Keine Angst vor dem Arzt

+
Die Gelegenheit, im Darm zu wandern, hat man nicht alle Tage. Besucher der Auftaktveranstaltung zur Krebsprävention im Rathaus nutzten sie - und staunten nicht schlecht.

Offenbach - Männer sind Vorsorgemuffel. Zumindest, was sie selbst betrifft. Ihr Auto dagegen hegen und pflegen sie, fahren stets pünktlich zum TÜV. Nur ein Klischee? Nein, wie sich bei der Auftaktveranstaltung zur Aktion „1000 mutige Männer für Offenbach“ herausstellt. Von Veronika Szeherova

Das lässt sich ganz einfach mit Zahlen belegen: „Während fast jede zweite Frau Krebs-Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nimmt, tut es bei den Männern nur jeder fünfte“, sagt der hessische Sozialminister Stefan Grüttner.

Die Aktion, die am Samstag mit einer Infoveranstaltung im Rathaus eingeläutet wird – moderiert vom Chefredakteur unserer Zeitung, Frank Pröse – ist Teil der landesweiten Krebspräventionsinitiative. Unter dem Motto „Du bist kostbar“ bündelt sie in diesem Jahr alle Vorsorgeaktionen. Schwerpunkte liegen auf Haut-, Brust- und Darmkrebs. Für letzteren ist laut Techniker Krankenkasse in den vergangenen vier Jahren das Interesse an einer Vorsorge-Darmspiegelung in Hessen um 52 Prozent zurückgegangen, im Bundesdurchschnitt um 33 Prozent.

Dabei ist Darmkrebs die zweithäufigste Krebsart in Deutschland, etwa einer von 20 Menschen ist betroffen, Männer häufiger als Frauen. 26 000 Menschen sterben pro Jahr an oft eigentlich vermeidbaren Folgen eines Dickdarm-Karzinoms, 65 000 Neuerkrankungen kommen jährlich hinzu. Allein in Offenbach sind es pro Jahr 200. Dabei ist die Vorsorge ab 55 Jahren eine Kassenleistung. Wird der Krebs durch eine Darmspiegelung rechtzeitig erkannt, sind die Heilungschancen gut.

Bilder von der Veranstaltung

Informationskampagne zu Darmkrebs

Doch was tun, um mehr Menschen dazu zu bringen, zur Vorsorge zu gehen? Ein Versuch ist die hessenweit einmalige Aktion „1000 mutige Männer für Offenbach“, deren Name Programm ist: Mindestens 1000 Männer ab 55 Jahren sollen sich im Projektzeitraum von einem Jahr einer Vorsorge-Koloskopie unterziehen (wir berichteten). Das Pilotprojekt im vergangenen Jahr in Mönchengladbach brachte den gewünschten Erfolg. Nun also soll Offenbach zur Modellstadt werden und ebenfalls eine Vorreiterrolle im Kampf gegen den Darmkrebs einnehmen. „Wenn die Menschen eine kostenlose Kassenleistung nicht beanspruchen, dann stimmt etwas mit der Vermarktung nicht“, sagt Marketing-Experte Charles Greene von der Düsseldorfer Agentur Supersieben. Er und sein Team haben das Projekt entwickelt anhand umfangreicher Befragungen der Bevölkerung. „Es ist ein Thema, das die Menschen nicht hören wollen, bei dem sie abblocken“, meint er. „Deshalb mussten wir einen anderen Weg finden als die rationale Information – die emotionale Ansprache.“ Eine Schlüsselrolle spiele das soziale Umfeld, vor allem der Hausarzt und die Partnerin. „Sie nehmen positiven Einfluss auf das Verhalten der Männer, und das machen wir uns zunutze“, so Greene.

Mehr zu der Aktion und zum Thema Darmkrebs finden Sie hier.

Das einzig Leidige, auch das kam bei der Auftaktveranstaltung offen zur Sprache, sei die „Abführung“. Ansonsten aber sei die Untersuchung schmerzfrei und nach 20 Minuten überstanden. Wie genau sie abläuft, erläuterten niedergelassene Offenbacher Ärzte in Vorträgen und in einem eindrucksvollen begehbaren Darm-Modell mit Polypen, Divertikeln und allem, was darin noch so vorkommen kann.

Viele Besucher waren auch gekommen, um sich an den im Rathaus aufgebauten Ständen zu Gesundheitsthemen von Hämorrhoiden bis Brustkrebs zu informieren. Einige Vorträge fanden in Fremdsprachen statt, müssen in Offenbach doch auch die vielen Menschen mit Migrationshintergrund berücksichtigt werden – ein weiterer reizvoller Punkt für das Projekt. Der Ausländerbeiratsvorsitzende Abdelkader Rafoud informierte sich am Samstag ebenfalls. Ein potenzieller „mutiger Mann für Offenbach“? Er lacht. „Naja, ich bin erst 54.“

Minister Grüttner und Peter Dinkel, Vizepräsident von Kickers Offenbach, sind den Weg zur Darmkrebsvorsorge bereits gegangen. Kickers-Präsident Dieter Müller und Fechtlegende Cornelia Hanisch übernahmen bei der Auftaktveranstaltung symbolisch den Staffelstab für das Projekt, für das sie sich stark machen werden. Und einer verkündete spontan seinen Entschluss – Dr. Hans-Rudolf Diefenbach: „Ich mache es jetzt auch!“ Nachahmer sind ausdrücklich erwünscht. Weibliche natürlich auch.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare