Und dann bloß kein Plastik

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Gewissermaßen Erlebnisgastronomie: Während die seitlichen Straßen des Wilhelmsplatzes umgebaut werden, sitzen die Gäste der Restaurants zwischen Bagger und Absperrbake. Kaum einen stört‘s.

Offenbach ‐ Es ist ungewöhnlich, aber es hat seinen Reiz, wenn zum Blattsalat der Bagger rumpelt und das Pils im Takt des Presslufthammers tanzt. Von Marcus Reinsch

Würden die einschlägigen Stadtmagazine der Region Preise in der Kategorie Erlebnisgastronomie vergeben, mancher Wirt am Offenbacher Wilhelmsplatz dürfte sich demnächst eine Urkunde rahmen lassen.

Die Stadt hat das gerade wiedereröffnete Vorzeigekarrée noch eine ganze Weile in der Mache, dehnt den eigentlichen Platz in einem zweiten Bauabschnitt bis an die seitlichen Hausfassaden und damit zur verkehrsberuhigten Zone aus.

Neben ihren Gästen haben folgerichtig auch die Gastronome selbst Ungewohntes zu verdauen. Zum Beispiel, dass vor einigen Wochen ausnahmsweise sie es waren, denen eine Art Menükarte gereicht wurde - von Amts wegen. Unter dem Titel „Gestaltungskriterien Außengastronomie Wilhelmsplatz“ haben Stadtplaner zusammengefasst, wie Frischluft-Bewirtung auszusehen hat, sobald Kanalrohrverleger, Baggerfahrer, Presslufthammerschieber und Pflastersteinklopfer abgezogen sind. Überraschend kam die Liste nicht; bis März hatten sich Wirte und Planer fünfmal in unterschiedlichen Konstellationen zusammengesetzt, um Wünschenwertes und Machbares auszuloten.

Teure Podeste müssen verschwinden

Bemerkenswerterweise definiert das schriftliche Ergebnis als Ziel, „die Atmosphäre des Platzes vielfältig“ zu halten, während am Platz selbst vor wenigen Monaten die Furcht vor hohen Kosten und städtisch befohlener Gleichmacherei zu vernehmen gewesen war. Eine Frage der Perspektive: Das Papier nennt in der Tat einige Zutaten, an denen die Wirte nicht vorbeikommen werden und, das sagt Stadtsprecher Matthias Müller, auch nicht vorbeikommen wollen.

Zum Beispiel die Pfosten, die als Abgrenzung zwischen Gastronomie und Fahrbahn dienen sollen. Sie müssen 800 Millimeter lang, 63,5 Millimeter dick, aus einbrennlackiertem Rundrohr und in der Normfarbe DB 703 sein, was ein dunkler Grauton ist. Sie werden im 1,50-Meter-Abstand in Hülsen gesteckt, die die Stadt im künftigen Trottoir zur Verfügung stellt.

Klare Vorgaben. Was zwischen den Pfosten passiert, bleibt hingegen gestalterische Freiheit der Wirte, solange es nicht billig oder nach allzu üppiger Werbefläche aussieht. Heißt: Metallzäune oder flache Wände aus Sicherheits- oder Plexiglas. Die teuren Podeste, mit denen die Restaurant momentan noch ihre Tische, Stühle, Gäste von denen der Nachbarn abgrenzen, müssen verschwinden.

In allen Bereichen ist Platz für Tische und Stühle

Quasi im Gegenzug bekommen die Wirte etwas, das ihnen als üppigster Nutzen städtischer Umbaulust gilt: Fläche auf dem Wilhelmsplatz. Das Gestaltungskonzept definiert drei Bewirtungsstreifen. Einen 1,20 Meter breiten direkt an den Hauswänden. Einen 2,25 Meter breiten zwischen dem für Fußgänger, Kinderwagen, Rollstühle, Blinde barrierefrei gestalteten Gehweg und der Fahrbahn, auf der Schrittgeschwindigkeit gelten wird. Und einen 3 Meter breiten unter den Bäumen auf der anderen Straßenseite.

In allen Bereichen ist Platz für Tische und Stühle. Die dürfen, solange sie gleich sind, aus allem sein, was nicht Bierzelt-Ästhetik verströmt - Holz, Metall und „wetterbeständiger Verbund-stoff“ gerne, Restpostencharme nein. Und auch um solche elementaren Dinge herum verbittet sich das Amt jegliche gestalterische Beliebigkeit. Grenzen gesetzt sind auch den Sonnenschirmen, (maximal 2,50 Meter hoch und breit, damit Passanten keinen Tunnel-Koller kriegen), Beleuchtung (kein Rotlicht, kein Blinklicht), Markisen (einfarbig oder mit Werbung), Blumentöpfe (wegen Stolpergefahr mindestens einen halben Meter hoch, „kein billiges Plastikmaterial“), Blumen („blühend oder grün“, aber weder Koniferen noch Kunststoff).

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