch es muss sie geben. Während Neumann ihre Backwaren in die Auslage legt, brausen die Lkw von allen Seiten heran. „Das ist Obst und Gemüse Heininger“, ruft Neumann, als ein blau-weißer Lkw in die Mitte des Platzes fährt. Wohlgemerkt: Sie befindet sich zu diesem Zeitpunkt in ihrem Verkaufswagen, die Klappe ist noch geschlossen. Neumann erkennt ihre „Pappenheimer“, wie sie gern sagt, schon am Motorengeräusch und an der Uhrzeit. Das Prozedere sei jede Woche das gleiche. Wäre dies nicht so, „Wetten, dass...?“ hätte wohl schon längst eine neue Wettkönigin gefunden.

5.03 Uhr: Der gröbste Teil der Arbeit ist erledigt, im Wagen duftet es nach frischen Brötchen und Kaffee. Die zweite Fuhre wird erst in einer Stunde geliefert. „Markt bedeutet Spaß, er ist aber auch eine Berufung“, erklärt Neumann. Was sie meint, ist am Beispiel von Maria Castiglione schnell erklärt. Die kleine Italienerin war schon da, bevor Neumann kam, und hat wohl erst die Hälfte ihrer Aufbauarbeiten erledigt. Immerhin, die Gemüseregale stehen schon. „Ich habe verschlafen und muss mich beeilen“, scherzt Castiglione, ohne dabei die Gemüsekisten aus der Hand zu legen. Geübt verteilt sie ihre Tomaten, Gurken und Salate in den Auslagen. „Ich werde eigentlich nie pünktlich fertig.“ Die Marktverkäufer stammen zu etwa 90 Prozent aus Familienbetrieben. Sie kennen die Probleme seit ihrer Kindheit.

Fast zwölf Stunden Arbeit

6.00 Uhr: Erste Sonnenstrahlen wagen sich auf den noch dunklen Wilhelmsplatz. Verärgert steht eine kleine Gruppe, zwei Männer und eine Frau, um ein Auto herum. Ein Falschparker, der den Aufbau blockiert. Die dunkelblaue VW-Familienkutsche hätte nur bis 6 Uhr dort stehen dürfen. „Es ist fast immer das Gleiche. Jetzt dauert es eine halbe Stunde, dann kommt der Abschleppwagen“, sagt ein Standbesitzer. Es dauert sogar 38 Minuten. Dann rückt der ADAC mit seinem gelben Abschlepplaster an und entfernt den Störenfried. Ein paar Meter entfernt riecht es nach Essen, es brutzelt, die Grillbude hat die ersten Würstchen aufgelegt. Warum? Weil auf dem Markt so etwas wie Mittagszeit ist. Schnell stehen drei Männer an der Theke und verdrücken ihre Bratcurry.

6.28 Uhr: Etwa eine Stunde vor der eigentlichen Eröffnung sind die Aufbauarbeiten fast überall beendet. Neumann schaut aus ihrem Wagen. Drei Stunden liegen hinter ihr, etwa achteinhalb Stunden Arbeit noch vor ihr. Der Offenbacher Markt hat bis 14 Uhr geöffnet. Danach müssen die so mühsam aufgebauten Stände wieder entfernt werden.

Die ältere Dame mit grauen Haaren packt ihren Geldbeutel zu den Brötchen, den Croissants und dem Schwarzbrot in ihre rote Stofftasche. Naomi Neumann hebt die rechte Hand, winkt kurz, wünscht einen schönen Tag – als wäre in den letzten Stunden nichts gewesen.

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