Projekt zur Prävention

Sexueller Missbrauch: „Dunkelfeld ist nach wie vor groß“

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Offenbach - Sexuelle Gewalt ist Teil des Alltags geworden. Sie kommt überwiegend im häuslichen und sozialen Umfeld vor und verursacht bei Kindern nicht nur körperlichen Schmerz, sondern auch schweren, mitunter langjährigen seelischen Schaden. Von Harald H. Richter

91 Fälle von sexueller Gewalt gegenüber Minderjährigen sind vergangenes Jahr im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Südosthessen angezeigt worden, 92 waren es im Jahr davor. Auf die Stadt Offenbach entfielen im gleichen Zeitraum jeweils 25 Fälle, im Landkreis gab es 25 Fälle in 2013 beziehungsweise 33 im Jahr 2012. Die übrigen wurden im Main-Kinzig-Kreis einschließlich der Stadt Hanau registriert. Viele solcher Delikte werden jedoch gar nicht bekannt. Die Zahlen nannte Polizeivizepräsidentin Anja Wetz gestern bei einer Pressekonferenz anlässlich der Vorstellung des Projekts „Trau dich“ zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Kindern, das sich an Mädchen und Jungen im Alter zwischen acht und zwölf Jahren wendet.

Rund 700 Schüler aus der Stadt und dem Landkreis hatten mit ihren Lehrern die Gelegenheit zum Besuch einer Aufführung eines interaktiven Bühnenspiels der deutsch-schweizerischen „Kompanie Kopfstand“ im Capitol. Sie sahen ein starkes Stück über Gefühle, Grenzen und Vertrauen.

Im Capitol erlebten die Mädchen und Jungen ein szenisches Spiel, das sie mit einband. Das vierköpfige Ensemble machte den Kern der Sache anschaulich: das Gefühl, jetzt geht etwas zu weit: „Das ist mir zu nah.“ Mehrere dramaturgisch geschlossene Geschichten beinhalteten Videoeinspielungen mit Interviews von Kindern, die im Alltag selbst erfahrene Situationen kommentierten. Damit wollte man erreichen, dass die Kinder Beziehungsmuster entdecken und eine eigene Haltung zum „Ekelthema Missbrauch“ einnehmen.

754 Fälle in Hessen aktenkundig

Die Initiative, deren Kern die Theaterinszenierung bildet, war vor zwei Jahren durch das Familienministerium und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gestartet worden und führte seitdem durch mehrere Bundesländer. Neben Wiesbaden und Offenbach sind Gießen sowie nach den Sommerferien Kassel, Darmstadt, Frankfurt und Fulda weitere Stationen auf der Hessen-Tour. Bis Ende 2014 stehen insgesamt 18 Aufführungen auf dem Spielplan. Damit sollen rund 4 000 Kinder der Jahrgangsstufen fünf und sechs erreicht werden. Schirmherren sind die beiden Staatsminister Stefan Grüttner (Soziales und Integration) und Alexander Lorz (Kultus).

Offenbachs Bürgermeister Peter Schneider: „Es geht darum, das Selbstbewusstsein von Kindern zu stärken.“

Wie notwendig vorbeugende Kampagnen wie diese sind, verdeutlicht die Tatsache, dass 2013 allein in Hessen 754 Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern aktenkundig geworden sind. Die Aufklärungsquote lag bei knapp 86 Prozent. Dieser hohe Wert sei aber kein Grund, sich bequem zurückzulehnen. „Das Dunkelfeld ist nach wie vor groß“, so Polizei-Vize Anja Wetz. Es aufzuhellen, will man durch noch intensivere Präventionsarbeit erreichen, betonte Bettina Brünner von der BZgA. Wichtig sei dabei, dass in allen Regionen Informationsabende für Eltern angeboten und die pädagogischen Fachkräfte der Schulen erreicht würden. „Aus diesem Grund haben wir die Problematik in die thematische Mitte unserer Schulleiterdienstversammlungen gerückt“, ergänzte der Leiter des Staatlichen Schulamts, Peter Bieniussa.

Eine Chronologie von Missbrauchsfällen

Chronologie der Missbrauchsfälle

Auch die Stadt und Kreis tun einiges auf dem Gebiet. Offenbachs Bürgermeister und Jugenddezernent Peter Schneider verwies auf Aktivitäten des Fördervereins Sicheres Offenbach und der Geschäftsstelle Kommunale Prävention. „Es geht darum, das Selbstbewusstsein von Kindern zu stärken und sie zu befähigen, sich bei Grenzüberschreitungen jemandem anzuvertrauen.“ Kreisbeigeordneter Carsten Müller ergänzte: „Das Projekt zeigt Strategien auf, um Missbrauchssituationen erst gar nicht entstehen zu lassen.“ Eine Einrichtung, die sich damit auseinandersetzt und in der Region zwei Beratungsstellen unterhält, ist Pro Familia. „Durch unsere jährlich etwa 200 Gruppenkontakte erreichen wir weite Teile der angenommenen Zielgruppe“, sagte Sprecher Florian Schmidt.

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